28.09.11: Jenseits der Konflikte |
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Andreas Losch |
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Gespräch mit Andreas Losch
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Einführung in das Buch
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(Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht) |
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Die Darstellung beginnt in Kapitel 1 mit einer Kritik an der medial weit verbreiteten (und in neuerer Zeit wieder durch Richard Dawkins vertretenen) Anschauung eines Konflikts zwischen Theologie und Naturwissenschaften (Fälle Galilei, Darwin) und der Idee, dass der Fortschritt der Wissenschaften die Religion zum Rückzug zwinge. Historisch waren die Bestseller von John William Draper und Andrew Dickson White prägend für diese Sicht eines Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glaube. Das Kapitel wird sich mit Inhalt und Intention dieser Schriften kritisch auseinandersetzen. Es soll auch um die Problematik der medialen Darstellung des Themas gehen und der Art und Weise, wie es in zeitgenössischen populärwissenschaftlichen Werken (vornehmlich in deren ›letzten Kapiteln‹) dargestellt wird. Beispielhaft sei hier Stephen Hawkings Kurze Geschichte der Zeit genannt. Sein jüngst erschienener Großer Entwurf bleibt dabei ganz auf der zuvor gezeichneten Linie. |
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Dem setzt die Arbeit als ersten Kontrastpunkt in Kapitel 2 das Modell einer Konsonanz der beiden Disziplinen, wie es der Cambridger Physiker und Theologe John C. Polkinghorne vertritt, entgegen. Behauptet dessen früherer Kollege Hawking, mit einer GUT (Grand Unifying Theory) könne man die Gedanken Gottes erkennen, sieht Polkinghorne die Physik hier an ihren Grenzen und die Theologie als eigentliche GUT an. Es ist zu fragen, wie weit Polkinghornes Gedanken hier nicht zu stark apologetisch geprägt sind. John Polkinghornes Werk wurde bereits wiederholt einer Betrachtung unterzogen, allerdings liegen seit der Dissertation Dinters zahlreiche neuere Publikationen Polkinghornes vor, und Steinkes Arbeit beschränkt sich auf eine philosophische Einordnung des Ansatzes Polkinghornes. Es soll ein kurzer Überblick über Polkinghornes Positionen als exemplarische Darstellung einer typisch angelsächsischen Position geboten werden, die dann konstruktiv-kritisch bewertet werden kann. |
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Welche weiteren Alternativen zum Konfliktmodell es gibt, fragt Kapitel 3. Äußerst einflussreich in der Beschreibung dieser Alternativen war die Typologie Ian Barbours, auf die sich auch Polkinghorne bezieht. Demnach sind als Typen Konflikt, Unabhängigkeit, Dialog und Integration zu unterscheiden. Das Konfliktmodell ist in dieser Arbeit bereits im ersten Kapitel kritisch hinterfragt worden und wird von Barbour auch eher der Vollständigkeit halber erwähnt. Im Blick auf den amerikanischen Kontext muss man vielleicht darauf hinweisen, dass auch von christlicher Seite teilweise ein Konfliktmodell vertreten wird, wenn man an die Kreationismus-Debatte, jüngst um die Frage nach »Intelligent Design« erweitert, denkt. Demgegenüber stellt ein Unabhängigkeitsmodell schon einen wesentlichen Fortschritt dar. Im deutschsprachigen Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist im Gefolge des nachhaltigen Einflusses u.a. der Theologie Karl Barths dieses »schiedlich-friedliche« Unabhängigkeitsmodell noch dominant, während im angelsächsischen wissenschaftlichen Diskurs ein Dialogansatz bzw. sogar ein Integrationsmodell vorherrschen. Allerdings ist zu fragen, ob ein Integrationsmodell nicht auch zu weit führt und zu einer Assimilation der Theologie an die Naturwissenschaften verleitet. Es ist weiterhin kritisch zu untersuchen, von welchem Paradigma aus die Typologie Barbours entworfen worden ist und ob es im deutschsprachigen Kontext möglich ist, die Voraussetzungen dieses Paradigmas zu teilen. |
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Erkenntnisse dazu soll in Kapitel 4 ein Exkurs mit einem Vergleich mit der deutschsprachigen Typologie Jürgen Hübners liefern, die auf dem jeweiligen Verhältnis zur Evolutionstheorie beruht. Hübner unterscheidet dabei fünf Typen. Der Exkurs fragt nach den philosophischen und theologischen Prämissen des Hübnerschen Modells und nach der weiteren Entwicklung seines Denkens. In wie weit lassen sich an Barbours und Hübners Modell typische Merkmale der jeweiligen Traditionen erkennen? |
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Typisch für Barbours Modell ist sein »kritischer Realismus« als Hintergrund der Überlegungen. Es ist daher in Kapitel 5 zu fragen, wo dieser kritische Realismus, den auch John Polkinghorne und Arthur Peacocke vertreten, herkommt. Kritische Realismen sind in der Philosophie mehrfach verfochten worden, im deutschsprachigen Bereich u.a. von Wundt, Külpe und Hartmann, im englischsprachigen Bereich u.a. von Sellars, Lonergan und Niiniluoto. Wie hängen diese kritischen Realismen zusammen (falls sie in Beziehung zueinander stehen)? Ist Barbour die Quelle des kritischen Realismus im Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie, oder von welchen Traditionen wurde er selbst beeinflusst? Es ist nach dem Ursprung des kritischen Realismus zu fragen und sein erstes Auftauchen bei Barbour zu analysieren. Eine Berücksichtigung der gesamten Realismus-Debatte würde sicher zu weit führen, so dass die Arbeit sich auf eine Durchsicht der kritischen Realismen beschränkt. |
