Der Fund unseres Urahn Ardipithecus ramidus wird zu Recht als Sensation gefeiert. Der Paläontologe Thomas Lehmann, Co-Autor der am 2. Oktober in Science veröffentlichten Dokumentation des Hominidenfundes, bestätigt dies im Interview: "Ardi" wirft liebgewonnene Hypothesen über Entstehung und Lebensweise unserer fernen Vorfahren über Bord:
- "Ardi" sieht einem heutigen Schimpansen weniger ähnlich als erwartet: Das wirft ein neues Licht auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch.
- Entsprechend erreichte "Ardi" Fortpflanzungserfolg weniger durch Konkurrenzkampf als vielmehr durch familiäre Fürsorge.
- Der aufrechte Gang entstand offenbar nicht - wie bisher angenommen - in der Savanne, sondern bereits im Wald.
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Thomas Lehmann hat die Umwelt von "Ardi" untersucht: Der aufrechte Gang entstand nicht erst in der Savanne!
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 | 2010/03/07: Philosophers Rip Darwin - The Chronicle Review | | Der Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse führt hier seine Kritik an Fodor und Piattelli-Palmarini ausführlicher aus (s.u.). Diese seien leider kein Einzelfall, es gebe ein zunehmend lautstarkes Kader bedeutender Philosophen, die Zweifel an Darwin hegen. Exemplarisch greift Ruse drei dieser Vertreter heraus. Bei Alvin Plantinga, Christ und Intelligent Design Enthusiast, versteht Ruse dessen Opposition in einer sehr säkular und neoatheistisch geprägten Szene. Aber auch der bekannte Thomas Nagel schließt sich der Opposition an, ohne an eine Gottheit zu glauben. Ausführlich geht Ruse auf Jerry Fodor ein, der als Atheist die Erklärungskraft der natürlichen Selektion kritisiert. Bei allen drei Opponenten hält Ruse die "totale wissenschaftliche Interesselosigkeit" für viel sagend. Die Kritiker seien offenbar von anderen, tiefer liegenden Sorgen umgetrieben. Der Blick in die Vergangenheit zeige die Initialzündung ihrer Opposition: Die Entstehung von Homo sapiens durch blinde Gesetze. hhp
|  | 2009/11/05: San Clemente Company Plays Key Role in Search for Missing Link - San Clemente Times | | Um der Frage nachzugehen, wann und warum der aufrechte Gang evolvierte, nutzte man eine "LifeModeler" Software, die bisher bei Hüft- und Knietransplantaten medizinischen Einsatz fand und komplizierte Bewegungen simulierte. Zusammen mit Owen Lovejoy speiste man das Programm mit dem Skelett von Ardipithecus ramidus, fügte Muskeln hinzu und simulierte die Bewegung Ardis. Die Kernfrage war, wie ein Fuß mit einem frei beweglichen großen Zeh Äste greifen und ebenso effizient laufen kann. In dieser Hinsicht erwies sich Ardi als echte Übergangsform. Die Ergebnisse sind übrigens im Discovery Channel ausführlich dokumentiert: http://dsc.discovery.com/tv/ardipithecus/ardipithecus.html. hhp
|  | 2009/11/04: Scientist Genie Scott's Last Word to Creationist Ray Comfort: There You Go Again - God and Country | | Scott ist aufgefallen, dass der vermeintlich ungekürzten Darwin-Ausgabe Comforts immer noch ein entscheidendes Diagramm und die Epigraphe von Bacon und Whewell fehlen. Scott hätte dabei ruhig erwähnen können, dass das Whewell-Zitat wohl nicht zufällig unterdrückt wird: Whewell nimmt an, "dass Ereignisse nicht durch isolierte Eingriffe einer göttlichen Macht verursacht werden, in jedem Einzelfall angewandt, sondern durch die Einrichtung allgemeiner Gesetze" - was so gar nicht in die kreationistische Denke passt. Den Einwand Comforts, die ständigen Revisionen der Wissenschaft mache diese unglaubwürdig, lässt Scott nicht gelten: "Die Fähigkeit, Erklärungen im Lichte neuer Informationen zu revidieren, ist eine Stärke, keine Schwäche der Wissenschaft". So auch im Falle Ardipithecus, dessen Fund zwar Details revidiere, aber einen gemeinsamen Vorfahre von Mensch und Schimpanse nicht bestreite. Auch als Kreationist könne man die Stärke der Evolutionstheorie anerkennen - siehe Todd Wood. - hhp
