Gierer: Im Spiegel der Natur ...

IM SPIEGEL DER NATUR ERKENNEN WIR UNS SELBST - Wissenschaft und Menschenbild
Alfred GIERER

Rowohlt Verlag Hamburg (März 1998) ISBN 3-498-02482 5, 319 Seiten, EUR 26.00 Kart.

Wie beeinflußt die Naturwissenschaft unser Denken? Welche Konsequenzen haben Relativitätstheorie und Quantenmechanik, Evolutionsmodelle und die Spielregeln der Neuronen und Gene für unser Nachdenken über die Welt, in der wir leben, und über uns selbst? Der Physiker und Molekularbiologe Alfred Gierer befaßt sich im vorliegenden Buch mit diesen Fragen und bringt dabei die großen Ideen der Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts auf einen Nenner.Alfred Gierer, geboren 1929 in Berlin, Studium der Physik. Forschungsaufenthalte am M.I.T. und CalTech (USA), seit 1960 wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Leiter der Abteilung Molekularbiologie am Max-Planck-Institut für Virusforschung (seit 1984 MPI für Entwicklungsbiologie), seit 1965 Direktor am Institut und Professor für Biophysik an der Universität Tübingen. Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Halle) seit 1964. (amazon.de)


Autorenportrait: Alfred Gierer

Alfred Gierer, geboren 1929 in Berlin, Studium der Physik. Forschungsaufenthalte am M.I.T. und CalTech (USA), seit 1960 wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Leiter der Abteilung Molekularbiologie am Max-Planck-Institut für Virusforschung (seit 1984 MPI für Entwicklungsbiologie), seit 1965 Direktor am Institut und Professor für Biophysik an der Universität Tübingen. Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Halle) seit 1964.


Rezension von Gottfried Kleinschmidt

Das Werk geht von den Naturwissenschaften und dem Physikalischen Denken aus, untersucht die Beziehungen zwischen Denken und Wirklichkeit und beschäftigt sich mit der Natur des Menschen. Wichtig ist der Blick nach innen in Verbindung mit der Suche nach der Seele im Netz der Neuronen. Ebenso interessant ist die Untersuchung der Menschenbilder im Spannungsfeld von Biologie und Sozialwissenschaft. Schließlich kommt der Autor zu der These: "Immanenz ist gut, Transzendenz ist besser" in Verbindung mit der Frage nach Wissenschaft und Weisheit. Abschließend setzt sich A. Gierer noch mit der viel diskutierten Frage der Neurowissenschaften auseinander "Wie kam der Geist in die Welt?" Dabei geht es insbesondere um die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns und die kosmische Ordnung. An dieser Stelle kann auf zwei neuere Werke hingewiesen werden, die für die Überlegungen A. Gierers besondere Bedeutung haben: Es handelt sich einmal um Colin McGinns Buch "Wie kommt der Geist in die Materie? - Das Rätsel des Bewusstseins" (München 2001). Das zweite Werk ist vor allem aus verhaltensbiologischer Sicht informativ. Lyall Watson beschäftigt sich mit "Der Nachtseite des Lebens" und dabei hauptsächlich mit der "Naturgeschichte des Bösen" (Frankfurt 1997). L. Watson kommt zu dem Schluss, dass wir das Böse mit Hilfe der Funktion der Gene, der Hirnphysiologie, der Verhaltensbiologie und mit Hilfe des Neodarwinismus doch nur teilweise erklären können. Die Nachtseite des Lebens bleibt immer noch rätselhaft und hängt mit der Komplexität (Rätselhaftigkeit) des Lebendigen und des Lebens zusammen. Auch die Beziehungen zwischen Geist und Materie (Bewusstsein) sind immer noch teilweise unerklärlich.

In Verbindung mit einer zusammenfassenden Würdigung des Werkes soll auf einige Kerngedanken des Autors aufmerksam gemacht werden. Dies kann allerdings nur punktuell und ohne Anspruch auf Systematik und Vollständigkeit geschehen.

