Darwin und kein Ende?

von Heinz-Hermann Peitz

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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Darwin und kein Ende? Kontroversen zu Evolution und Schöpfung Book Cover Darwin und kein Ende? Kontroversen zu Evolution und Schöpfung
Horst Bayrhuber, Astrid Faber, Reinhold Leinfelder
Seelze : Kallmeyer in Verbindung mit Klett
2011
239

Evolution und Schöpfung kontrovers Die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie hat die Biologie revolutioniert. Sie wurde seither mit neuen Methoden enorm weiterentwickelt und vielfältig abgesichert. Dennoch ist diese Theorie immer noch Gegenstand heftiger Kontroversen. So glauben Kreationisten, die Lebewesen seien in einem einmaligen Schöpfungsakt entstanden. Dagegen begründen Theologen der großen Konfessionen die Vereinbarkeit von Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie. Darwin und kein Ende? ist ein Sammelband, in dem sich Biologen und Theologen in 13 Beiträgen mit den kontroversen Theorien über Evolution und Schöpfung auseinandersetzen und dabei auch Einstellungen und Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu diesem großen Menschheitsthema analysieren. Das Buch richtet sich an Lehrkräfte des Biologieunterrichts und des Religionsunterrichts sowie an interessierte Pädagogen anderer Fächer, die mit diesem kompakten Überblick über eine bis heute heftig geführte Diskussion auch reichhaltiges Bildmaterial und praxisnahe Vorschläge für den Unterricht erhalten.

Schon wieder ein Buch über den Evolution-Schöpfung-Streit? In der Tat – und zwar kein schlechtes! Das von den drei Biologen Horst Bayrhuber, Astrid Faber und Reinhold Leinfelder herausgegebene „Darwin und kein Ende? Kontroversen zu Evolution und Schöpfung“ setzt gegenüber vorgängigen Publikationen eigene Akzente und empfiehlt sich schon allein aus diesem Grunde.So grenzen sich die Herausgeber bereits im Vorwort nicht nur vom Kreationismus ab (dazu sehen sich viele Biologen veranlasst), sondern auch wohltuend von den Grenzüberschreitungen der eigenen Zunft (und das findet man selten). Namentlich sind es Richard Dawkins (S. 7), Ulrich Kutschera (18), Ernst Haeckel (19, 62), Eckart Voland (25) und Michael Schmidt-Salomon (25, 32), deren „biologistisch-szientistische“ Auffassungen abgewiesen werden, insbesondere der Versuch, aus der Evolutionstheorie einen Atheismus abzuleiten. Die Existenz eines Schöpfers lasse sich – so die Herausgeber – „mit naturwissenschaftlichen Methoden weder beweisen noch widerlegen“ (7). Nun wäre schon viel gewonnen, wenn man Biologie und Theologie vor Übergriffen der jeweils anderen Disziplin in Schutz nimmt und beiden ihr Eigenrecht zugesteht. Das Buch aber will mehr, indem es anzielt, „zwischen den beiden Fachgebieten eine Brücke zu schlagen“ (7) und dies fachdidaktisch zu begleiten. Ein viertes Kapitel rundet mit einer Textsammlung den Band ab.

Gliederung

Die ausführliche Gliederung des Bandes als pdf-Datei [444 KB] .

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In Kapitel 1 („Evolution im Kontext der Schöpfung“) haben zunächst Naturwissenschaftler das Wort. Dabei findet der evolutionsbiologische Diskurs eine physikalische Grundierung durch den bekannten Astrophysiker Harald Lesch. Wiederholt werden neben naturwissenschaftlich-evolutiven Inhalten auch Reichweite und Grenzen der naturwissenschaftlichen Methode besprochen („Die Kontingenz der Anfangsbedingungen wird für immer im Dunkeln bleiben“, Lesch 59), und der Blick auf die Theologie nicht ausgespart.

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Umgekehrt greift die theologische Fraktion in Kapitel 2 („Schöpfung im Kontext der Evolution“) das evolutive Paradigma auf und bringt es mit der Theologie in einen Dialog. Auf den ersten Blick könnte man enttäuscht sein, dass nur protestantische Theologen zu Wort kommen. Richard Schröder, Dirk Evers und Hansjörg Hemminger (der zwar Biologe ist, aber seit 1984 für die evangelische Kirche arbeitet) sind jedoch allesamt einschlägig, erste Wahl, und auch als katholischer Theologe findet man sich dort gut wieder. In dem von ihnen zur Sprache gebrachten Dialog geht es zunächst um Vermeidung von Missverständnissen (Bibelverständnis, einseitige Gottesbilder), aber auch um das Zusammen von Evolution und Schöpfung, wenn beispielsweise Dirk Evers begründet, warum „es sich bei der Schöpfung nicht nur um ein Ereignis am Anfang handelt, sondern um ein fortgesetztes Geschehen“ (125).