|  | 2009/11/02: Ray Comfort Responds to Genie Scott on Creationist 'Origin of Species' - God and Country | | Als Antwort auf Scott sichert Comfort zu, dass die Darwinausgabe, die in einer Auflage von 170000 Kopien (!) an Studenten verteilt wird, den gesamten Text des "Origin" enthalten werde. Immerhin. Das Folgende ist eine Sammlung von typischer Evolutionskritik, zusammen zu fassen unter "irreduzierbare Komplexität" und "Fehlen von Übergangsformen". In diesem Zusammenhang gerät auch der von Scott bemühte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in die Kritik. Es sei gerade die Entdeckung von Ardipithecus gewesen, welche die bisherige "Annahme, wir hätten uns aus uralten schimpansenähnlichen Kreaturen entwickelt, als ganz und gar falsch" erwiesen habe. Da hat er Recht! Aber Scott hat gar nicht behauptet, dass der gemeinsame Vorfahr schimpansenähnlich war, nur, dass es einen solchen gegeben hat. Und Scotts Aussage, "mehr Fossilien werden mehr Details bringen", dreht Comfort strategisch um: "Sie haben die Fossilien also immer noch nicht!" Mal gespannt, was Genie morgen dazu sagt. hhp
|  | 2009/10/30: Eugenie Scott about How Creationist 'Origin' Distorts Darwin - God and Country | | Der Kreationist Ray Comfort gibt eine antievolutionäre Version von Charles Darwins "On the Origin of Species" heraus, die im November an Colleges verteilt werden soll. Eugenie Scott (siehe unsere RSNG-Tagung 2009) kritisiert, dass der Comfort-Version des "Origin" nicht weniger als 4 entscheidende Kapitel sowie Darwins Vorwort fehlten, darunter - wen wundert es - "Darwins stärkste Beweise für Evolution". Auch Darwins Entgegnung auf das vermutete Fehlen evolutionärer Übergangsformen im 9. Kapitel "sind interessanterweise in Comforts Version nicht enthalten". Scott benennt Beispiele für "Serien von klaren Übergangsformen" einschließlich der "wunderbaren Fossilreihe, die zum Homo sapiens führt". Für Scott ist der Fossilbefund so beeindruckend (sie erwähnt auch den neuen Fund "Ardi" und den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse), dass die "Umrisse der menschlichen Evolution unter Experten nicht ernsthaft in Frage gestellt werden". hhp
|  | 2009/10/15: Education in the Arab world - Economist.com | | Unter dem Titel "Nachzügler versuchen aufzuholen" berichtet ein Beitrag u.a. über den beklagenswerten naturwissenschaftlichen Bildungsstand in der Arabischen Welt. Aufhänger ist der Hominidenfund Ardipithecus ramidus, der zu einigem Umdenken der Evolutionsbiologen geführt hat (allerdings nicht im Blick auf eine frühere Abspaltung des menschlichen Stammbaumastes, wie der Economist fälschlich behauptet). In der arabischen Welt führte der Fund erwartungsgemäß zu Schlagzeilen wie "Amerikanische Wissenschaftler entlarven Darwin" oder "Ardi widerlegt Darwins Theorie": ein Rückschlag für den westlichen Materialismus und ein Triumph für den Islam. Die hohe religiöse Bildung gehe auf Kosten der naturwissenschaftlichen, und seit einiger Zeit ist die Rückweisung der Evolutionstheorie durch Umfragen belegt, von denen der Artikel einige benennt. hhp
|  | 2009/10/13: Did Monogamy Begin 4.4 Million Years Ago? - Psychology today | | Der Psychologe Christopher Ryan, Mitautor einer Publikation über die prähistorischen Wurzeln heutiger Sexualität, kritisiert die soziobiologischen Folgerungen, die Owen Lovejoy aus der Anatomie des Hominidenfundes Ardipithecus ramidus ableitet: dass bereits unsere Urahnen durch Liebe und Paarbindung verbunden waren. Ryan wundert sich, wie eine derart fehlerhafte und inkohärente Analyse Eingang in ein peer-reviewed und weltweit hoch angesehenes Journal wie "Science" finden kann. So sei der Schluss von reduziertem Wettbewerb zwischen den Männchen auf Monogamie nicht zwingend. Das Gegenteil zeigten die heutigen Schimpansen und Bonobos. Vier weitere Fakten zur Unterstützung der Monogamie-Hypothese (Verhältnis von Hoden zum Gesamtkörper; Samenproduktion; Penismorphologie; Extrapolation von heute) werden von Ryan entkräftet. Auch Lovejoys Schluss von reduzierten Reißzähnen auf Monogamie werde von den rezenten monogamen Gibbons widerlegt. hhp
