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Das Gehirn - Schlüssel zur Unendlichkeit
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Detlef B. Linke
Das Gehirn - Schlüssel zur Unendlichkeit Der Geist ist mehr als unser Hirn
HERDER 2004. 192 S. 22 cm Einband: Gebunden ISBN 3451282658
EUR 19,90
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Kurzbeschreibung
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Der bekannte Neurowissenschaftler Detlef B. Linke denkt die Erkenntnisse der Hirnforschung weiter und zieht die Konsequenz aus der Einsicht: Die Pointe am Hirn: es ist nicht nur Materie, sondern selber auch Form. Ein brillant geschriebenes Buch: Die Entschlüsselung des Gehirns und ein neues Verständnis von Liebe, Vernunft und Glauben.
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Über den Autor
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geb. 1945 in Struwenberg (Brandenburg), gest. 2005 zuletzt Professor für Klinische Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn [zur Homepage des Autors]
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Rezension
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... In seinem neuen Buch Das Gehirn - Schlüssel zur Unendlichkeit äußert sich Linke hauptsächlich zu theologischen Fragen. Unerwartet deutlich weist er dabei zunächst Ansätze zurück, die von Seiten der so genannten Nah-Todesforschung Brücken zwischen Hirnforschung und religiösen Erfahrungen schlagen könnten: Linkes kritische Argumentation gegenüber den mutmaßlich das "Jenseits" betreffenden Erfahrungen Sterbender lässt sich auf die Formel bringen: hier handelt es sich nicht wirklich um Erfahrungen von Verstorbenen und nicht wirklich um Erfahrungen des "Jenseits", denn wären es Erfahrungen wirklich Verstorbener - d.h. von Menschen mit irreversiblem Hirnausfall - dann gäbe es diese Berichte und diese Erfahrungen eben nicht. Nachvollziehbarer dagegen ist Linkes Abgrenzung gegenüber der neuerlich aufstrebenden "Neurotheologie", die Religion evolutionsthereotisch sozusagen zur "biologischen Ausstattung des Menschen" erklären will. Hier handle es sich um "ein erschlichenes Argument" für die Religion, so Linke, der ebenfalls Gegner der "Modul"-Theorie ist, wonach man ganz bestimmte Hirnpartien als zuständig für religiöse Gefühle identifizieren will. Dem Reduktionismus, der beispielsweise religiöse Ekstase durch defekte Hirnlappen erklären möchte, hält er mit Blick auf Dostojewski die wunderbare Frage entgegen: "Warum sollte nicht die Wahrheit in einem von Krankheit gezeichneten Gehirn besonders leicht zum Ausdruck kommen?" Schwer nachvollziehbar und fragmentarisch bleibend versucht sich dann aber Linke doch selbst in seinem Buch an einer Art "neurologischem Gottesbeweis", indem er die Zuwendung zu "Gott" als einer Instanz oberhalb der "Überfülle an Attraktoren" sieht, zu der im Gehirn abgebildeten Unendlichkeit der Bezugsmöglichkeiten und als "Möglichkeit, gerade im Versuch des Vorstellens Güte schon als verwirklicht zu empfangen". Für Linke sind solche Formulierungen nicht nur Theorie. Denn er betet auch selbst regelmäßig - ein ungewöhnliches Geständnis, das man bei einem Hirnforscher nicht erwartet, beim genaueren Lesen seines Buches aber doch nicht überrascht. "Wie kann man unbefangen beten, wenn man so genau weiß, was dabei im Gehirn vorgeht", wollen wir wissen. Das bereite ihm überhaupt kein Problem, ist seine Antwort. Auf die Idee, das Göttliche ebenso wie den Geist als etwas von Materie und Körper unabhängiges anzusehen, das sich im Gebet direkt begegnet, will er sich aber nicht einlassen. "Der Geist ist mehr als unser Hirn" - schreibt zwar der Verlag als Untertitel auf sein neues Buch, aber Linke selbst sieht sich als Vertreter eines konsequenten Parallelismus, der Geist und Gehirn als zwei gleichberechtigte Bereiche sieht, deren Interaktion wir bisher nicht verstehen. Eine Hierarchisierung will er nicht vornehmen. Ein schwieriger und für den Betrachter sehr schmal wirkender Weg, den Linke gewählt hat, der irgendwo in eine metaphysische Region jenseits der Hirnströme zu führen scheint - ein einsamer Weg.