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Kapitel 3 („Evolution und Schöpfung im Kontext der Fachdidaktik“) geht es zentral um empirische Studien zur Einstellung Jugendlicher und Erwachsener zu Evolution und Schöpfung. Diese werden als Herausforderung und Ausgangspunkt für die Behandlung im Unterricht herangezogen. Als Ergebnis zeigt sich u. a.: „Ein besonderes didaktisches Potenzial gegen Kreationismus wie Szientismus kommt daher dem sogenannten Unabhängigkeitsmodell von Naturwissenschaft und Theologie zu“ (167).

Kritische Würdigung

Bevor ich zum positiven Gesamteindruck komme, den die hochkarätigen Beiträge bei mir hinterlassen haben, möchte ich noch auf Aspekte hinweisen, die meines Erachtens fortsetzungs- bzw. ergänzungswürdig sind, insofern sie Missverständnisse hervorrufen können, auch wenn sie von den Verfassern gar nicht so gemeint sind.

Unabhängigkeits- statt Dialogmodell?

Das obige Kurzzitat hat zum Ausdruck gebracht, dass der fachdidaktische Teil (167) und wohl auch Horst Bayrhuber (19) ein Unabhängigkeitsmodell bevorzugen. Die Umfragen, die Verbreitung und Konfliktpotenzial von Kreationismus und Szientismus dokumentieren, lassen diese Wahl wohlbegründet erscheinen. Ein Unabhängigkeitsmodell verbietet Übergriffe ins andere Lager, lehrt gegenseitigen Respekt und entschärft dadurch Kontroversen – ein klarer Fortschritt gegenüber dem Konfliktmodell also. Nur sollte dies meines Erachtens zwar ein Etappensieg, nicht aber der Endzustand der Beziehung sein. Der von Bayrhuber zitierte Ian Barbour kennt neben den Stadien des Konflikts und der Unabhängigkeit auch die Stadien des Dialogs und der Integration. Wenn das Buch also tatsächlich „zwischen den beiden Fachgebieten eine Brücke“ (7) schlagen will, darf es beim schiedlich-friedlichen Nebeneinander des Unabhängigkeitsmodells nicht stehen bleiben. Einzig ein Dialog- und Integrationsmodell stellt sicher, dass die christliche Botschaft nicht ein Fremdkörper in einer ansonsten durch und durch naturwissenschaftlich geprägten Kultur bleibt.

Der Zurückhaltung gegenüber einem Dialogmodell entspricht auch die Auswahl der Textsammlung. Hier stehen die Schöpfungserzählungen recht unverbunden neben den anderen Modulen. Gut getan hätten hier theologische Klassiker, die ein Zusammen von Evolution und Schöpfung versucht haben. Ich denke hier beispielsweise an Pierre Teilhard de Chardin, dessen einprägsame Formel „Gott macht, dass die Dinge sich selber machen“ auch heute noch einen Anknüpfungspunkt für systematische Integrationsdiskurse darstellt.

Lebensweltliche versus wissenschaftliche Vorstellungen?

