24.03.10: Sloterdijks Herausforderung |
||||||||||||
Peter Sloterdijk |
|
|||||||||||
Rezension von Johanna Rahner
|
||||||||||||
(Auszug aus dem Vortrag "Zwischen Projektion und Wahn") |
||||||||||||
|
Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern". Foto von Rainer Lück in Wikipedia s.v. Sloterdijk |
|||||||||||
Klassiker im Hintergrund
|
||||||||||||
Unverkennbar stehen hier beide Klassiker der Religionskritik im Hintergrund; doch vor allem Nietzsche ist der unverkennbare Kronzeuge für Sloterdijks Ausführungen (vgl. ebd. 16). Sloterdijk liefert so etwas wie eine spirituell-übungstechnische Umsetzung des genealogischen Prinzips Nietzsches und seiner Aufforderung zur Selbstkonstruktion. Und wenn dabei die ‚ewige Widerkehr des Gleichen’ auch noch übungstechnische Erfolge zeitigt, umso besser. |
||||||||||||
Nutzen bedeutet nicht Projektion
|
||||||||||||
Doch was ist von diesem Anspruch zu halten? Dass der Mensch aus Religion und Glaube und der damit verbundenen Praxis auch Nutzen zieht, beide also auch über einen anthropotechnischen Gehalt und damit einen gewissen ‚Wellness-Charakter’ verfügen, belegt nicht zwangsläufig bereits deren Projektionscharakter. Das Faktum anthropotechnischer Wirkung religiöser Praxis und ihre Rekonstruierbarkeit können nicht per se Religion und Transzendenz als illusionär beweisen. Im Gegenteil! Nehmen wir die Verankerung und Relevanz des Religiösen auch in ihrer biologisch-naturalen Dimension ernst (und vieles spricht dafür; vgl. die eingangs erwähnten Beiträge aus Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften) so wäre sehr erstaunlich, wenn sie nicht wirklich auch über biologisch-naturale Wurzeln verfügten, also das Glaube und Religion dem Menschen auch ‚gut’ täten (individuell und evolutionär betrachtet!). Damit ist dieses Faktum aber nicht einfach allein aus sich selbst, also rein naturalistisch erklärbar. Diesem erkenntnistheoretischen Denkfehler der Ableitung eines ‚allein’ und ‚nur’ aus der Realität des Faktums selbst unterliegt manch biologistisch-naturalistischer Naturwissenschaftler bis heute immer wieder.Die theologische Kritik muss aber noch einen Schritt weitergehen. Was ist von den Nietzscheanischen Phantasien einer Selbstoptimierung durch anthropotechnische Selbstgestaltung (und bei Sloterdijk reicht das bis hin zu biotechnischen Züchtungsverfahren; vgl. seine Elmauer Rede über die ‚Regeln für den Menschenpark’!) zu halten? Es ist wohl kaum erstaunlich, dass gerade in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung mitsamt einer bewusst überfordernden Ethik als Religionsersatz zum Fetisch geworden ist, Martin Luthers Grunderkenntnis des ‚allein aus Gnade in Jesus Christus gerechtfertigten Sünders’ immer noch oder erst recht wieder grundlegend befreiend wirkt. So lautet der gegenüber jeglichem Selbstoptimierungszwang entscheidende christliche Grundsatz eben nicht ‚Du sollst’ oder ‚Du musst’, sondern ‚Du bist’! Du musst dir dein Dasein, dein Leben, dein ‚du-selbst-sein-dürfen’ nicht machen, verdienen, rechtfertigen, weder durch moralisches Spitzenverhalten, noch durch das, was du selbst leistest und dir daher ‚leisten’ kannst. Es genügt, dass es dich gibt, weil Gott gesagt hat: ‚Sei!’ und: ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen!’ ‚Selbst sein’ und trotz Schuld wieder ‚ein anderer werden’ zu können und das nicht restlos aus eigener Kraft tun zu müssen, das ist das entscheidende Versprechen des Christentums. Nur im Horizont einer solch grundlegenden, transzendenten Bejahung entkommt der Mensch wirklich jener prinzipiellen ‚Angst ums Dasein’, in die jede auf sich allein gestellte, rein aufs Diesseits konzentrierte Existenz notwendig gerät. Selbst die subtilste Selbstveredelungs- und Selbstrechtfertigungstaktik und -technik schafft es nämlich nicht, das Ärgernis des Todes aus der Welt zu schaffen. Christliche Hoffnung gründet und begründet sich in diesem ‚Funken von außen’, diesem Gegenüber’, das Glaubende ‚Gott’ nennen. Sie provoziert mit dem Zusage, dass sich die Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was als Erhofftes sein könnte, nicht durch unser Zutun, sondern durch das eines ganz Anderen schließen wird und gerade in diesem Modus der Hoffnung (Immanuel Kant würde sagen: als Postulat) das entscheidende ‚Humanum’ wahrt. Diese Option ins ‚Spiel des Lebens’ einzubringen und sie offenzuhalten, ist die bleibende Aufgabe von Theologie! |
||||||||||||
|
||||||||||||
(C) Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2011 - Alle Rechte vorbehalten |
||||||||||||