Jens Heisterkamp (Auszug aus Detlef Linke im Portrait) mit freundlicher Genehmigung von info3
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Leseprobe
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Unser ENDliches Gehirn - von Unendlichkeit berührt Schon ein so einfacher menschlicher Vorgang wie das Lächeln führt uns mitten in unser Thema: Die Menschen können sich mit Glück belohnen einfach dadurch, dass sie gegenwärtig sind. Lächeln kann zur Ausschüttung von Dopaminen im Gehirn führen, es aktiviert unsere Belohnungszentren, und Sozialität kann dadurch gelingen, dass wir lächeln. Würden Roboter lächeln können, so würden wir vielleicht gar nicht mehr die Frage nach ihrem Bewusstsein aufwerfen, um zu entscheiden, ob sie zu uns oder nicht zu uns gehören. Lächeln ist wie Zuckerbrot und sein Ausbleiben kann wie eine Peitsche sein. Wer nicht lächelt, ist in der misslichen Lage, Recht haben zu müssen. Eine Kultur des Lächelns kann weitgehend auf Argumente verzichten. Lächeln führt in die ersten Belohnungen der Mutter-Kind-Beziehungen zurück und es eröffnet einen Zauber, der über eine statische lexikalische Semiotik hinausgeht, Bedeutungen berührend, die in Urzeiten zurückverweisen und vielleicht nicht nur poetisch Unendlichkeit beinhalten, sondern in dem konkreten Sinn evolutionären Rückverweises. Enthält ein Lächeln durch diesen Rückverweis nicht unendlich viele Bedeutungen? Nun, wer denken und argumentieren möchte, will solche Unendlichkeiten bisweilen gerne abkürzen und setzt einen Anfang der Erde. Wenn die Welt einen Anfang hat, dann verweisen die Bedeutungen nicht ohne weiteres ins Unendliche und ich kann in Ruhe meine Urteile fällen. Auch das Symbol des Zauberstabs, der uns als Kind fasziniert hat, kann uns die Fragestellung näher bringen: Wir erinnern uns an Kindertage, in denen ein Zauberer mit spitzem kegelförmigen Hut auftrat, auf dem Sternenzeichen vermerkt waren. Als Astronom aus dem Morgenland vermochte er Macht über die Dinge auszuüben und sie zu verwandeln. Die Symbolkraft des Stabes trug ihres dazu bei. Vor allem der Formel "Abrakadabra" wurde eine besondere magische Kraft zugesprochen. Natürlich war das eine Verballhornung und Fehldarstellung des Morgenländischen, die bis in heutige Zeiten anhält. Noch heute wird das "Allahu akbar", das "Gott ist größer", nicht korrekt übersetzt. Zwar gibt man es nicht mehr als "Abrakadabra" wieder, wie es einst geschah, hat aber dennoch nicht zu einer korrekten Übersetzung gefunden. Kam die sorglose Wiedergabe des Namens bisher einer Lästerung gleich, so muss man feststellen, dass die heutigen Übersetzung mit "Gott ist groß" ebenfalls aus einer Position von Unbekümmertheit erfolgt, die man für Hochnäsigkeit halten könnte, wenn man nicht wüsste, dass bei Vorurteilen oft auch eine gehörige Portion Bequemlichkeit zum Tragen kommt. "Allahu akbar" wörtlich "Gott, er, ist größer" enthält das Wort akbar, größer, als Komparativ zu kabir, groß. Damit ist etwas Grundlegendes zum Ausdruck gebracht, nämlich dass Gott nicht einfach als höchstes Seiendes, als Schlussstein einer Brücke am Firmament zu verstehen ist. In gewisser Weise wird der Gedanke der Unendlichkeit eingeleitet, wenn gesagt wird, dass Gott größer ist. Denn er ist größer als die Vorstellung, die wir uns je von ihm machen. Diese Unendlichkeit scheint uns nicht allzu sehr zu rühren. Wir haben es uns nach einem Jahrhundert der ENDlichkeit bequem gemacht, darin finite Wesen zu sein, und verstehen das "memento mori", das "Gedenke, dass du sterben musst!", kaum als Aufforderung, an eine Abrechnung nach dem Tode zu denken, sondern vielmehr wie eine Aufforderung, im Kaufhaus des Lebens so viel als möglich abzuräumen. Wir haben es uns gemütlich gemacht in derENDlichkeit und über die Unendlichkeit können wir ja sowieso nicht viel sagen, also hat es sich damit. Lange Zeit bis zu Albertus Magnus zögerten die Theologen, Gott Unendlichkeit