08.12.: Deep Fritz und die Ehre der Menschheit |
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Das Schachprogramm Deep Fritz hat gegen Schachweltmeister Wladimir Kramnik gewonnen. Na und? |
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Nichts Neues
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Als wäre mit Deep Blue und Kasparows Niederlage nicht alles schon einmal dagewesen: Ein von Menschen zum Rechnen erschaffenes Werkzeug gewinnt in einem Spiel, das grundsätzlich (in Grenzen) berechenbar ist, gegen einen menschlichen Spieler. Sollte das jemanden wundern? Offenbar schon: damals wie heute kennt das Wundern keine Grenzen. Mehr noch: Das Wundern bläht sich auf zur Kränkung der Menschheit. |
Meine Frage: Was bedeutet die Überlegenheit eines Schachcomputers? |
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Im Vorfeld
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Die Erwartungen wurden schon vor dem Spiel geschürt und weltanschaulich aufgeblasen. So stellte sich für das Deutsche Ärzteblatt am 1.12. seit der Erfindung des Schachcomputers "die Frage nach der Überlegenheit des menschlichen Geistes über die Maschine" (4). Das liest sich, als ob eine (durchaus geniale) Schachkompetenz bereits das Ganze des menschlichen Geistes ausmachte und umgekehrt als ob ein Sieg über diese Schachkompetenz ein Sieg über den Geist darstellte. Welch ärmliche Vorstellung vom menschlichen Geist! |
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Schachweltmeister Wladimir Kramnik Foto mit freundlicher Genehmigung der RAG |
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Das Spiel
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Das Spiel? Nein, die Überschrift ist falsch. Es ist ja kein Spiel, es ist Krieg, es ist ein "unbarmherziger Krieg" (3). Ein Krieg, in dem es - fast hätte ich oben den qualitativen Sprung wegerklärt - "um die Ehre des Menschen" (3) geht. Kristian Frigelj versteigt sich gar zu der Aussage: "Auf dem 31-jährigen Russen Kramnik, den amtierenden genialischen Schachweltmeister, ruhen die letzten Hoffnungen der Menschheit". Aber halt, ganz so pathetisch will er es dann doch nicht stehen lassen, aber die Sorge, ob die Menschen "all der Maschinen noch Herr sind" (3) bleibt. |
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Die Entscheidung
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Und dann ist es passiert! Die Sorge hat sich als allzu berechtigt heraus gestellt. Deep Fritz hat dem Menschen - so der Geschichtsprofessor und studierte Philosoph Michael Stürmer - eine "historische Niederlage" beigebracht: "... als der Mensch von der Maschine bezwungen wurde" (1). Jetzt ist es auf einmal nicht mehr nur die Intelligenz, nicht mehr nur das Denken, nicht mehr nur der Geist des Menschen, es ist der Mensch selbst als ganzer, ja als Menschheit, der bezwungen wurde. Wie weit lassen sich die losen Assoziationsketten eigentlich noch weiterspinnen, um vom bezwungenen Teil zum immer entfernteren Ganzen (fehl) zu schließen. Ja es muss wohl, wenn nicht Gott, so doch ein Übermensch sein, wenn er den Menschen bezwingen kann. In der Tat, Deep Fritz wird mit Golem verglichen, der "nach einer Phase der Nützlichkeit außer Rand und Band geriet und seinen Schöpfern unheimlich wurde" (1). Stürmer fragt: "Lässt sich der Golem wieder zurückverwandeln?" (1) Er zweifelt: "Die Tragik der Moderne liegt darin, dass die technischen Fähigkeiten des Menschen seine moralischen Kräfte ewig überfordern. Schach ist Metapher geworden: Wenn dem Menschen alles gelungen ist, bleibt nur noch das Werk der eigenen Zerstörung." (1) Was man aus einem Computerschach so alles extrapolieren kann! |
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Fazit
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Vielleicht meinen die das ja alles gar nicht so. Hoffentlich. "Für das Schach ist diese Dramatisierung durchaus hilfreich, denn das jahrhundertealte Spiel leidet unter einem altertümlichen Image" (3). |
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Fotos mit freundlicher Genehmigung der RAG Aktiengesellschaft, Essen |
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