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Beschäftigt sich dieses Kapitel zunächst nur mit dem kritischen Realismus in Naturwissenschaften und Philosophie, beschäftigt sich Kapitel 6 dann mit dem für das angelsächsische Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften typischen Auftreten dieser Konzeption auch in der Theologie. Wie wird diese Parallelität eines kritischen Realismus in Naturwissenschaft und Theologie dargestellt und begründet? Es ist zu vermuten, dass der vom kritischen Realismus postulierten Parallelität der Erkenntnis in Naturwissenschaft und Theologie die These eines kontinuierlichen Spektrums der Wissenschaften zugrunde liegt, welche der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition widerspricht. Um dem Unterschied in der Erkenntnis von Natur- und Geisteswissenschaften gerecht zu werden, wird eine Modifikation des kritischen Realismus zum »konstruktiv-kritischen Realismus« vorgeschlagen. |
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Ein Exkurs zur Philosophie Michael Polanyis (Kapitel 7) wird dem Rezeptionsdefizit dieses originellen Chemikers und Wissenschaftsphilosophen im deutschsprachigen Bereich gerecht. Die Forderung Clicqués nach einer noch ausstehenden Diskussion seiner Positionen im Gespräch von Theologie und Naturwissenschaften macht auf den deutschen Sprachraum bezogen ja durchaus Sinn. Daneben ist Michael Polanyi für Polkinghorne der Vertreter des kritischen Realismus par excellence, weswegen im Exkurs genau untersucht werden soll, ob dieser Gebrauch der Philosophie Polanyis als Gewährsmann des kritischen Realismus gerechtfertigt ist. »Wir wissen mehr als wir zu sagen wissen«. Diese zentrale These Polanyis soll in ihrer Bedeutung für die Wissenschaftstheorie und das Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften dargestellt werden. Dass nach Polanyi zu jedem Wissenserwerb ein stillschweigender und leidenschaftlicher Beitrag der Person, die zu wissen wünscht, gehört, macht verständlich, warum er als Gewährsmann des kritischen Realismus herangezogen worden ist: im Gegensatz zum naiven Realismus weiß der kritische Realismus ja um die Bedeutung des Subjektes im Forschungsprozess. Polanyis objektorientierte Unterscheidung von Verifikation und Validation von Wissen berücksichtigt der kritische Realismus allerdings nicht, ein weiterer Grund, ihn so zu modifizieren, dass er dem Unterschied Rechnung tragen kann. |
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Der Schlussteil der Arbeit vergleicht die Idee eines kritischen Realismus mit den Grundannahmen und wesentlichen Themen des deutschsprachigen Gesprächs zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Ein Thema in Kapitel 8 ist die Auseinandersetzung um ein angemessenes Zeitverständnis, wie es von A.M.K. Müller im Anschluss an Carl Friedrich von Weizsäcker und Georg Picht entwickelt worden ist. Dieses konvergiert mit Eberhard Jüngels Betonung der Möglichkeit vor der Wirklichkeit. Es ist zu fragen, wie sich Müllers Zeitverständnis zum kritischen Realismus verhält und wie die Autoren, die diesen unterstützen, mit dem Thema Zeit umgehen. |
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Abschließend soll diskutiert werden, ob der kritische Realismus zu Viktor von Weizsäckers Einblicken in die Einheit von Wahrnehmung und Bewegung in Beziehung gesetzt werden kann (Kapitel 9). Lebendes zu erforschen heißt demnach sich am Leben zu beteiligen, wesentlich ist hier die Einführung des Subjektes in den Erkenntnisprozess. Dies korreliert mit der Einsicht meines konstruktiv-kritischen Realismus, nachdem das Subjekt nicht nur im Forschungsprozess eine Rolle spielt, sondern mehr noch die Wirklichkeit im Zusammenspiel mit den Forschern konstruktiv gestaltet werden muss. Das Modell Viktor von Weizsäckers wurde als den Gegensatz zwischen Nominalismus und Realismus überwindender Ansatz eingebracht, und eben deswegen ist es als möglicher Lösungsansatz für die eingangs dargestellte Problematik zu diskutieren. Auch wenn die Gegensätze nicht so scharf ausfallen sollten, wie bislang angenommen, ist doch eine die angelsächsische und deutschsprachige Tradition vermittelnde Position zu suchen. |
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Dies soll im Fazit in Kapitel 10 dann ausführlich versucht werden. Das Kapitel wird die Ausgangsthese entfalten, nach der der kritische Realismus zum konstruktiv-kritischen Realismus modifiziert werden muss, um das Werden der Welt als Schöpfung erkenntnistheoretisch einzuholen und der Verantwortung des Menschen in der Gestaltung der Welt gerecht zu werden. Dabei soll auch das im angelsächsischen Raum ebenfalls sehr verbreitete Modell Philipp Hefners, den Menschen als »geschaffenen Mit-Schöpfer« zu betrachten kritisch bewertet werden. Letztlich geht es auch um die Positionierung der Theologie im andauernden Gespräch mit den Naturwissenschaften. |
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