Carl Friedrich von Weizsäcker scheint sehr viele Freunde und nur wenige Gegner zu haben. Zu den vielen freundschaftlichen Briefpartnern gehören u.a. Heinrich Böll, Edward Teller, Niels Bohr, Willy Brandt, Martin Buber, der Dalai Lama, Werner Heisenberg, Hans-Georg Gadamer, Hartmut von Hentig, Karl R. Popper, Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel und viele andere. Die ausgewählten Briefe umspannen ein halbes Jahrhundert (erster Brief vom 30. Mai 1952 an Erwin Schrödinger und letzter Brief vom 24. November 1998 an den Botschafter der Islamischen Republik Iran in der Bundesrepublik Deutschland). Die Publikation erscheint rechtzeitig zum 90. Geburtstag des Jubilars (am 28. Juni 2002). Im Zentrum der Briefe stehen vier Themenkreise: Physik, Philosophie, Politik und Religion.
Exponiert ist die Beschäftigung mit seinem Lehrer Werner Heisenberg, der auch in dem neuen Roman von Jörge Volpi "Das Klingsor-Paradox" (Klett-Cotta, Stuttgart, 2001) eine entscheidende Rolle spielt. C. Fr. von Weizsäcker korrespondierte auch sehr ausführlich mit dem "großen zeitgenössischen Philosophen Martin Heidegger". Ein "lieber Freund der Familie" war auch Hellmut Becker (später Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin). H.Becker hat sich als Anwalt stets für die Persönlichkeitsrechte des einzelnen eingesetzt. Er stellt in einem Interview fest: "Für mich ist der geistige Mensch in der verwalteten Welt eigentlich wieder ein zu verteidigender Angeklagter...". Der Dialog über die "Nürnberger Prozesse" veranlasst ihn zu der folgenden oft zitierten Aussage: "Ich weiß jetzt, dass alles möglich ist und dass die Menschen zu allem, auch zum Negativsten, fähig sind. Insofern hat es meine Vorstellung darüber, was man von Menschen zu erwarten hat, sehr stark geprägt", (Vgl. H. Becker und F. Hager: "Aufklärung als Beruf" München, 1992).
An dieser Stelle kann nur punktuell und selektiv auf einige Punkte der weitgespannten Korrespondenz mit Persönlichkeiten aus aller Welt eingegangen werden. Es sind Briefe, die den Lebensweg und das Lebenswerk eines großen Denkers unserer Zeit kennzeichnen. Es gibt daher viele Möglichkeiten, die Briefe zu würdigen und zu interpretieren.
Interessant und informativ sind die Briefe in Verbindung mit Preisverleihungen, so etwa der "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels", der "Sigmund-Freud-Preis" und der "Hansische Goethepreis". Mitte der 70 er Jahre hat C.Fr. v. Weizsäcker etwa sechzig Horoskope ausgearbeitet. Hierüber korrespondiert er mit H. v. Ditfurth. Sehr arbeitsintensiv war der Vorsitz beim sogenannten "Gorleben-Hearing" vor nunmehr zweiundzwanzig Jahren.
Mehrere Briefe betreffen die Diskussion über seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten. Leider ist seine Korrespondenz mit dem Papst nicht in die ausgewählte Sammlung übernommen worden. In mehreren Briefen beschäftigt sich C.F.v. Weizsäcker mit großen Philosophen und bedeutenden Physikern. Markant ist z.B. folgende Stelle: "Für die drei bedeutendsten Zeitgenossen in der Physik, die ich gekannt habe, schien mir klar, dass Einstein hinter Spinoza hergeht, Bohr hinter Kant und Heisenberg hinter Platon. Alle diese drei Philosophen stehen auch meinem Herzen nah. Vielleicht fühle ich mich selbst am heimatlichsten bei Platon. ... Einstein wie Spinoza wollten wissen, was ist, Bohr wie Kant wollten wissen, was wir wissen können. Da ich nun dezidiert Schüler von Bohr und Heisenberg war, stand mir Kant näher als Spinoza".
Die Korrespondenz macht deutlich, dass C.F.v. Weizsäcker viel gelesen hat, zumal er oft Werke von anderen Autoren zur kritischen Würdigung erhalten hat. Bemerkenswert ist seine Feststellung in einem Brief vom Oktober 1989: "Die Bergpredigt hat mich tiefer beeindruckt als irgendein anderer Text, den ich je gelesen habe, aber eigentlich schien mir der Kern der Religion in der mystischen Erfahrung zu liegen.
