 | 2013/05/14: Mit Gott geht der Sinn - The European |
| Der Atheismus stelle, so Wolfgang Huber, eine Glaubenslehre jenseits von wissenschaftlicher Objektivität dar. Orientiert an einem wissenschaftsgläubigen Fortschrittskonzept gehe der Atheismus davon aus, dass die Wissenschaft die Grundfragen der menschlichen Existenz ohne Rest beantworten werde. Die Erklärung des Lebens sei aber nicht mit dessen Sinn gleichzusetzen und lasse deshalb viele Fragen offen. Zwar gebe es auf solche Fragen durchaus auch säkulare Antworten. Glaube stelle deshalb ebenso wie eine atheistische Grundhaltung eine Option innerhalb der Pluralität von Weltanschauungen dar. Aber gerade angesichts der neuen Möglichkeiten der Lebenswissenschaften sei es zur Wahrung der Menschenwürde unverzichtbar, diese nicht ?als Resultat menschlicher Selbstbestimmung? zu verstehen, sondern als aus der Beziehung des Menschen zu Gott als seinem Schöpfer und der Beziehung zu seinen Mitmenschen resultierend. Deshalb, so Huber, würden Christen an ihrer Hoffnung festhalten. pts
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 | 2013/05/09: Science and religion can't be reconciled - Why I won't take money from Templeton - Slate |
| Der bekennende Atheist, Physiker und Buchautor Sean M. Carroll begründet seine Anti-Templeton-Haltung. Die John Templeton Foundation (JTF) sei zwar nicht wirklich bösartig, wie es das Discovery Institut sei; sie verbreite keine Lügen, um Wissenschaftsfeindlichkeit zu fördern, und Manipulationen seien ihr nicht nachzuweisen. Auf ihre Weise sei sie sogar Wissenschaftsfreundlich. Der entscheidende Haken bestehe jedoch darin, dass sie die Auffassung verbreite, Naturwissenschaft und Religion seien miteinander vereinbar. Wissenschaftler, die sich von JTF fördern ließen, stellten damit ihr Ansehen in den Dienst dieser falschen Idee und erwiesen der Welt dadurch einen Bärendienst. Schließlich sei der - von der Mehrheit geteilte - Übergang vom Theismus zum Atheismus der wichtigste ontologische Fortschritt der letzten 500 Jahre. Als Missionar des Atheismus bescheinigt der Autor mit seiner Frontstellung gegen die JTF allerdings gerade deren Erfolg in der Verbreitung der Vereinbarkeitsthese. hhp
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 | 2013/04/26: Godlike Great Programmers: The Scientists Arguing for Religious Belief - The New Yorker |
| Die meisten Wissenschaftler seien ungläubig oder trennten Wissenschaft und Religion. Es gebe aber auch erstaunlicherweise führende Wissenschaftler, die aus der Wissenschaft Argumente für Übernatürliches ziehen. So gehe die "Computer-Theologie" Jürgen Schmidhubers von der Prämisse aus, dass es einen "schnellsten, effizientesten, optimalen Weg gibt, alle logisch möglichen Universen zu berechnen, unseres eingeschlossen - falls unseres berechenbar ist, wogegen nichts spricht". Aber, so wendet der Autor des Artikels ein, wenn ein Universum durch einen Computer beschrieben werden kann, bedeute das nicht, dass es auch durch einen solchen und einen "Gottähnlichen großen Programmierer" auch regiert werde. David Eagleman schließt umgekehrt vom Nichtwissen auf Gott: "Unser kosmisches Nichtwissen ist zu gewaltig, um sich zum Atheismus zu bekennen". Zurecht fragt der Autor allerdings, inwiefern sich diese Nichts-ist-unmöglich-Mentalität ("Possibilianismus") vom Agnostizismus unterscheide. hhp
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 | 2013/04/08: Biblical Inerrancy and Evolution,Part 1- The BioLogos Forum |
