Evolution – Bewusstsein – Freiheit und das Netz des Lebens

von Regine Kather

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Regine Kather

Regine Kather

Lehrtätigkeit seit 1985 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, u. a. in der Erwachsenenbildung. Veröffentlichungen u. a.: Was ist Leben? Philosophische Positionen und Perspektiven (2003); Person - Die Begründung menschlicher Identität (2007).
Regine Kather
Kunstwerk des Orang Utan „Barito“ (c) Ingensiep

Kunstwerk des Orang Utan „Barito“ (c) Ingensiep

Evolution – Bewusstsein – Freiheit und das Netz des Lebens

Vortrag bei der Tagung „Der kultivierte Affe – Über Intelligenz, Empathie und Moral bei Tieren“, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Tagungshaus Weingarten, 3.-4. Juli 2015

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Die Freiburger Philosophin Regine Kather setzt mit der Erkenntnis ein, dass die unüberschaubare Vielfalt der Arten eine Folge der genetischen Abstammung aller Lebewesen von den einfachsten Organismen ist. 70% der Gene teilten Menschen mit Mäusen, ungefähr 98% mit den höheren Primaten. Die menschliche Form des Bewusstseins sei somit nicht in einem unvermittelten Sprung aus toter Materie entstanden, sondern habe sich aus Vorformen entwickelt.

    Die Kontinuität zwischen Tieren und Menschen beruhe nicht nur auf den Genen und bestimmten vitalen Grundbedürfnissen, sondern auch auf Ausdrucks- und Kommunikationsformen, dem emotionalen, moralischen und kognitiven Verhalten. Schon einfache Lebewesen hätten zumindest einen gewissen Anteil an den Empfindungen und Verhaltensmöglichkeiten, über die Menschen verfügten.

    “Wo anders als am Anfang des Lebens kann der Anfang der Innerlichkeit angesetzt werden?” (Hans Jonas)

    Um Lebewesen daher methodisch in ihrer physio-psychischen Ganzheit mitsamt ihren Beziehungen zur Umwelt gerecht zu werden, benötige man nicht nur die Perspektive des außenstehenden Beobachters, sondern auch die des empfindenden Individuums, das mit anderen Lebewesen kommuniziert. Die Methode der empirisch-objektivierenden Wissenschaften müsse durch eine Naturphilosophie überschritten werden, die qualifizierte Perzeptionen und Ziele, unterschiedliche Formen der Kommunikation und physiologische Funktionen zugleich thematisieren könne. Dabei müsse die Selbsterfahrung eingesetzt werden, um fremde Innenwelten zu erschließen. In dieser Perspektive des Verstehens erscheine die belebte Natur nicht als naturgesetzlich zu beschreibender Funktionszusammenhang, sondern als ein Feld von Ausdrucksgestalten, in denen sich mehr oder weniger deutlich die Qualitäten und Bedeutungen manifestierten, die Ereignisse für andere Lebewesen hätten.

    Auch die uns vertrauten Formen der Freiheit hätten in dieser Sicht eine Vorgeschichte, die bis in die Anfänge des Lebens zurückreiche. Die bei einfachen Organismen noch völlig bewusstlose Unterscheidung zwischen Lebensdienlichem und Schädlichem trage bereits den Keim zu einem sich ständig erweiternden Verständnis von Freiheit in sich. Aus der Instinktgebundenheit gelöst entstünden bedingte Reflexe, Probierversuche von Verhaltensmustern bis hin zu intelligentem Verhalten, das ohne Probierversuche auskomme. Mit der spezifisch menschlichen Form des Bewusstseins ändere sich die Bedeutung von Freiheit ein weiteres Mal: Menschen hätten nicht nur ein Bewusstsein von etwas, sondern auch Selbstbewusstsein. Der Geist, der in der ganzen Natur gegenwärtig sei, wende sich beim Menschen auf sich selbst zurück.

    “Warum sollte unsere Bösartigkeit das Gepäck einer äffischen Vergangenheit und unsere Gutartigkeit etwas exklusiv Menschliches sein?” (Stephen J. Gould)

    Eine ähnliche Kontinuität erblickt Kather in der Evolution von Empathie und Ethik. Während im einfachsten Fall empathische Reaktionen als eine Art Resonanzphänomen verstanden werden könne (z. B. Schwarmverhalten), ermögliche bereits eine mitschwingende Betroffenheit ein moralanaloges Verhalten, bis sich schließlich bei Lebewesen, die die Schwelle zum Selbstbewusstsein überschritten hätten, die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme herausgebildet habe. In physiologischer Hinsicht sei die Fähigkeit zu empathischen Reaktionen in Gehirnbereichen verwurzelt, die bis zu den Reptilien zurückreichten. So könnten Menschen im Spiegel anderer Kreaturen Aspekte ihres eigenen Gefühlslebens erfahren, das wiederum die Grundlage für differenzierte zwischenmenschliche Beziehungen sei. Und negativ gewendet spiegelten sich in der Unfähigkeit zum einfühlenden Verstehen artfremder Lebewesen Defizite der menschlichen Person. Jedenfalls sei es für Menschen möglich, sich auf die Bedürfnisse und Artikulationsformen einfacherer Lebewesen einzustellen, während diese ihrerseits immer nur bestimmte Aspekte der menschlichen Psyche ansprechen könnten.

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        Die Vorträge der Tagung

        Für Regine Kather ist die Vielfalt der Arten eine Folge der genetischen Abstammung aller Lebewesen von den einfachsten Organismen. Das menschliche Bewusstsein sei somit nicht in einem unvermittelten Sprung aus toter Materie entstanden, sondern habe sich aus Vorformen entwickelt. Schon einfache Lebewesen hätten einen Anteil an den Möglichkeiten des Menschen.