21.12.09: Ist der Papst Neo-Kreationist? |
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Alan Posener |
Alan Posener zu Benedikts Schöpfungslehre: "Der 'Meister der schönen und einfachen Sprache' betreibt hier Aldi-Theologie" |
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Was heißt "Evolutionismus"?
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Zu Beginn der Darwinthematik bezieht sich Posener auf das wichtige Treffen des Ratzinger-Schülerkreises, das in dem Band "Schöpfung und Evolution" (S. O. Horn / S. Wiedenhofer [Hg.], Augsburg 2007) gut dokumentiert ist und breite Beachtung gefunden hat. Schon der erste Satz Poseners führt in die Irre. Für ihn handelte es sich um ein Treffen, "bei dem der wissenschaftliche Ansatz Darwins, die Evolution ohne Gott zu erklären, als 'Evolutionismus' verteufelt" (Posener 163) werde. Die These, der Papst lehne die Evolutionstheorie ab, kann Posener nur plausibel machen, weil er durchgängig Evolutionstheorie und weltanschaulich aufgeladene Deutung (!) der Evolutionstheorie in einen Topf wirft. Es wird sich zeigen, dass sich die kirchlich kritischen Stimmen im großen und ganzen gegen die weltanschauliche Ausweitung der Evolutionstheorie wenden, nicht gegen die Theorie als Wissenschaft. Keineswegs wird also der "wissenschaftliche Ansatz Darwins" verteufelt. Selbst Kardinal Schönborn, der mit seinem Artikel "finding design in nature" am ehesten im Ruf stand, die Evolutionstheorie zu kritisieren, fordert deutlich, "dass zwischen der wissenschaftlichen Theorie der Evolution und ihren weltanschaulichen bzw. philosophischen Deutungen unterschieden wird" (Horn 86), und fragt: "Wo ist in Darwins Theorie (und in ihren Weiterentwicklungen) wirkliche Wissenschaft am Werk, und wo handelt es sich um weltanschauliche, ideologische Elemente, die wissenschaftsfremd sind? Man muss Darwin vom Darwinismus lösen, ihn von den ideologischen Fesseln befreien." (ebd. 84f.). Die von den Naturwissenschaften vorgenommene methodische Beschränkung auf das Quantifizierbare, bei der ein Design nicht vorkommen muss (89), wird nicht in jeder Hinsicht kritisiert, sondern hat nach Schönborn "die enormen Erfolge der Naturwissenschaften ermöglicht". Was er kritisiert, ist hingegen folgendes: "Es wäre höchst problematisch, wollte man das, was hier methodisch ausgeblendet wurde, einfach als nichtexistent erklären" (92). Sofern Schönborn die Behauptung, der Mensch, die Natur etc. sind nichts anderes als das evolutionstheoretisch Beschreibbare als Evolutionismus kritisiert, ist ihm nur zuzustimmen. |
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progetto intelligente = intelligent design
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Aus dem genannten Buch (Horn 21) entnimmt Posener auch eine kurze Charakterisierung der Papstposition, "der vom Kosmos als einem 'intelligenten Projekt' spricht" (Posener 163). Hier hat sich Posener sogar eine argumentative Chance entgehen lassen. Das ursprünglich italienische "progetto intelligente" ist in der offiziellen englischen Fassung gar als "intelligent design" wiedergegeben, was zumindest auf der sprachlichen Oberfläche Posener unterstützt hätte. Aber: die Verwendung von "Design" im Sinne von "Plan" ist in rein theologischem (nicht naturwissenschaftlichem) Kontext legitim. Eine inhaltliche Nähe dieser theologischen Äußerung zur Intelligent-Design-Bewegung, die ja auf der naturwissenschaftlichen Ebene ansetzt, ist damit nicht notwendig gegeben (siehe weiter unten und auch meine Rezension des Horn-Buches). |
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Ist der Mensch kein Evolutionsprodukt?
