11.11.09: Meisner vergleicht Dawkins mit Nazis |
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Interessanter Zufall: Unter der Überschrift "Altersmilde bei Richard Dawkins?" handelt bereits die letzte Presseschau von dem bekannten Evolutionsbiologen und Religionskritiker. Nun ist Dawkins wieder Thema – allerdings nicht allein: Das Medieninteresse konzentriert sich primär auf Kardinal Meisner. |
Meisner trifft Honecker "Als ehemaliger DDR-Bürger habe ich das Allerheiligenfest immer als das große Siegesfest über den so genannten wissenschaftlichen Atheismus erfahren." (Kardinal Meisner am 1.11.09) Foto: Bundesarchiv/Wikipedia |
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Kritik am Nazi-Vergleich
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Die Reaktion der Presse lässt nur einige Stunden auf sich warten: "Meisner vergleicht Biologen Dawkins mit Nazis" titelt Spiegel-online um 20:24 Uhr. Die Printausgaben vermelden den Vorfall am 2. November mehr oder weniger ausführlich. Dabei berichtet z. B. die Frankfurter Rundschau auch von der Kritik des Stammzellforschers Jürgen Hescheler an Meisner. Ausführlicher unter Spiegel-online zu lesen weist Hescheler den Nazi-Vergleich zurück: "Wir versuchen alle, dass Wissenschaft und Kirche wieder näher zusammenkommen. Die Aussagen von Kardinal Joachim Meisner vertiefen die Gräben nun wieder". Nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als "praktizierender Katholik" würde Hescheler es sich wünschen, "wenn der Kardinal die Seite der Wissenschaft wieder stärker zu verstehen versucht". |
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... aber auch Zustimmung
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Der Kardinal bekommt jedoch nicht nur Gegenwind, sondern auch Rückendeckung. Der Kulturwissenschaftler Alexander Kissler zeigt im Interview mit dem Domradio am 2.11. zwar Verständnis für die Aufregung über den Nazi-Vergleich, fügt aber hinzu, dass "ein Vergleich ja keine Gleichsetzung ist". Dass sich die Gräben zu den Naturwissenschaftlern vertiefen könnten, spielt Kissler herunter; es gehe ja nur um einen Teil der Naturwissenschaften, oft auch nur um einen "pseudowissenschaftliche(n) Atheismus, der eben vermeintlich naturwissenschaftlich daherkommt". Und bei diesem Teil, für den eben Vertreter wie Richard Dawkins stehen, sei die Befürchtung des Kardinals, der Mensch werde auf Quantitatives reduziert, "in der Tat real". Kissler erwartet von diesem Teil der grenzüberschreitenden Naturwissenschaftler "eine immer größere Polemik". Und eine solche "neue Direktheit ist ein neuer Debattenzug, an den wir uns in Deutschland noch gewöhnen müssen". Kissler räumt aber ein, dass "der Kulturkampf in der Tat ausgebrochen" ist. |
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Der inhaltliche Kern des Konflikts
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Das Interview mit dem Theologen und Biologen Christian Kummer vom 4.11. sei hier am Ende erwähnt, weil m. E. einzig dieser Beitrag zum inhaltlichen Kern des Konflikts vordringt. Wenn Meisner darauf ziele, dass manche Naturwissenschaftler den Glauben für überflüssig erklären, empfiehlt Kummer eine differenziertere Argumentation. |
Christian Kummer SJ "Die Evolution ist ein Segen für die Theologie" |
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Zunächst stellt Kummer klar: "Dass der Naturwissenschaftler Gott methodisch nicht 'braucht', ist völlig legitim". Dawkins über das Methodische hinausgehende Gottesleugnung hänge mit dessen unzureichenden Gottesbild zusammen: "Hätte Kardinal Meisner diese krude, obskure Sicht angegriffen, wäre er wenigstens in seinem Metier gewesen. Ihn aber ausgerechnet als Biologen anzugreifen, zeigt, dass Meisner den Clou bei Dawkins schlicht nicht verstanden hat." Der Clou aber ist die legitime methodische Beschränkung auf das Biologische. Sofern sich Dawkins darauf beschränkt, hat er Recht: "So gesehen, aber auch nur so, wird der Organismus zum Vehikel für die Verbreitung von Gen-Kombinationen." Noch einmal: Sofern sich Dawkins tatsächlich darauf beschränkt, hat auch Kummer mit seiner abschließenden Bewertung Recht: |
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O-Ton Dawkins
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Warum schauen wir nicht einfach mal bei Richard Dawkins selbst nach? An allen bisherigen Beiträgen stört mich, dass Dawkins nicht ein einziges Mal selbst zu Wort kommt; weder bei den Kritikern, noch bei seinen Befürwortern. Dabei hat Dawkins das hier zum Konflikt gewordene Problem in dem Buch "Das egoistische Gen" (ich zitiere aus der deutschen Ausgabe, Berlin u. a. 1978) in aller Deutlichkeit entfaltet. |
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Darum kann Kummer sagen "Die Evolution ist ein Segen für die Theologie", und der katholische Theologe John F. Haught hat das berühmte Zitat des Biologen Dobzhansky für die Theologie abgewandelt: "Nothing in theology (!) makes sense except in the light of evolution". Sicher etwas überspitzt, aber in diesem Sinne kann man dem Simpson-Zitat und dem Einschnitt 1859 sogar als Theologe etwas Positives abgewinnen. |
John F. Haught |
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Nazi-Vergleich ist unberechtigt!