zuzusprechen, weil sie die Unabgeschlossenheit für etwas Unvollkommenes hielten. Erinnert man sich an diese Position zurück, dann wäre dieENDlichkeit, in die wir uns in den letzten 200 Jahren, seit Kant, gestürzt haben, gleichsam ein göttliches Attribut, mit dem wir genügsam unser Leben fristen können. Die Unendlichkeit rechnen wir eher zu unseren technischen Mitteln, so in der Infinitesimalrechnung, mit der wir die Welt zu steuern versuchen und Steuerungsvorgänge bis in den Kosmos hinein unternehmen. So sitzen wir also in unsererENDlichkeit und feiern sie wie eine Vollendung, handhaben die Unendlichkeit und haben manchmal Mühe, den Gedanken der Unvollkommenheit, der uns bisweilen wie eine Plage heimsucht, von uns abzuwehren. Es ist geradezu zu einem anthropologischen Dogma geworden, dass wir uns alsENDlich verstehen. Und wir gehen davon aus, dass die Grenze zwischenENDlichkeit und Unendlichkeit die Grenze zwischen Mensch und Gott markiert, so als ob wir eine Perspektive einnehmen könnten, von der wir auf beide Seiten und auf die Grenze herabschauen könnten, um ihren genauen Verlauf bestimmen zu können. Den Menschen als unendlich zu bezeichnen, würde als vermessen angesehen werden, auch wenn wir uns vielleicht mit dem Gedanken der Unendlichkeit schon längst eine heimliche Vermessenheit nach Hause geholt haben. Giordano Bruno war noch dafür verbrannt worden, dass er glaubte, dass das Unendliche für uns wirklich sein könnte. Heute sehen wir uns lieber als eine Verendlichungsmaschine, die in der Lage ist, mit den Unendlichkeiten des Kosmos und Chaos umzugehen und für dieENDlichen Zwecke des Lebens diese zu transformieren, umzugestalten oder zu konstruieren. Gäbe es die Erkenntnis, dass wir nicht entscheiden können, nicht bestimmen können, ob wirENDlich oder unendlich sind oder ob wir beides sind, so würde dies die Wohlgeordnetheit und Geborgenheit in unserer Welt irritieren. Dennoch handelt es sich wohl um einen Fall der Unentscheidbarkeit, wasENDlichkeit und Unendlichkeit angeht. Mathematiker und Philosophen wie Gödel und Wittgenstein haben dies herauszustellen versucht. Und Wittgenstein hat die Aufforderung, dass man darüber schweigen müsse, worüber man nicht reden kann, gerade an der Frage des Umgangs mit der Unendlichkeit entwickelt. An dieser Stelle reagieren aber Denker bisweilen mit einem weiteren Schritt. Lévinas und Derrida ziehen aus der Erfahrung, dass man nicht mehr wie bei Descartes den Unterschied zwischen Gott und Mensch an Unendlichkeit undENDlichkeit festmachen kann, die Folgerung, dass man die Unendlichkeit "à dieu", zu Gott, dedizieren sollte. Dies mag man als einen Vorgriff auf religiöse Einstellungen ansehen. Die Kuscheligkeit derENDlichkeit ist jedoch aufgebrochen, wenn man sich die Ergebnisse der Mathematik der letzten 135 Jahre seit Cantor anschaut. Und nun scheint die Unendlichkeit vollends über uns hereinzubrechen, wenn wir uns das Naturalisierungsprogramm der Neurowissenschaften und Neurophilosophie betrachten. Demnach sind alle geistigen Phänomene des Menschen als Ereignisse des Gehirns beschreibbar. Naturalisiert man, d.h. führt man auf Naturereignisse, in diesem Fall natürlich vor allem das Gehirn, zurück, was als geistiges Phänomen, als Ahnung der Unendlichkeit oder auch Denken der Unendlichkeit in den Blick kommt, dann muss man mit Erstaunen feststellen: Offenbar ist unserENDliches Gehirn von Unendlichkeit nicht unberührt. Die Frage ergibt sich dann: verendlicht dieses Gehirn wirklich nur Außenwelt? Werden nicht auch im Umgang mit dieser Außenwelt ganz neue Mächtigkeiten von Unendlichkeit erzeugt, die jene der so bequem als Unendlichkeit gedachten Außenwelt bei weitem übertrifft? Zaubern wir, wenn wir meinen, aus UnendlichkeitENDlichkeit zu erzeugen, vielleicht stets neue Unendlichkeiten herbei?
Mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlages
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