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Indikator für die Evolutionskritik ist für Posener auch das Papstzitat, das das Vorwort des Hornbandes anführt: "Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution" (Posener 163). Genauer besehen sagt der Papst hier aber keineswegs, dass der Mensch kein Evolutionsprodukt ist. Die Betonung liegt auf "zufällig" und "sinnlos": Der Mensch ist eben kein sinnloses Evolutionsprodukt. Denn - so die Weiterführung des Zitates - "jeder von uns ist Frucht eines Gedanken Gottes" (Horn 7). Hier deutet sich die Frontstellung an, die schon Ratzinger auf naturphilosophischer Ebene gegen Jacques Monod eingenommen hat (siehe unten). |
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Will Benedikt eine "physikalische Theologie"?
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Posener behauptet, nach Ratzinger mache "das Christentum keinen Unterschied ... zwischen wissenschaftlicher und religiöser Betrachtungsweise", es sei in Ratzingers Worten eine "physikalische Theologie" und erhebe "den Anspruch, die Antwort auf alle Fragen der Naturwissenschaften bereits zu kennen". Blanker Unsinn! |
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Evolutionstheorie und das Ganze der Wirklichkeit
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Generös will Posener bei Ratzinger "über einige - durchaus typische - sprachliche Tricks hinwegsehen" (176). Genau an dieser Stelle versucht Posener es selbst mit einem sprachlichen Trick: der Vertauschung von Restriktion durch Explikation. Was ich damit meine, wird unmittelbar klar, wenn Posener Ratzinger die Aussage unterstellt, "die Evolutionstheorie wolle 'umfassend das Ganze alles Wirklichen erklären'" (176). Das hat Ratzinger so nicht gesagt. Er spricht auch nicht von der Evolutionstheorie, sondern von einer bestimmten Variante. Er kritisiert "eine umfassend das Ganze alles Wirklichen erklärenden Evolutionstheorie" (so auch von Posener 175 zitiert). Anders ausgedrückt kritisiert er nur eine solche Evolutionstheorie, die umfassend das Ganze alles Wirklichen erklärt. Die Menge der kritisierten Evolutionstheorien wird auf eine bestimmte eingegrenzt (Restriktion). Bei Posener liest sich das so, als ob Ratzinger die Evolutionstheorie, die bekanntlich umfassend das Ganze alles Wirklichen erklärt, kritisiere. Der Zusatz grenzt hier nicht ein, sondern erklärt die Bezugsgröße "Evolutionstheorie" (Explikation). Noch einmal anders formuliert: Ratzinger kritisiert |
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Benedikt = Schönborn?
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Posener erinnert daran, dass Johannes Paul II. 1996 einräumte, "in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen". Der jetzige Papst wolle diesen wichtigen Schritt wieder rückgängig machen: "Keine zehn Jahre nachdem Johannes Paul II. den Darwinismus vorsichtig anerkannt hat, lässt sein Nachfolger diese Anerkennung mit einem Paukenschlag wieder zurücknehmen und schlägt sich auf die Seite der Kulturkrieger" (Posener 181). Der Paukenschlag hat einen Namen: Kardinal Christoph Schönborn, auf dessen Argumentation Posener das Folgende aufbaut, statt auf Originaltexte aus der Feder Benedikts zurückzugreifen. In der Tat hatte Schönborn in dem Beitrag "Finding Design in Nature" in der "New York Times" 2005 die Anerkennung der Evolutionstheorie durch Johannes Paul II. als "rather vague and unimportant" heruntergespielt. Posener übersetzt hier übrigens richtig mit "unwichtig", während die Website der Erzdiözese Wien die Schärfe mit "weniger bedeutend" etwas herausnimmt. Die Wortwahl ("design") in Überschrift und Hauptthesen nährt freilich den Verdacht der Nähe zum "Intelligent Design". Wenn Schönborn im englischen Original schreibt, "that by the light of reason the human intellect can readily and clearly discern purpose and design in the natural world", und dass "any system of thought that denies or seeks to explain away the overwhelming evidence for design in biology is ideology, not science", dann ist es durchaus nicht illegitim, wenn Posener bei der Übertragung ins Deutsche weiterhin von "design" statt von "Plan" spricht. In der Tat war der genannte Beitrag Schönborns international und interdisziplinär heftig umstritten. Auch aus eigenen, sprich: theologischen Reihen wurde mit Kritik nicht gespart. |
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War Ratzinger schon immer evolutionskritisch?
