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Religion als Risiko
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Detlef B. LinkeRELIGION ALS RISIKO - GEIST,GLAUBE UND GEHIRN
Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek/Hamburg (2003) ISBN 3-499-61488-X 319 S. rororo-Science kart. EUR 10.90
Obwohl viele Fähigkeiten des Menschen bestimmten Hirnarealen zugeordnet werden können, ist dies für abstrakte, komplexe Gefühle wie Liebe, Hass oder Glauben ungeklärt. Anlässlich des 11. September 2001 untersucht Detlef B. Linke, welchen Einfluss Sprachstruktur, Gewalt, Nahtodeserfahrung und Sexualität auf das religiöse Empfinden von Menschen ausüben und wie sich dies hirnphysiologisch niederschlägt. (rororo)
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Über den Autor
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geb. 1945 in Struwenberg (Brandenburg), gest. 2005 zuletzt Professor für Klinische Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn [zur Homepage des Autors]
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Rezension von Gottfried Kleinschmidt
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Der Experte für klinische Neurophysiologie und neurochirurgische Rehabilitation ist ein Grenzgänger zwischen Hirnforschung, Kunst, Ethik und Philosophie. Sein neues Werk liefert Denkanstöße über die Zusammenhänge zwischen Neuropsychologie, Neurophilosophie, Fundamentalismus und den großen religiösen Strömungen. Entscheidend ist die mehrperspektivische Sicht und die Verknüpfung zwischen Ethik, Philosophie, Hirnphysiologie und Kulturkritik. Das Buch liefert Philosophen, Theologen, Politikern, Anthropologen und Wissenschaftstheoretikern weiterführende Denkimpulse. In Verbindung mit einer zusammenfassenden Würdigung des Buches kann nur auf einige markante Gedanken und Schlussfolgerungen hingewiesen werden. Kennzeichnend an den Gedanken des Autors ist die Herstellung vielfältiger Beziehungszusammenhänge (interdisziplinäres Denken).
Es besteht heute Hochkonjunktur für ungewöhnliche Religionen. Europäer reisen für viel Geld in abgelegene Gebirgstäler Asiens, Mittel- und Südamerikas, um die letzten Reste von Traditionen mysteriöser Kultur aufzuspüren. In diesem Zusammenhang stellt der Autor fest, dass die "ungewöhnlichste Religion das Christentum ist, weil Gott in ihr Nägel durch die Fingerstrahlknochen getrieben erhält und kurz bevor er eine Lanzenspitze unter die Rippe geschoben bekommt, unter Atemnot noch äußert, er, der Gott, sei von Gott verlassen. Das Ungewöhnliche dieser ganzen Szenerie ist in der Nüchternheit abendländischer Kultur teilweise verschwunden". Das Christentum wirkt insofern ungewöhnlich, weil es "einen sterbenden Gott zeigt". An mehreren Stellen seiner Ausführungen spielt die "Geist-Materie-Dimension" eine bedeutende Rolle. Aktuell und umstritten ist die Feststellung: Das Gehirn ist auch Geist, zumindest ist es Form und insofern nicht einfach Materie (vgl. auch Colin McGinn "Wie kommt der Geist in die Materie?" (2001). Die wesentlichen Kognitionen und Emotionen des Menschen, Glauben sowie Wissen, bewegen sich in sinnlichen und nichtsinnlichen Bereichen zugleich! Das menschliche Gehirn ist "ein seltsamer Diamant". Ein umstrittenes Gebiet sind die verschiedenen Bereiche der "Neurotheologie". Zu diesen Bereichen gehören Meditation, Gebet und der Umgang mit Heiligen Schriften. Allerdings ist Religion ein so komplexes System, das nur partiell in bewusster Aktivierung der Hirntätigkeiten einen entsprechenden Niederschlag findet. An dieser Stelle stellt D.B. Linke fest: "Die Hirnmechanik zu untersuchen ist schwieriger, als dies bei der Himmelsmechanik der Fall war. Erregungsausbreitung in den über hundert Milliarden Nervenzellen folgt komplexeren Mustern als dem einer Planetenumlaufbahn. Will man in den verschiedenen Erregungsmustern einen konstanten Sinn identifizieren, so begibt man sich in einen unendlichen Prozess kultureller Annäherung an ein Gebilde, das Kultur in einem nicht eindeutig bestimmbaren Maße für sich bereits zur Natur gemacht hat".
