27.05.08: Chef der vatikan. Sternwarte über Aliens

Unter Aufmachern wie „Katholiken dürfen an Außerirdische glauben“ (Spiegel) kommentierten in den vergangenen Wochen verschiedene Zeitungen die Äußerungen des Jesuiten und Direktors der Vatikanischen Sternwarte, José Gabriel Funes, zur Vereinbarkeit außerirdischer Intelligenzen mit christlichem Denken. Nur wenige drangen dabei zum eigentlichen theologischen Problem vor.


So arbeitet sich Spiegel-online an einem Scheinkonflikt ab, der oberflächlicher nicht betrachtet werden kann. Vor dem Hintergrund des Gebots „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ überraschte den Spiegel, dass der Glaube an Außerirdische laut Funes in keinem Widerspruch zum Glauben an Gott stehe. Als ob der Glaube an Außerirdische mit dem Glauben an einen konkurrierenden Gott gleichzusetzen wäre. Ich kann doch auch an die Existenz bisher nicht entdeckter irdischer Arten glauben, ohne dass mein Gottesglaube auch nur ansatzweise hinterfragt wird. Typischerweise wird der Begriff des Glaubens hier univok verwendet und nicht differenziert. Deutlich müsste unterschieden werden zwischen sachbezogenem Glauben („ich glaube an die Existenz bisher unentdeckter Arten“) und personalem Glauben („ich glaube an Dich“, im Sinne von „ich vertraue Dir“). Im zweiten Sinne kann zwar vom Gottesglauben, sicherlich aber nicht vom Glauben an Außerirdische die Rede sein, und damit ist die vermeintliche Konkurrenzsituation vom Tisch.


Welt-online dagegen kommt dem eigentlichen Problem schon näher: Der Artikel „Außerirdische sind unsere Brüder“ gibt zu bedenken, dass „Jesus schließlich auf dem Planeten Erde gestorben und auferstanden ist und damit die Menschen erlöst hat. Wie steht es dann also um die Erlösung der Brüder im All?“ In der Tat hat sich Gott nach katholischer Auffassung im Menschen Jesus inkarniert und sind die Menschen durch das Christusereignis erlöst. Dies ist aber „einmalig und wurde ein für allemal vollzogen“ (KKK 1545, auch 614). Bleiben die Aliens also unerlöst? Mit dem Hinweis auf Funes’ Mutmaßung, dass die Außerirdischen vielleicht „gar keine Erlösung nötig haben, weil sie keine Sünder sind“ endet der Welt-online-Artikel – nicht aber das Problem.


Florian Rötzer („Außerirdische? Kein Problem für die katholische Kirche“) fragt weiter: Was, wenn sie doch Sünder sind? Ist der Hinweis „irgendwie werden sie doch die Barmherzigkeit Gottes genießen können“ ein befriedigender Ausweg aus der Verlegenheit?


Offenbar hält Pater Funes die Inkarnation nicht nur in irdischen, sondern auch in kosmischen Maßstäben für ein „einmaliges Ereignis, das nicht wiederholt werden kann“ (Vatican astronomer says believing in aliens does not contradict faith in God; Vatican Diplomacy vom 13.05.2008) und argumentiert damit genau wie sein Vorgänger George Coyne im Jahr 2006: „Stellen wir uns einmal eine Konversation mit einem Außerirdischen vor. … Nehmen wir an, er bejaht, seine Großeltern hätten ihm erzählt, dass die Urahnen einst sündigten. Wurdet ihr erlöst? Nun, wenn er jetzt antwortet: Ja, wir wurden erlöst, weil Gott uns seinen einzigen Sohn schickte, dann haben wir ein theologisches Problem. Konnte Gott seinen einzigen Sohn, wahrer Gott und wahrer Mensch, zu uns schicken und seinen einzigen Sohn, wahrer Gott und wahrer Marsianer, zu einem anderen Planeten?“ (Aliens und Atheisten, Die Zeit vom 16.02.2006) Coynes Hintertür: „Ich sehe zwar nicht, wie das gehen sollte. Aber meine eingeschränkte Vorstellungskraft bedeutet nicht, dass es nicht geht“ (ebd.).


Coynes Vorstellungskraft hätte sich bei keinem geringeren beflügeln lassen können als bei Karl Rahner. Bereits 1981 geht Rahner positiv auf die Möglichkeit extraterrestrischer Intelligenz ein und formuliert mit dogmatischem Mut, „dass diesen anderen leibhaftigen geistigen Wesen sinnvollerweise doch auch eine übernatürliche Bestimmung in Unmittelbarkeit zu Gott zugeschrieben werden müsse“, und man „wird wohl nicht beweisen können, dass eine mehrfache Inkarnation in verschiedenen Heilsgeschichten schlechterdings undenkbar sei“ (in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Bd. III, Freiburg 1981, 72).


Das Problem, das mit den jüngsten Äußerungen von José Gabriel Funes aufgeworfen wurde, ist also nicht neu. Dem oberflächlichen Blick entgeht leicht, dass es letztlich um ein Grundproblem christlichen Denkens geht, der Frage nämlich, wie einem geschichtliches Ereignis (Jesus Christus) eine allumfassende zeitliche und globale, wenn nicht kosmische Bedeutung zugeschrieben werden kann.


G. E. Lessing "Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden"

Ausführlich zu diesem Thema

Heinz-Hermann Peitz (Hg.)

Der vervielfachte Christus - Außerirdisches Leben und christliche Heilsgeschichte

Stuttgart 2004, 112 S., ISBN 3-926297-90-5, Preis 7,00 €

mit Beiträgen von R. Weinberger: Sind wir allein im Universum?; R. Kather: Von der Dezentrierung der Erde und der Unendlichkeit des Universums bei Nikolaus von Kues und Giordano Bruno; Linus Hauser: Außerirdisches Leben: Herausforderung für die Theologie?

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