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Design ohne Designer? Ein Tagungsbericht
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Reflexion einer Akademietagung in Weingarten vom 7. bis 8. Januar 2006 von Heinz-Hermann Peitz
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Spätestens seit der Spiegel im Dezember 2005 "Gott gegen Darwin" auf die Titelseite gebracht hat, ist eine Debatte auch im deutschsprachigen Raum populär geworden, die bisher vornehmlich amerikanische Gemüter erhitzt hat. Gemeint ist der neu aufbrandende Kampf gegen die Evolutionstheorie, der nun nicht mehr unter dem verstaubten Etikett des "Kreationismus" geführt wird. "Intelligent Design" heißt die Bewegung nun, die der Evolutionstheorie mit neuen (?) Argumenten abspricht, das Design der Natur ohne Rückgriff auf einen intelligenten Designer erklären zu können.
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Vor Darwin hat man die phantastische Zweckmäßigkeit und Schönheit der Natur in der Tat als überzeugenden Gottesbeweis angesehen. Der scheinbar so plausible Vergleich mit dem Uhrmacher (siehe Kasten rechts) stammt bekanntlich von William Paley und seiner "Natürlichen Theologie" um 1800. So neu sind die neuen Argumente also gar nicht. Ja, sogar Darwin musste für sein Examen Paley studieren. Und dennoch beginnt mit Darwin eine wissenschaftliche und kulturelle Revolution: der zunehmende Anspruch der Naturwissenschaft, die Komplexität der Natur ohne Rückgriff auf einen intelligenten Schöpfer, also rein natürlich, erklären zu können. Wenn dieser Anspruch zu Recht besteht, widerspricht dann nicht doch die Evolutionstheorie dem Schöpfungsglauben?
Daraus ergeben sich zwei zentrale Fragen, denen diese Tagung (zusammen mit einer früheren) nachgegangen ist: 1. Was erklärt die Naturwissenschaft wirklich? 2. Welche Konflikte ergeben sich daraus für den Glauben an einen Schöpfer?
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Was erklärt die Evolutionsbiologie?
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Bei der ersten Frage waren sich die Biologen Peter Sitte und Gerrit Begemann einig: Auch ohne Rückgriff auf einen intelligenten Schöpfer kann die moderne Evolutionstheorie die Entstehung des Lebens bis hin zum Menschen beschreiben: Alle Lebensformen sind aus anderen Lebensformen hervorgegangen. Sowohl Übergänge zwischen Arten (noch von klassischen Kreationisten bestritten: "und er schuf …ein jedes nach seiner Art") und Großgruppen (Intelligent Design Vertreter geben Mikroevolution zu, bestreiten zuweilen jedoch Makroevolution) als auch die Entstehung komplexer Gebilde (z. B. Auge; "irreduzible Komplexität" ist das zentrale Argument bei Intelligent Design) lassen sich zunehmend solide belegen. Auch die Ursachenfragen sind vorangetrieben worden, so dass sich zu den Klassikern "Mutation" und "Selektion" weitere Faktoren gesellt haben. Dass der Zufall hier wie dort mit-beteiligt ist, nutzen so manche Antidarwinisten polemisch aus: Aus purem Zufall könne schließlich keine geordnete Natur entstehen. Demgegenüber wiesen Sitte und Begemann darauf hin, dass Zufall immer nur eine von mehreren Seiten darstellt: Zufall bietet der bewertenden Selektion ein breites Bündel von Möglichkeiten an, das zu guter Anpassung an verschiedene Lebensbedingungen und zu unüberschaubarer Artenvielfalt führt (Stichwort Gendrift). Seit ihrer Konzeption vor 150 Jahren ist die Evolutionslehre so vielfältig verbessert, ergänzt und konsolidiert worden, dass man nicht von einem Gedankenkonstrukt, nicht von einer gewagten Hypothese, sondern von einer bewährten Theorie sprechen kann. Also doch Design ohne Designer?
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Grenzüberschreitungen und Scheinkonflikte
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Dieser Schluss scheint statthaft, wenn man Daniel Dennett folgt (Gespräch im Spiegel vom 24.12.2005, Seite 150, 148): "Dass es in der Welt Design gibt, war immer das stärkste Argument für die Existenz Gottes – und Darwin hat dem den Boden entzogen. … Bei der Evolution geht es um die beunruhigendste Entdeckung der Wissenschaft überhaupt. … Ich spreche von dem Glauben, es müsse einen großen, schlauen Denker geben, um etwas von niedrigerem Rang herzustellen." Tagungsreferenten und Teilnehmer waren sich bei der Lektüre dieses Textes gleichermaßen einig, dass sich Dennet hier als klassischer Reduktionist entlarvt: Als wäre die Welt nichts anderes als das naturwissenschaftlich Beschreibbare! Dass der Schöpfungsglauben hiermit in Konflikt gerät, verwundert nicht. Nur, der Gegner ist hier Ideologe, nicht Naturwissenschaftler!