Die Ausgestaltung der "Neurotheologie" wird heute als wichtige strategische Position im Dialog zwischen Geisteswissenschaften, Theologie, Religion und Naturwissenschaften erkannt. Entscheidend ist, dass künftig religiöse Phänomene auch in Verbindung mit der Hirnforschung diskutiert werden müssen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Verknüpfung zwischen Risikoforschung und Religion (Neurotheologie). Eine Konsequenz ist, dass zur Prävention und kulturellen Offensive gegen den aktiven religiösen Terrorismus mehr analytische Differenzierung gefordert werden muss und zwar durch stärkere, praktisch-pragmatische Einbindung der religiösen Überzeugungen. Man kann allerdings nicht behaupten, dass das menschliche Gehirn so angelegt sei, dass in ihm Religion zur Entfaltung kommen muss. Man kann auch nicht ohne weiteres eine Korrelation zwischen Gehirn und Religion herstellen. An der Evolution des Menschen sind immer gleichzeitig Gehirn und Kultur beteiligt. Dabei gewinnen die Formen der Evolution schicksalhafte Bedeutung. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auf die besondere Leistung des Philosophen Immanuel KANT (1724-1804) hin. Markant und besonders hervorzuheben ist die unglaubliche Selbstorganisationsleistung des menschlichen Gehirns. Im menschlichen Gehirn gibt es interne Rückkoppelungsschleifen, die für die Kognition, Selbstreflexion und Religion von immenser Bedeutung sind. Ebenso entscheidend ist der Mundraum. Dieser schafft "die evolutionäre Nische", aus der heraus der Mensch die ungewöhnliche Entfaltung der Kognition gestalten konnte.
Religionen zeichnen sich nicht nur durch unterschiedliche "Kreditaufnahmen gegenüber der Zukunft aus", sondern sind auch "Aufbewahrungsorte für den Zorn des Menschen". Dies heißt, dass Religionen nicht einfach durch interdisziplinäre Reflexion aufgelöst werden können. Religionen sind mit Lebensregeln verbunden, die Hoffnung geben sollen und diese können selbst zum Risiko werden. "Religion als Risikobewältigung ist also selbst riskant". Abschließend ist noch ein Hinweis auf den 11. September 2001 erforderlich. D.B. Linke führt diesbezüglich aus: "Religion gilt vielen als eine Art Fata Morgana, als eine Wunschvorstellung, die jenseits des Realen in der Welt Spiegelung und Projektion aufbaut und über die Wüste der Wirklichkeit hinwegtäuschen soll. Dort wird ein Manna versprochen, ein himmlisches Brot, das vom Himmel herabregnet und den Menschen mit virtuellen Kräften nährt, wie zwei Fische bei der Speisung der Fünftausend. Plötzlich stürzen zwei Flugzeuge aus der Bläue des Himmels in die vernetzten Botschaften unserer Medienwelt (11.09.2001), und wir müssen uns eingestehen, dass wir lange Zeit in einer virtuellen Debatte über eine virtuelle Welt schwebten, in der wir wie auf Himmelswolken Engeln gleich uns plötzlich auf das Diesseits verwiesen finden". Die neuen Technologien machen auch Religion und Theologie immer riskanter und geben der "Neurotheologie" noch viele ungelöste Probleme auf. Es entstehen neue Ängste, neue Formen der Verzweiflung, neue Formen der Verstörtheit, neue Traumata. Menschen fürchten sich am meisten vor Menschen! Die erste Reaktion auf die Bilder der Zerstörung der Wolkenkratzer in New York war die bange Frage, ob die Wirklichkeit dieser Bilder tatsächlich wirklich war. Die Frage war: Wie ist hier noch zwischen Realität und Virtualität zu unterscheiden? Religion war angesichts dieses Ereignisses im Selbstverhältnis der Medientheorie verschwunden! Das menschliche Gehirn ist ein "Unbestimmtes-Bestimmtes". Es ist abgegrenzt und dennoch veränderbar. Die heutige Hirntheorie bewegt sich jenseits der Teilung in Geist und Materie, denn das Gehirn ist weder nur Materie noch nur Form. Es ist weder nur Hardware noch nur Software. Es gestaltet sich laufend aus der Interaktion zwischen beiden, wobei beide gar nicht getrennt werden können. D.B. Linke führt diesbezüglich aus: "In der Krypta des Schädels drängt das Gehirn auf Weiterarbeiten und nimmt die angebotenen Regeln so in sich auf, dass aus ihnen und für das System Neues entsteht". Dies ist Hoffnung und Chance zugleich!
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