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Die vermeintliche Evolutionskritik Benedikts will Posener mit früheren Schriften Ratzingers konsolidieren. Dieser habe "wiederholt seine Ablehnung der Darwin'schen Evolutionstheorie öffentlich kundgetan" (183). So meine Ratzinger in einer Schöpfungskatechese von 1981 in Poseners Worten, "die 'neue Gesinnung', die sich bei Galilei ankündigt, wolle 'jene Frage der Vernunft nach dem Woher der Welt und ihrem Design' (sic!) wegschieben" (Posener 183). Schauen wir ins Original und stellen die Zitatfragmente in den Satzzusammenhang. O-Ton Ratzinger: "Marx will damit jene Frage der Vernunft nach dem Woher der Welt und ihrem Design ... wegschieben" (Ratzinger, Im Anfang schuf Gott, München 1986, 33). Man traut seinen Augen nicht, wenn man gewahr wird, dass es gar nicht Darwin ist, von dem sich Ratzinger abgrenzt, sondern Marx und der Marxismus. |
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Papst beruft sich auf Kreationisten?
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An einer Stelle kritisiert Posener allerdings völlig zu Recht (Posener 185-190). In Ratzingers Rede an der Pariser Sorbonne, die Schönborn als "ausführlichste Stellungnahme zu unserem Thema" (Horn 17) ausweist, bezieht sich Ratzinger in seiner Argumentation auf Reinhard Junker und Siegfried Scherer (Horn 18), deren evolutionskritisches Lehrbuch zwar nicht mehr so offensiv wie in früheren Auflagen einen Kurzzeitkreationismus nahelegt, immerhin aber die Makroevolution durch punktuelle Schöpfungen von separaten, nicht evolutiv verbundenen Grundtypen (darunter auch den Menschen) ersetzen will. Dies ist auch zuvor schon dem Biologen Josef Reichholf aufgefallen: In der Rede "beruft sich der heutige Papst auf die beiden namhaftesten deutschen Kreationisten, Reinhard Junker und Siegfried Scherer, und ihr Buch 'Evolution. Ein kritisches Lehrbuch'. In dieser prekären Lage ist ein befreiendes Wort erforderlich." (Reichholf in Bild der Wissenschaft 9/2007; siehe Textauszug) |
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Zusammenfassung
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Poseners pauschale Verurteilung "Benedikt contra Darwin" kann in dieser Undifferenziertheit nicht aufrecht erhalten werden. Aus der viele beeindruckenden Fülle an Belegen erweist sich gerade einmal eine Positionierung Benedikts als wirklich kritisierbar. Und auch diese Stelle relativiert sich, nimmt man die eigentliche Frontstellung Benedikts ernst: die weltanschauliche Ausweitung der Evolutionstheorie zu einer Universaltheorie alles Wirklichen. Da Posener diese Unterscheidung von Evolutionstheorie und weltanschaulicher Deutung der Evolutionstheorie durchgängig überspielt, wird der Papst überall dort, wo er letzteres (zu Recht) kritisiert, automatisch zu einem Kritiker des ersteren, der wissenschaftlichen Evolutionstheorie. Das aber ist nur ein suggestives Konstrukt Poseners, ermöglicht durch aus dem Kontext gerissene Zitate und sprachliche Tricks. Man kann nur hoffen, dass der Rest des Buches, über das ich mir kein Urteil erlaube, seriöser gearbeitet ist und über entstellenden Zitat-Eklektizismus hinauskommte. Benedikt gegen Darwin ausspielen zu wollen gehört - und da schließe ich mich dem Rezensenten Bernd Buchner an - eindeutig "zu den schwächeren Passagen im Buch". |
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