Die Selbstbescheidung des menschlichen Denkens ist Grundlage für ein neues Verständnis des Beitrags, den die Naturwissenschaft zum Selbstverständnis des Menschen leistet. Wir können vieles, aber nicht alles wissen, und wir wissen inzwischen ganz gut, warum wir nicht alles wissen können (vgl. Kurt Gödel, Werner Heisenberg, Cusanus).

Die Beziehung von Gehirn und Geist, von Geist und Materie, erscheint als eine der interessantesten und zugleich schwierigsten Fragestellungen im Grenzbereich von Naturwissenschaft und Philosophie, und sie führt uns an Grenzen der Selbsterkenntnis. Es geht in den einzelnen Kapiteln des Buches um das, was uns Geschichte und Struktur der Naturwissenschaft über die Beziehung von menschlichem Denken und Wirklichkeit, von Geist und Natur zeigen. Es geht also um das Verständnis des Menschen als Teil der Natur, als Ergebnis der Evolution, als Lebewesen mit Geist und Seele und damit auch als sozial-emotionales Wesen (Empathie). Die größte Herausforderung für die Naturwissenschaft liegt im Bereich des Lebendigen.

Die moderne Naturwissenschaft als Kulturprodukt hat ihre ideengeschichtlichen Wurzeln in der griechisch-jüdisch-islamisch-christlichen Tradition. Dies ist eine zentrale Leitthese der weiteren Überlegungen A. Gierers. An mehreren Stellen beschäftigt er sich mit dem menschlichen Gehirn. Drei Merkmale sind für dessen Funktionen entscheidend: Selbstorganisation, Dezentralisierung und selektive Verknüpfung.

Die Selbstbegrenzung moderner Wissenschaft erfüllt in erstaunlicher Weise philosophische Grundgedanken des "Wissens vom Nichtwissen" (belehrte Unwissenheit), die auf Nikolaus von Kues zurückgehen. Dabei geht es auch um Fragen nach der Beziehung des modernen wissenschaftlichen Denkens zu aktuellen Sinn- und Wertfragen, die allerdings außerhalb des begrifflichen Rahmens objektiver Naturwissenschaft liegen.Die "anthropische Frage" ist zugleich eine permanente naturphilosophische Herausforderung: Warum ist der Kosmos so beschaffen, dass in ihm physikalisch die Möglichkeit "Leben" und insbesondere "Leben mit Geist" enthalten ist?Zu den besonderen Fähigkeiten des Menschen gehören detaillierte Erinnerungen, eine plastische Lernfähigkeit, vorausschauendes Denken, Sprachvermögen, Kommunikation in einem komplexen sozialen Umfeld und Abstraktion über mehrere Stufen mit Hilfe symbolischer Denkformen. Alle diese Fähigkeiten sind variabel und offen für eine Vielfalt möglicher Situationen, sie sind auf eine offene Zukunft angelegt. In der Theorie des Bewusstseins spielen Selbstrepräsentation (Selbstreflexion) und Selbstbezug eine entscheidende Rolle. Auf ihnen beruhen strategisches Denken, ausdrucksstarke Sprache und
kognitionsgestützte Empathie.

In Verbindung mit dem erwähnten "anthropischen Prinzip" erwähnt A. Gierer auch das übergeordnete "Meta-Naturgesetz". Dieses besagt: "Die formale Gestalt der physikalischen Gesetze, die in ihnen vorkommenden Zahlenwerte der Naturkonstanten sowie die Anfangs- und Randbedingungen des Kosmos entsprechen dem Prinzip, dass die naturgesetzliche Ordnung des Kosmos insgesamt Leben mit Geist ermöglicht". Theorien sind Konstrukte des menschlichen Geistes. Die Beziehung zwischen Körper und Geist, zwischen Gehirnprozessen und bewußtem Erleben bildet die faszinierendste Fragestellung im Grenzbereich zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

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