Zunächst wird unter dem Leitmotiv der „vier Modi der Weltbegegnung“ der religiöse Zugang als unreduzierbar und vereinbar mit dem naturwissenschaftlichen Weltzugang herausgestellt (141). Ausdrücklich wird betont, dass „sich die vier Modi der Weltbegegnung gegenseitig ergänzen, aber nicht ersetzen“ (141). Wie der ganze Band, so richtet sich auch diese Aussage gegen die Reduktionisten, die primär den naturwissenschaftlichen Weltzugang gelten lassen und dabei andere Zugänge als minderwertig abqualifizieren. Dies geht zumeist Hand in Hand mit der Abwertung auch des lebensweltlichen Weltzugangs. Während für den Naturwissenschaftler Hans-Peter Dürr evident ist, „dass unsere ursprüngliche Erfahrung reicher ist im Vergleich zu der Erfahrung, welche sich wissenschaftlich fundieren lässt“ (Dürr, Das Netz des Physikers, München 1990, 32), sehen andere die lebensweltliche Erfahrung als bloße Vorstufe, die von der (Natur-)Wissenschaft zu überwinden sei. So ist Franz Wuketits weit davon entfernt, andere Wirklichkeitszugänge als gleichberechtigt und gleichbedeutsam anzusehen. Für ihn ist „das wissenschaftliche Weltbild eine dem Alltagserkennen nicht bloß nach-, sondern übergeordnete Erkenntnisform“ (Biologische Erkenntnis, Stuttgart 1983, 7). Was für das Alltagserkennen gilt, gilt ebenso für andere Zugänge: „Niemand wird bestreiten, dass dem Menschen verschiedene Zugänge zur realen Welt möglich sind, so die bloß vorwissenschaftliche Alltagserkenntnis, die ästhetische Welterfahrung usw. Doch ist Leinfellner (1967) voll beizupflichten, wenn er der wissenschaftlichen Erkenntnis unter allen Erkenntnisformen eine Sonderstellung beiräumt: sie leistet in der Tat am allermeisten!“ (ebd. 6, wobei anzumerken ist, dass unter „wissenschaftlich“ selbstredend „naturwissenschaftlich“ gemeint ist). Und nach Gerhard Vollmer kann die Erfahrungswissenschaft theologische Aussagen „soweit es um die Beschreibung, die Erklärung, das Verstehen von Natur und um den Umgang mit ihr geht, alsentbehrlich ansehen“ (Geleitwort, in: U. Lüke: Evolutionäre Erkenntnistheorie und Theologie, Stuttgart 1990, 5-7, 7).

Dieser Geringschätzung anderer als naturwissenschaftlicher Zugänge ist also wirkungsvoll zu begegnen. Wer allerdings von dem Kapitel „Lebensweltliche Vorstellungen und wissenschaftliches Denken“ eine Aufwertung der Alltagserfahrung erwartet, wird enttäuscht. Zwar wird für den Biologieunterricht das „Thematisieren der unterschiedlichen Zugänge zur Welt“ (180) empfohlen, dies wird aber nicht weiter entfaltet. Stattdessen werden lebensweltliche Vorstellungen doch wieder herabgestuft zu „fachlich nicht angemessen“ (172) oder „pseudowissenschaftlich“ (174). Diese Vorstellungen werden zwar „als Ausgangspunkte“ (173) didaktisch aufgegriffen, aber nur, um sie in Richtung naturwissenschaftlicher Vorstellungen, die „fachlich angemessen“ (173) sind, zu überwinden. Der Aufmachertext von Horst Bayrhuber verstärkt diesen Eindruck, wenn er von „Vorstellungsänderung in Richtung wissenschaftlicher Konzepte“ spricht und bedauert: „Selbst der naturwissenschaftliche Unterricht tut sich schwer, Alltagsvorstellungen durch wissenschaftliche Vorstellungen zu ersetzen“ (170).

Was als innerbiologisches Programm legitim ist – und so ist der Artikel zu verstehen – ist als kulturelles Gesamtprogramm illegitim reduktionistisch. Das wird meines Erachtens aber zu wenig deutlich, und dadurch geraten Lebenswelt und Wissenschaft unter der Hand doch wieder in einen Gegensatz, der in Richtung Wissenschaft zu überwinden ist.

Privatisierung des Religiösen?

In eine ähnliche Abqualifizierung des religiösen Weltzugangs gerät man, wenn man ihn zu subjektivieren und privatisieren sucht. Wenn die Herausgeber den „nachprüfbaren naturwissenschaftlichen Aussagen“ die „nicht nachprüfbaren theologischen Aussagen“ (6) gegenüberstellen und nach Bayrhuber Schöpfungsaussagen „im Gegensatz zu der darwinistischen Aussage nicht überprüfbar“ (16) sind, gerät man schnell in ein Schwarz-Weiß-Denken von „objektiv“ und „subjektiv“, bei dem das erstere positiv, das zweite eher negativ im Sinne von Beliebigkeit assoziiert wird. Am deutlichsten wird dieser wertende Beigeschmack bei Ulrich Kutschera, von dem sich die Herausgeber gerade absetzen wollen. Um dies plastisch vor Augen zu führen, sei Kutschera ausführlich zitiert:

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Foto: Ulrich Kutschera
CC BY-SA 3.0

„Der ‚Schöpfungslehre‘ (fälschlicherweise auch als ‚Theorie‘ bezeichnet) liegt eine subjektive, christlich-religiöse Glaubensauffassung zugrunde, die sich jedweder objektivenÜberprüfung entzieht … Mit welche rationalen Begründung soll im ideologiefreienBiologieunterricht ein bestimmter Mythosbesprochen werden … Glaubenssätze haben in der nicht-dogmatischen, ergebnisoffenen, die ‚Geheimnisse der Natur‘ ergründenden naturalistischen Biologie keinen Raum. Diesesubjektiven Lehrmeinungen, über die manendlos diskutieren kann, gehören in den Bereich der Religions- und Ethikdiskurse, wo sie ihre Berechtigung haben. Das Prinzip der Nichtinterferenz von Glaube und Wissenschaft klammert den Glauben aus der Wissenschaft aus und hält ihn der Privatsphäre vor. Durch Aufnahme biblischer Ursprungsmythen und anderer Glaubensinhalte würde die Biologie von der Real– zur Verbalwissenschaft mutieren“.