Abschließend soll noch in der erforderlichen Kürze auf einen Brief an Hans-Georg Gadamer (vom März 1993) hingewiesen werden, in welchem er sich mit den zwei Welten (zwei Kulturen) - Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft beschäftigt. C.F.v. Weizsäcker beantwortet die folgende Frage: Wie kann es naturwissenschaftliche Gesetze überhaupt in einer Welt geben, die einen solchen Reichtum an Gestalten als Charakteristikum hat?
"Insofern ist also die Naturwissenschaft das Unwahrscheinlichere, verglichen mit der Geisteswissenschaft und eben doch auch derjenigen Naturwissenschaft, die die Natur schon als Vorläufer des Geistes ernst nimmt. Die Antwort auf diese Frage wage ich nicht zu geben, aber ich wollte nur sagen, dass eigentlich dieses das Thema ist, das in der Unterscheidung dieser beiden Welten sich mir zu stellen scheint. Ein hervorstechendes Merkmal der Korrespondenz ist, dass die Beantwortung vieler Fragen sehr vorsichtig und behutsam erfolgt. Auf diese Weise sollen die Leserinnen und Leser zum eigenständigen Nachdenken angeregt werden."
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Carl Friedrich von Weizsäcker feiert seinen 90. Geburtstag. Grund genug, mit einer Sammlung von Briefen aus der Feder des Physikers und Philosophen dessen Zeitzeugenschaft zu dokumentieren. Indes, wer sich eine solche Dokumentation von dieser Briefauswahl erwartet, wird enttäuscht. Sicher: Niemand wird einem anderen vorschreiben wollen, er möge doch bitte sämtliche Briefe offen legen, auch die persönlichsten und heikelsten. In diesem Fall aber hätte man es vielleicht doch besser ganz bleiben lassen sollen. Gemessen an den herausragenden Beiträgen des Autors zur Physik und Philosophie des vergangenen Jahrhunderts, erscheint diese Brief-Edition allzu blass.
Beeindruckend ist lediglich, mit wem Weizsäcker alles korrespondierte: mit den ganz Großen der Physik des 20. Jahrhunderts natürlich (darunter Niels Bohr und Werner Heisenberg -- gerade hier hätte man sich unter anderem ein klein wenig Aufschluss erhofft hinsichtlich der ungeklärten Frage, wie es denn nun wirklich zu dem Zerwürfnis zwischen diesen beiden gekommen ist), großen Philosophen (Heidegger, Jaspers) und natürlich auch Mächtigen (Brandt, Kohl, Honecker, Kissinger etc.). Immerhin erfährt man aus den abgedruckten Briefen an Willy Brandt, weshalb Carl Friedrich von Weizsäcker 1981 die Präsidentschaftskandidatur, die man ihm von Seiten der SPD/FDP-Koalition angetragen hatte, abgelehnt hat: Er wollte in einer Kampfabstimmung weder unterliegen, noch möglicherweise doch obsiegen, weil er fürchtete, das Amt könnte Schaden nehmen, wenn er mit den Stimmen von Abweichlern aus der Opposition gewählt würde. Das alles hat man freilich damals auch in der Presse nachlesen können.
Ansonsten außer einigen wenigen essayistisch-disputierenden Briefen (so an Jaspers über Psychoanalyse und Psychosomatik) immer wieder die gleichen Formulierungen, mit denen der Autor sich entschuldigt, dass er "erst jetzt", und auch jetzt "nur ganz kurz" auf einen Brief antwortet (den wir natürlich nicht kennen), Verabredungen trifft oder ankündigt und so fort. Und immer wieder die Weisheit, die der junge Mann in seinen Zwanzigern bereits fand und die deshalb wohl eines der Leitmotive seines Lebens und seines Briefeschreibens wurde: dass nämlich dauerhafter Frieden einzig und allein zu erlangen sein werde, wenn es gelänge, die Institution des Krieges zu überwinden. Eine sympathische Einsicht, sicher. Und lobenswert, wie sehr sich Weizsäcker dafür zeit seines Lebens eingesetzt hat. Die Edition seiner Briefe aber hätte dieser große Wissenschaftler anderen und späteren überlassen sollen. -- Andreas Vierecke
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