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Dennoch bleibt es dabei: Man wird sich immer gegen Dawkins Atheismus zur Wehr setzten müssen, und man kann dies auch mit guten Gründen. Bekanntestes Beispiel dafür ist die sachliche Gegenposition von Alister McGrath (siehe dessen Buch „Der Atheismus-Wahn“), insbesondere die Argumente gegen Dawkins schiefes Gottesbild, worauf Kummer oben hinweist. Kann man aber auch den Vorwurf aufrecht erhalten, Dawkins verstehe den Menschen ähnlich wie seinerzeit die Nationalsozialisten? Ein solcher Vorwurf lässt sich aus den Äußerungen Dawkins auch mit geschicktester Hermeneutik nicht herauslesen, wie genauerer Blick eindeutig zeigt. Dazu noch einmal die Formulierung Kardinal Meisners: |
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"Ähnlich wie einst die Nationalsozialisten im einzelnen Menschen primär nur den Träger des Erbgutes seiner Rasse sahen, definiert auch der Vorreiter der neuen Gottlosen, der Engländer Richard Dawkins, den Menschen als „Verpackung der allein wichtigen Gene“, deren Erhaltung der vorrangige Zweck unseres Daseins sei." |
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Oberflächlich betrachtet scheint schon der Klappentext Meisner Recht zu geben. Dieser spricht davon, „dass alle Organismen Gehäuse für die Erhaltung, Fortpflanzung und Unsterblichkeit der Gene darstellen“. Die Lebewesen einschließlich des Menschen sind damit „’Überlebensmaschinen’ für die ‚egoistischen Gene’“. Auch die Worte Dawkins im Vorwort scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen: „Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ (VIII). Ganz zu Beginn des Hauptteils grenzt sich Dawkins jedoch ausführlich gegen Missverständnisse ab, damit nicht der Fehler passiert, den Kummer bei Meisner realisiert sieht, der Fehler nämlich „von einem biologischen Modell – dem 'egoistischen Gen' – auf eine anthropologische Deutung des Menschseins zu schließen, so als ob der Mensch letztinstanzlich durch seine Gene 'erklärt' würde, Egoismus die tiefste Triebkraft des Menschen sei“. Dawkins hat derartige Fehler befürchtet: „Ich betone dies, weil ich weiß, dass die Gefahr besteht, dass ich von jenen – allzu zahlreichen – Leuten falsch verstanden werde, die nicht unterscheiden können zwischen einer Darstellung dessen, was nach Überzeugung des Sprechenden oder Schreibenden der Fall ist, und einem Plädoyer für das, was der Fall sein sollte“ (3; Hervorhebung von HHP). Ausführlich liest sich diese Unterscheidung bei Dawkins wie folgt: |
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„Dies bringt mich zu der ersten Feststellung, die ich darüber treffen möchte, was dieses Buch nicht ist. Ich trete nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution ein. Ich berichte lediglich, wie die Dinge sich entwickelt haben. Ich sage nicht, wie wir Menschen uns in moralischer Hinsicht verhalten sollten. … Ich selbst bin der Meinung, dass eine menschliche Gesellschaft, die lediglich auf dem Gesetz des universellen rücksichtslosen Gen-Egoismus beruhte, eine Gesellschaft wäre, in der es sich sehr unangenehm leben würde. … [Der Leser] möge gewarnt sein: wenn er – wie ich – eine Gesellschaft aufbauen möchte, in der die Einzelnen großzügig und selbstlos zugunsten eines gemeinsamen Wohlergehens zusammenarbeiten, so kann er wenig Hilfe von der biologischen Natur erwarten. Lasst uns versuchen, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit zu lehren, denn wir sind egoistisch geboren. Lasst uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, und wir haben dann vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen“ (3). |
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Dawkins unterscheidet also im Sinne Kummers Natur und Kultur und setzt darauf, dass in der Kultur – anders als in der Natur – der Egoismus nicht die letzte Triebkraft des Menschen ist. Der „vorrangige Zweck unseres Daseins“ ist eben nicht die „Erhaltung“ unserer Gene, sondern die „Durchkreuzung ihrer Pläne“! Der Gegensatz zu Meisners Unterstellung kann also nicht krasser formuliert sein. hhp |
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Links zu den Pressereaktionen im Überblick
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