Epigenetik

von grenzfragen

Per Epigenetik gelingt es dem Zellkern unter dem Einfluss äußerer Faktoren (dazu zählen auch Lebensumstände wie Stress, Fehlernährung oder Missbrauchserfahrung) zu regulieren, wann und in welchem Ausmaß welche Gene ein- und ausgeschaltet werden. [1] Dieser Einfluss der Umwelt auf die Genregulation scheint über Generationen weitergegeben werden zu können. Da die Mechanismen der Epigenetik noch weitgehend unbekannt sind, ist es umstritten, inwieweit dieser Effekt beim Menschen zum Tragen kommt und auch, ob die Epigenetik wissenschaftsgeschichtlich zu einem biologischen Paradigmenwechsel führt.

    Lange Zeit galt die Überwindung des Lamarckismus als bewiesen und die Vererbung erworbener Eigenschaften als Mythos. Gesellschaft und Umwelt schienen – bis auf die Auslösung zufälliger Mutationen – keinen Einfluss auf die Gene und ihre Weitergabe zu nehmen. Die junge Disziplin der Epigenetik nun ruft Erinnerungen an Lamarck wieder wach, wenn sie herausstellt, dass äußere Lebensumstände das Erbgut beeinflussen und diese Veränderungen sogar intergenerationell weitergegeben werden können. So führen manche Forscher selbst die zum stehenden Begriff gewordene “German Angst” auf epigenetische Weitergabe der traumatischen Kriegserlebnisse zurück.

    Es verwundert im Blick auf die wissenschaftshistorische Konfliktgeschichte nicht, dass manche Sozialwissenschaftler in der Epigenetik den Sieg des “Sozialen” über das “Biologische” feiern und manche Lamarck teilweise rehabilitiert sehen (siehe den Guardianbeitrag “Why everything you’ve been told about evolution is wrong” von Oliver Burkeman). Gegenreaktionen bleiben freilich nicht aus. So kontert der Harvard-Psychologe Steven Pinker: “Die intergenerationellen Effekte … werden manchmal als Lamarckismus missverstanden, was sie aber nicht sind: Sie ändern nicht die DNA-Sequenz, werden nach ein oder zwei Generationen wieder aufgehoben und stehen ihrerseits unter Kontrolle der Gene” [2]. Und der deutsche Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera schreibt: “Diese epigenetischen Modifikationen der Erbsubstanz ohne Änderung der Basensequenz können teilweise auf die Nachkommen übertragen werden. Trotz dieser experimentellen Befunde, die einen Einfluss der Umwelt auf die Muster der Genexpression dokumentieren, ist die Grundregel von Lamarck bis heute eine unbewiesene Hypothese geblieben: Es konnte weder bei Tieren noch bei Pflanzen eine Vererbung erworbener Körpereigenschaften nachgewiesen werden.” [3]

     

    Anmerkungen

    [1] Vgl. Epigenetik – Wie die Umwelt unser Erbgut beeinflusst, hg. v. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 2015, 10f.

    [2] zit. nach B. Boutwell, J. C. Barnes: Epigenetics Has Become Dangerously Fashionable, in: Nautil.us vom 17. Mai 2016, übers. von hhp.

    [3] Kutschera, Evolutionsbiologie, 2. Aufl., Stuttgart : Ulmer 2006, 62.

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