(In: FAZ vom 17.11.2006, veröffentlicht auch in U. Kutschera, Das Dobzhansky-Mayr-Prinzip und eine Analogiebetrachtung, in: Ders. (Hg.), Kreationismus in Deutschland, Berlin 2007, 352-363. CC-Foto von X. Wang)

Um nicht missverstanden zu werden: Keinesfalls plädiere ich für die Aufnahme der Schöpfungslehre in den Biologieunterricht. Was das Zitat zeigen sollte, war die Abwertung des religiös-theologischen Diskurses durch zahlreiche suggestive Zusätze (oben kursiv dargestellt), die folgende Entgegensetzung nahe legen:

Wissen Glauben
objektiv subjektiv, i. S. v. beliebig
wissenschaftlich, rational unwissenschaftlich, irrational
undogmatisch, ergebnisoffen dogmatisch, nicht ergebnisoffen
Realwissenschaft Verbalwissenschaft
öffentlich privat

Diese entgegensetzende Akzentsetzung gehört in jedem einzelnen Punkt in ein angemesseneres Licht gerückt – hier einige Beispiele:

– Zwar ist die Theologie tatsächlich auf die Subjektivität des Glaubens bezogen. Dies ist aber der Glauben einer großen Gemeinschaft mit lang bewährter Tradition, wodurch synchrone und diachrone Konsenskriterien ins Spiel kommen. Es geht also weder um die Privatmeinung eines Theologen noch um die eines Gläubigen, auch wenn dieser den Glauben mündig und kritisch rezipieren und aktualisieren soll. Insofern die Theologie ihre subjektiven Voraussetzungen benennt, spielt sie mit offeneren Karten als solche Naturwissenschaftler, die vorgeben, Wissenschaft sei voraussetzungsfrei. Viele reflektieren die subjektiven und vorwissenschaftlichen Voraussetzungen ihrer Wissenschaft nämlich nicht: Subjektivitäten im context of discovery (der geniale Einfall, der von den Daten zur Theorie führt); das Vertrauen darauf, dass sich die Natur mathematisch beschreiben lässt; Vertrauen auf die Konstanz der Naturgesetze; die Bevorzugung der einfachsten Theorie durch Anwendung von Ockhams Rasiermesser; die Auswahl der Forschungsgegenstände und nicht zuletzt die Kanalisierung der Ergebnisse durch Forschungsgelder.

– Insofern Theologie den rationalen Verständigungsprozess einer Glaubensgemeinschaft darstellt und über ihr argumentatives Denken öffentlich Rechenschaft ablegt, ist sie wissenschaftlich. Als solche gründet sie die Akzeptanz ihrer Einsichten nicht nur auf eine persönliche Entscheidung und Mitvollzug des Glaubens, sondern auf vernünftige Nachvollziehbarkeit und Überzeugungskraft ihrer Argumente.

– Die Privatisierungsforderung verlängert nach Jürgen Werbick die „Leitidee der Aufklärung, das im Wesentlichen Unstrittige und allen Überzeugungen Gemeinsame (Objektive) sei das Vernünftige und allein Bedeutsame; alles andere sei nicht nur subjektiv beliebig – ‚privat‘ -, sondern auch letztlich irrelevant“. (in: W. Thierse [Hg.], Religion ist keine Privatsache, Düsseldorf 2000, 90-105, 94). Nun könnte man ja der Auffassung sein, dass in einer neutralen und pluralen Gesellschaft eine weltanschauliche Privatisierung zu fordern ist. Werbick plädiert für das genaue Gegenteil: Je weniger selbstverständlich eine Gesellschaft – als plurale – von vorgegebenen Sinn- und Wertekonsensen ausgehen kann, desto weniger dürfen Sinn- und Werteressourcen als Privatsache marginalisiert werden! (ebd. 95) Hier ist nicht an fundamentalistische Missionierung gedacht, sondern daran, dass mit der Privatisierung die gesellschaftlichen Möglichkeiten schwinden, „überhaupt noch Geltungsdiskurse zu führen und mehr an Verbindlichkeit zu begründen, als in den bloß ‚privat‘ respektierten Geltungen wahrnehmbar wird“ (ebd. 98). Privatisierung von (auch religiösen) Geltungsansprüchen könne sich eine Gesellschaft so lange leisten, als der Vorrat an Sinnressourcen mit öffentlich-allgemeiner Geltung selbstverständlich gegeben ist. Wo ein solcher Ressourcenkonsens zerfällt, muss eine Gesellschaft darauf setzen, dass solche Sinndiskurse öffentlich geführt werden, „freilich auch auf ihre Begründungen hin befragt und kritisiert werden können“ (ebd. 98, so wie dies ja auch Leinfelder zu Recht in seinem Beitrag, S. 28, fordert). Religion hat angesichts dieser naturwissenschaftlich motivierten Herausforderung „einen Öffentlichkeitsauftrag von geradezu dramatischen Dimensionen“ (Werbick 98).

