Die Evolution der Antievolutions-Strategien

von Nicholas J. Matzke

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Nicholas J. Matzke

Nick Matzke promovierte in Evolutionsbiologie an der University of California. Er war Direktor für Öffentlichkeitsarbeit am National Center for Science Education (NCSE) und Mitarbeiter bei der Vorbereitung des NCSE für einen wegweisenden Prozess gegen den Kreationismus 2005. Zur Zeit ist er DECRA Fellow bei The Australian National University und Postdoktorand beim National Institute of Mathematical and Biological Synthesis.
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Nick Matzke vor dem Gerichtsgebäude in dem 1925 der berühmte “Affenprozess” geführt wurde

Am 17. Dezember veröffentlichte Nicholas J. Matzke, ehemaliger Direktor für Öffentlichkeitsarbeit am National Center for Science Education (NCSE) und Mitarbeiter bei der Vorbereitung des NCSE für den Kitzmiller-Prozess 2005, unter dem Titel „The evolution of antievolution policies after Kitzmiller v. Dover“ in „Science Express“ eine Studie zur Evolution der Antievolutionsstrategien US-amerikanischer Kreationisten. Mit freundlicher Genehmigung des Autors ist hier eine verkürzte und freie Übersetzung von Heinz-Hermann Peitz wiedergegeben. Es gilt das englische Original.

Seit 90 Jahren sind die politischen Versuche, Evolution in naturwissenschaftlichen Fächern zu verunglimpfen und zu verwässern, ein durchgängiges Thema der US-amerikanischen Bildungsszene. Dabei sind drei große Wellen zu beobachten:

  1. Von 1920 an wurden Verbote des Evolutionsunterrichts in Kraft gesetzt, bis 1968 die Verfassungswidrigkeit dieser Verbote juristisch attestiert wurden.
  2. Nach der Aufhebung der Verbote setzten sich die Kreationisten ein für eine „ausgewogene Behandlung“ des Kreationismus, wann immer Evolution unterrichtet wurde – zuerst als biblischer Kreationismus, dann als „creation science“ und schließlich als „intelligent design“ (ID). Jede der Strategien wurde als verfassungswidrig verurteilt.
  3. Trotz der juristischen Niederlage von ID im Urteil „Kitzmiller vs. Dover“ (2005) gaben die Kreationisten nicht auf, sondern forcierten eine dritte Welle des Antievolutionismus, den „heimlichen Kreationismus“: Rechtsvorschriften, die den Begriff „Kreationismus“ in welchen Varianten auch immer vermieden, aber den antievolutiven Kreationismus mit einer evolvierenden Sammlung von Strategien vorantrieben.

In diesem Artikel wird ein phylogenetischen Stammbaum benutzt, um zu illustrieren, wie sich die antievolutionistische Gesetzgebung – zeitweise mit Erfolg – in den 10 Jahren seit „Kitzmiller“ entwickelt hat.

Dabei versuchte das Discovery Institute (DI), über Gesetze zur akademischen Freiheit („Academic Freedom Acts“, AFAs) Antievolutionismus voranzubringen. Mindestens 71 Gesetzesentwürfe wurden in 16 Staaten vorgeschlagen, zu geltendem Recht in drei Staaten umgesetzt (Louisiana, Tennessee, Mississippi). Juristische Anfechtungen konnten anscheinend durch strategische Vagheit vermieden werden: Die religiöse Motivation des Gesetzes wurde verschwiegen und eine Abwertung der Evolution wurde lediglich geduldet statt diese einzufordern. Vorgängige Urteile gegen das Lehren des Kreationismus blieben zwar in Kraft, aber das Vorgehen individueller Lehrer kann nur angefochten werden, wenn sich Studenten und Eltern beschweren. Beschwerden aber können durch lokalen sozialen Druck entmutigt werden.

Die phylogenetische Analyse arbeitet den Abstammungszusammenhang der Strategien heraus, indem untersucht wurde, welche Passagen von welchen Gesetzesentwürfen kopiert und modifiziert in andere Gesetzesentwürfe übertragen wurden. Die vergleichende Analyse kann den Zusammenhang von juristischem Erfolg und produzierten antievolutiven Gesetzesentwürfen herausstellen, aber auch wahrscheinliche Zukunftsstrategien.

So gab es im Laufe der strategischen Entwicklung ab 2008 den innovativen Schachzug bei den „science education acts“ (SEAs), die sogenannte „kritische Analyse“ nicht nur auf die Evolution und Lebensentstehung zu beziehen, sondern zusätzlich auf die globale Erwärmung und Menschenklonen. Damit sollten frühere Gerichtsentscheidungen unterlaufen werden, die eine alleinige Frontstellung gegen die Evolution als religiös motiviert und damit als verfassungswidrig verstanden. Die Zusätze der globalen Erwärmung und des Menschenklonens wurden in über ein Dutzend nachfolgende Gesetzesentwürfe hineinkopiert und zweimal in geltendes Recht umgesetzt (siehe dunkelrote Verzweigungen in der Grafik).

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Evolution der antievolutiven Gesetzesentwürfe
(die Bezeichnung der Zweigspitzen weisen AFA oder SEA aus, Jahr, Staat, Nummer des Gesetzesentwurf; die Farbe der Zweige benennt die angezielten wissenschaftlichen Felder)

Die Asymmetrie des Strategiestammbaums zeigt, dass die Evolutionsgegner selektiv auf erfolgreiche Gesetzesentwürfe zurückgreifen, so dass diese sich dann von einem Staat zu anderen Staaten hin ausbreiten.

Somit hat sich die kreationistische Evolutionskritik in der Dekade seit Kitzmiller zweimal neu erfunden. Die erste Verkleidung war das Etikett der „akademischen Freiheit“ (Academic Freedom Acts, AFAs), aber nach dem Erfolg des Louisiana „science education act“ (SEA) wurden AFA-Anträge fast vollständig durch SEAs (und deren Einbeziehung der globalen Erwärmung etc.) ersetzt. Zusätzliche Lehrbuchstrategien in anderen Staaten zeigen, dass naturwissenschaftliche Erzieher harte Arbeit leisten müssen, wenn Unterricht bestverfügbare Wissenschaft anbieten will statt kreationistisch forcierte falsche Kritiken und Kontroversen. Verfechter des naturwissenschaftlichen Unterrichts sollten sich nicht von der Vernebelungstaktik der SEAs einschüchtern lassen: Der kreationistische Ursprung der modernen antievolutionären Strategien ist klar, und zumindest 63 der 65 hier untersuchten antievolutionären Gesetzesentwürfe können direkt auf Kreationismus zurückgeführt werden.

(Siehe auch Nick Matzkes Beitrag zu einem zentralen Einwand der Intelligent-Design-Protagonisten, die “irreduzible Komplexität” der Bakteriengeißel.)