29.04.09: Darwin Rocks!

Das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt "Darwin Rocks!" macht über Musik neugierig auf die Evolution. In Video und interaktivem Spiel werden die Grundprinzipien der Evolution erläutert.
Das Projekt ist so originell, dass ich es Ihnen nicht vorenthalten möchte und deshalb in die Rubrik "Rezensionen" aufgenommen habe.


Komposition durch Evolution

Die erste Säule des Projekts ist ein Computerspiel, in dem ein Musikstück durch evolutionäre Mechanismen entsteht, durch zufällige Mutation und bewertende Selektion.

Mein Evolutionsversuch: Mutation + Selektion
Ich starte in der ersten Generation mit einer Anzahl von Musikfragmenten. Meine Rolle ist nun die der bewertenden, selektierenden Umwelt. Ich kennzeichne die Fragmente nach Gefälligkeit und entscheide damit über ihren Vermehrungserfolg: Gefälliges vermehrt sich, weniger Gefälliges kann aussterben. Die nächste Generation ist also durch meine Selektion, aber auch durch hinzukommende Mutationen, kleine, zufällige Veränderungen, geprägt. Jede neue Generation wird von mir bewertet, bis die 30. Generation entstanden ist. Aus anfänglichem Chaos ist nun ein "Musikstück" entstanden. Hören Sie selbst:


Musik durch Evolution Mutativ entstandene Musikfragmente werden der Selektion unterworfen: grün=gefällt, rot=gefällt nicht.


Mein Kontrollversuch: Mutation OHNE Selektion
Was passiert, wenn der reine Zufall regiert? Wird aus Chaos ein geordnetes Musikstück? Ich habe 30 Generationen evolvieren lassen, ohne als "bewertende Umwelt" einzugreifen. Nur die Mutation hat das Sagen. Das Ergebnis:



Meine Erkenntnis
Durch reinen Zufall entsteht keine Musik, allgemein: keine Gestalt, nichts Komplexes. Aber das hat ja auch nie ein Evolutionsbiologe behauptet. Wohl aber haben sich die Evolutionsskeptiker immer vor dem Schreckgespenst "Zufall" gefürchtet. Der Mensch - so ihre Argumentation - kann doch wohl kein Produkt des Zufalls sein. Das vorliegende Evolutionsspiel demonstriert eindrücklich, dass nur das Zusammenspiel von zufälliger Mutation und bewertender Selektion zu sinnvollen Ganzheiten führt.
Genau an dieser Stelle lauern allerdings interpretatorische Kontroversen. Bei der Simulation ist es eindeutig: Insofern ich die Rolle der Selektion einnehme, bringe ich ein Ziel, eine teleologische Komponente ins Spiel ("Gefälligkeit"). Wer oder was aber ist das selektierende Subjekt, wenn man sagt: "Die Natur selektiert"? Ist hier auch eine teleologische Komponente im Spiel? Die Naturalisten bestreiten jede Zielgerichtetheit der Natur, während beispielsweise Intelligent-Design-Vertreter das Evolutionsspiel als Bestätigung ihrer Sicht deuten können: Design entsteht eben nur durch einen intelligenten Designer.
Wie auch immer: Das Spiel ist motivierend und lehrreich. Durch das Verändern verschiedener Stellgrößen (Mutationsrate, sexuelle oder asexuelle Vermehrung, Simulation von Naturkatastrophen etc.) lassen sich viele Regeln und Prinzipien der Evolution spielerisch erfahren. Begreifen durch Eingreifen war schon immer ein bewährtes pädagogisches Mittel.


"struggle for love" statt "struggle for life"

Die zweite Projektsäule ist ein Musikvideo. Die Musik - so die Auskunft der Macher - ist "selbstverständlich mit dem Musikprogramm generiert, sie ist also durch Evolution entstanden". Die Vertextung und videografische Umsetzung setzen eindrücklich die These der Projektgruppe um: "Die natürliche Selektion dreht sich nämlich nicht direkt um den Kampf ums Überleben, sondern es ist die Fortpflanzung, die Sexualität, kurz die Liebe, die zählt." Der Titel des Clips heißt deshalb vielsagend "ÜberLieben" und nicht etwa schlicht Überleben.




Titel: Überlieben
... Evolution
Es ist klar,
dass es Liebe ist,
woran sie misst.
Ja, sie misst alle Wesen
Nur an den Kindern ihrer Kinder.
Evolution! ...


Title: Struggle for Love
... It’s Evolution
It is clear
That it’s love
By which it rates:
For it measures all the creatures
Only by the children of their children
Evolution! ...


Manchen wird zwar die rasche Gleichsetzung von Fortpflanzung, Sexualität und Liebe soziobiologisch reduktionistisch anmuten: Reproduktive Fitness ist schließlich nicht mit Liebe identisch. Umgekehrt aber - so wird man einräumen müssen - wird Liebe die reproduktive Fitness erhöhen (der Religionswissenschaftler Michael Blume hat den gleichen Zusammenhang zwischen Religion und Fortpflanzung beschrieben: Bio-Logik des Glaubens). Also wird man getrost - auch dem Wortspiel zuliebe - das häufig missverstandene und missbrauchte "struggle for live" in ein "struggle for love" überführen dürfen.


Die Macher von "Darwin Rocks"

Projektidee und -durchführung verdanken sich maßgeblich einer Gruppe von Evolutionsbiologen der Uni Tübingen unter Leitung von Prof. Dr. Nico Michiels. Nico Michiels war als Referent mehrfach bei uns zu Gast; über das vorliegende Projekt hinausgehende evolutionsbiologische Informationen erhalten Sie in Michiels Multimediapräsentation "Wissen und Weltanschauung aus der Perspektive des Evolutionsbiologen".


Links zum Projekt

[zur "Darwin Rocks!" homepage]
[zum Evolutionsspiel]
[zum Video]

[zu den interessanten, aber etwas versteckten Hintergrundinformationen]


Zur Vertiefung

Michiels: Wissen und Weltanschauung Religiosität ist eine alte Eigenschaft des modernen Menschen, jedoch wenig flexibel. Wissenschaft fordert Flexibilität, ist aber eine eher neue Eigenschaft. Trennlinie wo es um das eigene Leben geht. Konflikte drehen sich um Definitionen. Sehnsucht nach Vertrauen einigt alle!



Blume: Die Bio-Logik des Glaubens Es ist viel einfacher, den Glauben an Gott mit dem Glauben an den Weihnachtsmann gleich zu setzen, anstatt ehrlich zu fragen, warum sich das eine lebensweltlich und empirisch so anders auswirkt als das andere.




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