|  | 2009/10/07: Ardi, Humans and Primates - New York Times | | Ardipithecus ist auch Gegenstand des Editorials der jüngsten New York Times. Herausgestellt wird die Hoffnung der Paläontologen, den letzten gemeinsamen Vorfahr von Affe und Mensch zu finden. Betont wird richtigerweise, dass "Ardi" nicht dieser gemeinsame Vorfahr ist. Dieser Fund demonstriere aber, wie schnell die frühen Hominiden einen eigenen Evolutionspfad eingeschlagen haben. Er zeige aber auch, dass die lebenden Primaten nicht den primitiven Stand eines gemeinsamen Vorfahren beibehalten hätten, sondern hochspezialisiert sind - aber durch ganz andere evolutionäre Wege. Diese wichtigen Einsichten schreiben die Geschichte der Hominiden-Evolution neu. hhp
|  | 2009/10/04: Sensationsfund "Ardi" war nicht Affe, nicht Mensch - Welt online | | Auch die Welt berichtet vom "Sensationsfund" - allerdings mit einigen nicht unerheblichen Fehlern: Richtig ist die Aussage, Ardipithecus ramidus sei "unbestritten der Vorläufer des Menschen". Die Fortführung, "zugleich aber auch der des Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas", ist jedoch falsch. Wegen der zeitlichen Nähe lässt "Ardi" zwar Rückschlüsse auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch zu, Ardi selbst ist aber nicht dieser gemeinsame Vorfahr. Auch kann nicht die Rede davon sein, dass Ardi sich "geschickt auf zwei Beinen am Boden bewegte". Im Science Sonderheft (s. u.) heißt es, dass Ardis "Bipedie primitiver war als die des Australopithecus" (Tim White et all, S. 64). Nicht Ardi, sondern "Lucys Art, Au. afarensis, war ein geschickter Zweibeiner" (Ann Gibbons, S. 39). hhp
|  | 2009/10/05: Paläontologie: Der Mensch erschien im Pliozän - Mensch & Gene - Wissen - FAZ.NET | | Der FAZ-Artikel fasst die Science-Veröffentlichung zum Hominidenfund des Ardipithecus zusammen, v.a. die Revisionen gängiger Vorstellungen über die menschliche Evolution: der aufrechte Gang (cancelt die Savannenhypothese), der Gebissbefund (lässt Ardi friedlicher erscheinen als gedacht), die Partnerwerbung (lässt Machos alt aussehen). Der Autor äußert aber auch Skepsis gegenüber Lovejoys soziobiologischer Rückbindung einer monogamen Lebensweise an "Ardi". Der Bericht wird ergänzt durch ein Interview mit dem deutschen Hominidenforscher Friedemann Schrenk, der die Bedeutung des Fundes nur bestätigen kann. Schrenk begrüßt dabei v.a. die Neudefinition von "Hominiden", die vor drei Jahren erst auf den Schimpansen ausgedehnt wurden. Die Unähnlichkeit unseres neuen Urahns mit dem Schimpansen engt die "Hominiden" aber wieder auf den Menschen und seine engeren Vorfahren ein. Schrenk glaubt, "dass man mit Schlüssen vom Schimpansen auf den Menschen jetzt vorsichtiger sein sollte". hhp
|  | 2009/10/02: Online Extras: Ardipithecus ramidus - Science | | Ein sensationeller Hominidenfund ist in einer Science-Sonderausgabe frei zugänglich. Der neue Fund, Ardipithecus ramidus tritt in eine zeitliche Lücke, die bisher zwischen Australopithecus ("Lucy") und dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Affen und Mensch klaffte. Noch können Australopithecus und Ardipithecus nicht mit einer geschlossenen Linie verbunden werden: Die Kluft zu Austr. ist "enorm", so Ann Gibsons. Überhaupt wirft der Fund einige liebgewordene Hypothesen über Bord. Von dem bisher als schimpansenähnlich vorgestellten Urahn weicht Ardipithecus durch aufrechten Gang (nicht erst in der Savanne) und kleinen Eckzähnen deutlich ab. Das deutet auf eine veränderte Sozialstruktur: (a) Fürsorgliche Nahrungsbeschaffung (b) Paar-Bildung und (c) reproduktive Tarnung (Weibchen preisen nicht wie bei Schimpansen ihren Eisprung an). "Diese Verhaltensweisen dürften den männlichen Elternaufwand substanziell intensiviert haben - ein adaptiver Durchbruch ... bis zu uns", so Owen Lovejoy. hhp
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