Es gibt aber auch Grenzüberschreitungen von der anderen Seite. Sowenig die Evolutionstheorie als solche Sinnfragen beantworten oder Sinn bestreiten kann, sowenig können Religion und Theologie in naturwissenschaftliche Erklärungssysteme eingreifen. Tun sie es doch, gibt es eine unsaubere Vermischung zweier Sprachspiele, die jüngst der Intelligent Design-Bewegung zum Verhängnis geworden ist. Nach einem spektakulären sechswöchigen Prozess fällt Richter John E. Jones in Pennsyvania, USA, ein eindeutiges Urteil:
-> Als Naturwissenschaft versagt Intelligent-Design auf 3 Ebenen: a) es verletzt naturwissenschaftliche Grundregeln durch Zulassen übernatürlicher Ursachen, b) das Argument irreduzierbarer Komplexität ist mangelhaft, c) die Angriffe des Intelligent-Design auf die Evolutionstheorie sind von der Scientific Community widerlegt.
-> So wissenschaftlich sich Intelligent-Design auch gibt, es ist keine Naturwissenschaft, sondern eine religiös motivierte Argumentation, welche die kreationistischen Wurzeln nicht abstreifen kann.
-> Im Biologieunterricht ist Intelligent Design verfassungswidrig und die Anordnung der Schulbehörde, Schüler auf Intelligent-Design als Alternative hinzuweisen eine "atemberaubende Hirnverbranntheit".
[ausführliche Dokumentation des Urteils]
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Dialog ohne Grenzüberschreitung
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Die Biologen unserer Tagung haben den weltanschaulich-atheistischen Überbau der Evolutionstheorie so wenig mitvollzogen wie der Theologe Armin Kreiner den Kreationismus. Als Naturwissenschaftler haben sie nur zum Ausdruck bringen wollen, dass ein intelligenter Designer in ihrem naturwissenschaftlichen Geschäft nicht vorkommt. Die Naturwissenschaften sind eben methodisch der Versuch zu schauen, wie weit man mit rein natürlichen Erklärungen kommen kann: Gott ist kein Gegenstand empirischer Wissenschaften. Das heißt nicht, dass es ihn nicht geben kann und er in einem anderen Zugang zur Welt nicht seinen unersetzbaren und unverzichtbaren Raum hat.
An eine solche methodisch beschränkte Wissenschaft ist die Theologie anschlussfähig ohne sich gemüßigt zu fühlen, Gott in Lücken einzuführen, wie Intelligent Design dies versucht. Wenn Gott nirgends als empirisch prüfbarer Einzelfaktor vorkommt, heißt es doch nicht, dass er nirgends vorkommt, sondern umgekehrt, dass er überall vorkommen kann. Er greift nicht punktuell beim Artübergang, bei der Makroevolution, bei der Entstehung komplexer Organe, bei der Entstehung des Menschen etc. als Zusatzfaktor ein, sondern er ist der Grund des ganzen evolutiven Geschehens. Das Instrument der Schöpfung ist die Evolution – Mutation und Selektion inklusive. So konnte auch der Text der Internationalen Theologenkommission des Vatikan von 2004 unbefangen den Zufallsaspekt des Evolutionsprozesses zulassen: "Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nach katholischem Verständnis von göttlicher Verursachung wahre Kontingenz innerhalb der geschöpflichen Ordnung nicht unvereinbar ist mit einer zweckvollen göttlichen Vorsehung. ... Göttliche und geschöpfliche Verursachung unterscheiden sich radikal der Art, und nicht nur dem Grad nach. Aus diesem Grund kann sogar das Ergebnis eines wahrhaft kontingenten natürlichen Prozesses trotzdem einem providentiellen Plan Gottes entsprechen." Zufall wird also nicht mit Mitteln des Design in Abrede gestellt: "Ob die verfügbaren Daten den Schluss auf Design oder Zufall unterstützen, … [kann] nicht theologisch entschieden werden" (Absatz 69).
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Offene Fragen und ein Konsens
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Im weiteren Verlauf des Textes konnte die Tagung jedoch eine verbleibende Spannung nicht auflösen. Gott wird zwar nicht bei Verstehenslücken eingeführt, offenbar denkt die Theologenkommission aber an kausale Lücken, wenn behauptet wird, "dass das Auftauchen der ersten Mitglieder der menschlichen Spezies (ob als Individuen oder in Gruppen) ein Ereignis darstellt, das keiner rein natürlichen Erklärung zugänglich ist und das angemessen einer göttlichen Intervention zugeschrieben werden kann". Um an diesem Punkt mit Evolutionsbiologen im Gespräch zu bleiben, wird man genau diskutieren müssen, was unter "Kausalität", "Intervention", "rein natürlich", "nicht zugänglich" etc. zu verstehen ist und wie sich der "ontologische Sprung", der für den Menschen zu Recht reklamiert werden mag, zur kausalen Beschreibung der Evolutionsbiologie verhält.
Trotz dieser offenen Fragen gibt es eine Konsensformulierung: Evolutionsbiologie und ein intelligenter Designer bilden keine Widersprüche, wenn mit dem Designer keine vorläufigen Lücken der naturwissenschaftlichen Modelle gestopft werden (auch die Theologenkommission will aus "explanatorischen Lücken" keinen theologischen Honig saugen). Denn wenn eine Lücke ein Argument für den Designer ist, dann ist das spätere Füllen dieser Lücke ein Argument gegen ihn. "Intelligent Design" ist darum nicht nur schlechte Wissenschaft, sondern vor allem schlechte Theologie.
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