Bührke: Sternstunden der Physik

STERNSTUNDEN DER PHYSIK: Von Galilei bis Lise Meitner

Thomas BÜHRKE,

Verlag C.H. Beck München, 5. Aufl. 2003 - Beck'sche Reihe Nr. 1202, 260 Seiten. ISBN 3-406-49493-5

Die Geschichte der Physik kennt keine Entdeckungen aus dem Nichts, was Newton mit den bekannten Worten beschrieb: "Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe." Andererseits spielten bei den großen Entdeckungen nicht selten Intuition und Zufall eine entscheidende Rolle. Newton verfiel auf die Idee von der Gravitation, als ein Apfel vom Baum fiel. Becquerel entdeckte die Radioaktivität, weil die Sonne nicht schien, und Einstein hatte einen entscheidenden Geistesblitz, als er sich vorstellte, was ein Mensch verspüren mag, wenn er vom Dach eines Hauses fällt. So erzählt Thomas Bührke hier nicht nur von den großen Momenten in der Physik und ihrer Bedeutung für unser Verständnis von der Welt, sondern entwirft zudem ein anschauliches Bild von den Menschen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, denen wir jene Sternstunden der Physik verdanken. (amazon.de)


Über den Autor

Thomas Bührke ist promovierter Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist. Seine Artikel und Reportagen erscheinen u. a. in bild der wissenschaft, Die Welt und in der Süddeutschen Zeitung. (amazon.de)


Rezension von Gottfried Kleinschmidt

In Verbindung mit der Begabtenförderung ist es interessant und informativ, dass inzwischen neue Werke über die "Sternstunden" in der Philosophie, in der Literatur, in der Kunst vorliegen. Die „Sternstunden der Physik" sind eine wichtige Bereicherung in dieser Reihe. Der Autor hat in gekonnter Form und stilistisch sehr anregend Biographisches mit der Lebensleistung und den Persönlichkeitsmerkmalen der folgenden hervorragenden Physiker verknüpft: Galileo Galilei (1564-1642), Isaac Newton (1642-1727), Michael Faraday (1791-1867), James Clerk Maxwell (1831-1879), Albert Einstein (1879-1955), Max Planck (1858-1947), Henri Becquerel (1852-1908), Ernest Rutherford (1871-1937), Niels Bohr (1885-1962), Werner Heisenberg (1901-1976), Enrico Fermi (1901-1954) und Lise Meitner (1878-1968). Thomas Bührke zeigt eindrucksvoll und überzeugend, dass Entdeckungen in der Physik, auch wenn sie von hochbegabten und genialen Persönlichkeiten stammen, fast immer erst nach hartem, zähem Ringen möglich geworden sind. Mit diesem unausgesetzt angestrengten Nachdenken sind sehr häufig faszinierende persönliche Schicksale verbunden. Auch für hochbegabte Physiker gilt "das Menschliche, allzu Menschliche". Ihr Werdegang ist oft außergewöhnlich und spannend zugleich. Der Autor will zeigen, welche Beziehungen zwischen dem großen Augenblick in der wissenschaftlichen Leistung (der Sternstunde) und der jeweiligen Persönlichkeit bestehen. Aus dieser Perspektive hat das Werk eine besondere Bedeutung für die Begabtenförderung.

