09.02.: Vom Hirn zum Geist |
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Neues von der Neurowissenschaft im Wochenrückblick
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Immer differenzierter wird in der Presse der letzten Wochen von den Möglichkeiten, vor allem aber auch von den methodischen Grenzen der Hirnforschung berichtet. |
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Die neurowissenschaftliche Suche nach dem Selbstbewusstsein geht in eine neue Runde. Ulrich Kraft (3) berichtet von neuen Untersuchungen, wonach gelangweilte Hirne in einen Default-Modus verfallen, in dem sämtliche Testpersonen tagträumen. Je aktiver der Default-Modus, desto intensiver die Tagträume. Nun mutmaßt der Kölner Hirnforscher Kai Vogeley: "Der Default-Modus könnte das neuronale Korrelat des Selbstbewusstseins sein", schließlich ginge es bei Tagträumen ja meist auch um die eigene Person. Liegt aber hier nicht wieder der typische pars-pro-toto-Fehlschluss von einem Teil auf das Ganze vor? Anders gefragt: Ist "Selbstbewusstsein" mit "Tagträumen" nicht hoffnungslos unterbestimmt? |
Die Suche nach dem Selbstbewusstsein Oder: was Tagträume mit Selbstbewusstsein zu tun haben |
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Zu der methodischen Selbstbescheidung der Neurowissenschaft tritt zuweilen die Einsicht, dass gerade in der Hirnforschung ein „enormer Bedarf an geisteswissenschaftlicher Begleitung“ (6) besteht. Wenn man wie im Forschungszentrum Jülich etwa an Hirnschrittmachern gegen Parkinson arbeitet, wird gefragt, wie weit man hier gehen darf und was die Selbstbestimmung und den freien Willen des Menschen ausmacht. Nach Achim Bachem, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums, sollten „Neurowissenschaftler solche Fragen mit Philosophen klären“. Um hier eine gemeinsame Sprache zu finden, seien die Geisteswissenschaften herausgefordert, andere Denk- und Sprachweisen zu erlernen, woran es im Moment noch mangele. |
Hirnschrittmacher und sein Einfluss auf die Persönlichkeit (Foto mit Genehmigung des Forschungszentrums Jülich) |
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Einen ähnlichen interdisziplinären Weg startet das von der Evangelischen Akademie im Rheinland und von der Uniklinik Bonn initiierte "Forum Neuroethik" (7). Bei der Eröffnungstagung fordert der Philosoph Ludger Honnefelder zu "äußerster Vorsicht" bei der Bewertung neurowissenschaftlicher Ergebnisse auf. Wer das Gehirn erkunde, "habe damit nur begrenzt Einblick in Gedanken und Seele". Auf der Tagung anwesende Journalisten gaben jedoch zu, dass die Verführung groß sei, zunächst einmal Extremstimmen zu Wort kommen zu lassen: "Wenn die Wissenschaft ankündige, Gedanken im Gehirn lesen zu wollen, publizierten Medien selbstverständlich gerne Erfolgsstorys". |
Frank Vogelsang: Meinungsbildung in der Bevölkerung hängt von einer differenzierten Berichterstattung ab |
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Apropos differenzierte Berichterstattung: Dass sich Journalisten von neurowissenschaftlich unterfütterten Klischees nicht (mehr) blenden lassen, zeigt die kritische Rezension (1) des amerikanischen Bestsellers „Das weibliche Gehirn“ von Louann Brizendine. Brizendine möchte die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung nutzen, um die Geschlechterdifferenz zu untermauern. Die Autorin der Rezension, Petra Gehring, kontert mit der Gegenthese: Der Neuropsychologe Lutz Jäncke sei „zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen“ gekommen. Trotz bester Bemühungen sei für ihn der „kategoriale Unterschied“ zwischen Mann und Frau nicht zu finden. Und selbst wenn es ihn neurologisch gebe, dürfe man keinem biologistischem Fehlschluss aufsitzen: Gegenüber kulturellen Überformungen verhalte sich das Gehirn nicht statisch-deterministisch, sondern eher wie eine plastische Knetmasse. Solche kulturellen Prägungen scheint das besprochene Buch eher auszublenden und passe deshalb gut in den naturalistischen Zeitgeist, urteilt Gehring. |
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Weniger spekulativ als die großen Geist-Gehirn- und Geschlechter-Debatten sind die konkreten Anwendungsbereiche der Hirnforschung. So erfahren z. B. Märchen eine neurowissenschaftliche Aufwertung (4). Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther stellte den großen Einfluss der Erziehenden auf die neuronale Entwicklung ihrer Kinder heraus. Optimale Bedingung sei das Zusammenspiel von immer neuen Herausforderungen einerseits und Geborgenheit und Liebe andererseits: "Deshalb sind Märchen, in denen stets größte Probleme bewältigt und zum Happy End gewendet werden, so wertvoll". Demgegenüber sind laut Hüther der hohe Leistungsdruck und neue Förderprogramme kontraproduktiv. |
Hirnforscher Spitzer: Fernsehen macht dumm! |
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