Dies ist korrigierend mitzudenken, wenn die Herausgeber des vorliegenden Bandes von „nachprüfbar“ und „nicht nachprüfbar“ (s.o.) reden oder wenn Marcus Hammann und Roman Asshoff im Vortext ihres Beitrags davon ausgehen, dass es „eine Reihe sehr persönlicher Vereinbarungsstrategien zwischen Glaube und Akzeptanz der Evolutionstheorie“ (128) gibt. Sowenig Theologie und Glauben reine Privatmeinungen sind, sowenig sollte auch die Vereinbarkeit zwischen Glaube und Evolution einem persönlichen Meinen vorbehalten bleiben.

Dies ist auch korrigierend mitzudenken, will Reinhold Leinfelder nicht in die Privatisierungsfalle tappen. Für ihn sind ja weltanschauliche Erweiterungen des naturwissenschaftlichen Weltbildes „weder zwingend noch allgemeingültig, sondern wiederum eine rein persönliche Entscheidung“ und er meint, „dass bei Sinnfragen jeder selbst für die Antworten verantwortlich ist“ (28). Ein komplettes Zurückdrängen des Religiösen ins Private kann man Leinfelder jedoch nicht vorwerfen. Ein ausführlicher Abschnitt („Natur und Kultur im Anthropozän“) plädiert im Blick auf die gemeinsame Zukunftsbewältigung, den Missverständnissen „zwischen Wissenschaft und Religion konstruktiv zu begegnen“ (35). Damit will er im Miteinander gerade die kulturelle – und nicht nur individuelle – Wirksamkeit der Religion.

Noch einmal: Die kritischen Zusatzbemerkungen richten sich primär nicht gegen die Beiträge des Sammelbandes, sondern gegen gefährlich naheliegende Missverständnisse, welche die Anliegen des Buches ausgerechnet in die Richtung kippen lassen könnten, gegen die es gerade antreten wollte, nämlich in eine biologistisch-szientistische Richtung.

Fazit: Positiver Gesamteindruck!

Die kritischen Lesehinweise wollen den Gesamteindruck nicht trüben. Die ehrgeizige Zielsetzung des Buches, eine Brücke zwischen Biologie und Theologie zu schlagen, ist von den elf renommierten Autoren sachlich fundiert und – was nicht selbstverständlich ist – gleichzeitig gut lesbar angegangen worden. Die durchgängige Bebilderung und häufige Zusammenfassungen tragen das ihre zur Verständlichkeit bei. Insofern eignen sich die thematischen Haupttexte der ersten Kapitel ebenso für den Unterricht (in der Oberstufe) wie die Materialien der Textsammlung. Insgesamt also eine gute Empfehlung für LehrerInnen und alle, die an den „Kontroversen zu Evolution und Schöpfung“ Interesse haben und einen soliden Einstieg suchen.

 

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Dass der profunde Inhalt auch noch in eine äußerst ansprechende und dabei funktionale Form gegossen wurde, sei nur am Rande erwähnt. Neben den zahlreichen einschlägigen Bildern begleitet den Leser ein durchdachtes Farbleitsystem durch die Kapitel und die Timeline der Beziehungsgeschichte (oder auch Konfliktgeschichte) von Religion und Naturwissenschaft auf den Buchdeckeln. Schade nur, dass dort die gelben Stationen (Theologie) nicht gerade die Highlights der Theologiegeschichte repräsentieren, die es im vorliegenden Themenbereich ja durchaus gegeben hat – ich denke wieder an Teilhard oder das Zweite Vatikanische Konzil. Dennoch, es bleibt dabei: Inhalt und Aufmachung lassen einen das Buch immer wieder gern in die Hand nehmen.