Die Lebenswege der zwölf "Ausgewählten" weisen kaum Gemeinsamkeiten auf. Viele von ihnen zeichnen sich allerdings durch eine ungewöhnliche Begabung aus, die sich bereits in der Schule zeigt, so etwa bei Enrico Fermi oder Werner Heisenberg, andere "explodieren" geistig erst später, wie etwa Albert Einstein. Allerdings gibt es etwas Gemeinsames, welches Thomas Bührke in der "Besessenheit beim Lösen eines Problems" sieht. Er schreibt in der Zusammenschau seiner Untersuchungen: "Nur eines scheint allen gemeinsam zu sein: eine wahre Besessenheit beim Lösen eines Problems, ein Zwang geradezu, der sie bis an den Rand der geistigen und körperlichen Erschöpfung treibt". Jede Entdeckung, jede revolutionäre Theorie ist ein Prozess und hat eine Vor- und Nachgeschichte. So meinte I. Newton: "Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe". Und Max Planck meinte: Eine fruchtbare Theorie entspringt niemals aus dem Nichts. Man ist stets auf die Ergebnisse der schon vorliegenden Untersuchungen angewiesen. Jeder Forscher, der vorwärts kommen will, muss daher kennen lernen, was andere vor ihm geleistet haben. Die ausgezeichnete Auffassungsgabe, das hervorragende Gedächtnis und die hohe Lerngeschwindigkeit erlauben es den Hochbegabten, rasch bis zum aktuellen Forschungsstand der Wissenschaft vorzudringen.

"Die Sternstunden der Physik" sind nicht geplant und lassen sich auch nicht vorherbestimmen. Es gibt "glückliche Zufälle", die vor dem Unglück bewahren. Im August 1665 brach in London die Pest aus. Newton besuchte das Trinity und es wurde aus Vorsicht geschlossen. Newton zog sich für zwei Jahre in sein Elternhaus zurück. Und ausgerechnet hier schien nun plötzlich das Gelernte wie ein anschwellender Fluss über die Ufer zu treten und in geistiges Neuland hinein zu strömen. In diesen zwei Jahren legte er die Grundlagen für seine Infinitesimalrechnung, für eine neue Lehre des Lichts und für die revolutionäre Gravitationstheorie. Innerhalb von vierzehn Jahren gelang es Michael Faraday, der Sohn eines armen Hufschmiedes war, vom Buchbinderlehrling zu einem der angesehensten Wissenschaftler in Großbritannien aufzusteigen. Ganz anders verlief die Entwicklung von James Clerk Maxwell. Er hatte es nicht leicht unter seinen Mitschülern in der Edinburgh Academy. Auffällig und ungewöhnlich waren sein schottischer Akzent und seine unkonventionelle Kleidung. Zunächst zeigten sich bei ihm keine besonderen Interessen. Im Alter von dreizehn Jahren faszinierte ihn plötzlich die Geometrie und er bastelte aus Papier geometrische Körper. Mit vierzehn Jahren erhielt er bereits den ersten Preis für englische Lyrik und eine Medaille für hervorragende Leistungen in Mathematik. Bei seinen Spaziergängen am Meeresstrand überlegte er, ob es möglich wäre, die Wellenbewegungen an der Küste mathematisch zu beschreiben. Zeitgenossen bewunderten seinen Charme, seinen Witz und Humor. Er verband "einen großen Intellekt mit einem kindlich-leichtgläubigen Vertrauen". Maxwell war es vorbehalten, "die Jahrhundert-Theorie" (Maxwell'sche Gleichungen) zu entwickeln. Er arbeitete insgesamt zehn Jahre an seiner Theorie. Maxwells Gleichungen bilden zusammen mit Newtons Gravitationsgesetz und Ludwig Boltzmanns Formeln zur statistischen Beschreibung von Gasen die wichtigsten Säulen der klassischen Physik. Boltzmann sagte in seinen "Vorlesungen über Maxwells Theorie" voller Verehrung: "War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?"

In jedem Beitrag über die "zwölf Ausgewählten" werden die Höhepunkte im geistigen Entwicklungsprozess beschrieben. Oft sind es Prozesse der Einsamkeit, des zähen, langen Ringens, des Zweifelns, des Suchens, des Annehmens und wieder Verwerfens, aber auch des Glücks, der Befreiung und der kindlichen Freude! Heute spricht man in diesem Zusammenhang vom sogenannten "Flow" (Mihaly Csikszentmihalyi). Einige Merkmale des "Flow-Effektes" sind: das unmittelbare Feedback, das geistige Gleichgewicht, die Selbstvergessenheit, die Aufhebung des Zeitgefühls, die selbstgenügsame Aktivität!


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