| Thomas Jay Oord macht durch seine eigene biografische Entwicklung die Relativierung eines wortwörtlichen Bibelverständnis nachvollziehbar. Der Kernsatz, "der Zweck der Bibel ist unsere Erlösung", gibt die formale Hinsicht an, unter der von "Irrtumslosigkeit" der Bibel gesprochen werden kann. Biblische Wahrheit wird damit nicht in naturwissenschaftlicher Hinsicht beansprucht. Oord, der evangelikal zu verorten ist, erinnert in dieser Sicht der Irrtumslosigkeit der Schrift an die formale Bestimmung, die auch das Zweite Vatikanische Konzil vornimmt: Die Wahrheit der Bibel ist auf unser Heil bezogen ("causa salutis"). hhp
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 | 2013/02/17: Es hat keinen Sinn, die Grenze zu verwischen - wissenrockt.de |
| Die "Arbeitsgemeinschaft Evolution in Biologie, Kultur und Gesellschaft" kritisiert hier eine vom Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) verbreitete Empfehlung des Kreationisten Reinhard Junker (siehe unten). Die "Akzeptanz schöpfungstheoretischer Interpretationen" als Alternative zur Evolutionstheorie verwische die Grenze zwischen Glaube und Wissenschaft. Man habe nichts gegen die Behandlung offener Fragen, aber dies müsse wissenschaftlich geschehen. Im Vergleich wäre ja auch niemandem damit gedient, "würde etwa die Bachblütentherapie der modernen Medizin als taugliche Alternative gegenübergestellt". Eine "schöpfungstheoretische Scheinalternative" sei "intellektuell unzumutbar und widerspricht unseres Ermessens dem öffentlichen Bildungsauftrag". hhp
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 | 2012/11/01: Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen - VEBS |
| Der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) regt mit diesem Thesenpapier des Kreationisten Reinhard Junker an, in der Schule Schöpfung als Alternative zur Evolutionstheorie zu diskutieren. Im Hintergrund steht die Unterscheidung von Mikroevolution (die Junker für möglich hält) und Makroevolution, welche die Entstehung neuartiger Bauplantypen nicht hinlänglich erklären könne. Alternativ dazu geht Junkers Grundtypmodell davon aus, dass Grundtypen erschaffen wurden und sich nur mikroevolutiv weiterentwickeln. Konflikte, die an dieser Stelle auf der Hand liegen, führen zu kritischen Rückfragen an die Evolutionstheorie - nicht etwa an die Theologie. Hier lässt ein Offenbarungspositivismus grüßen, der biblische Formulierungen für unfehlbar hält. hhp
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 | 2012/10/09: Zwei Leben für Schrödingers Katze - Zeit online |
| Vielen mag das Gedankenexperiment Erwin Schrödingers bekannt sein, wonach eine von den Gesetzen der Quantenwelt heimgesuchte Katze gleichzeitig tot und lebendig ist - was einmal mehr die Differenz von Quanten- und Alltagswelt verdeutlicht. Bei dem Artikel und dem Physik-Nobelpreis geht es um die praktische Umsetzung des Gedankenexperiments, wobei nun - statt der Katze - Atomkerne und Lichtquanten in einen Doppelzustand gebracht werden. Der dadurch in Aussicht gestellte Quantencomputer ist aber genauso Zukunftsvision wie der therapeutische Nutzen, der beim Medizin-Nobelpreis in den Blick gerät. hhp
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 | 2012/08/31: Die Königin aller Wissenschaften? Von der Hirnforschung erhoffen sich alle alles. Zu Unrecht. Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 35 |
| Der Artikel räumt gründlich mit dem Vorurteil auf, die Hirnforschung sei nun endgültig dem Geheimnis von Bewusstsein und Geist auf der Spur. Ein solcher Anspruch lebe populärwissenschaftlich von der suggestiven Kraft bildgebender Verfahren und erkenntnistheoretisch von einem naiven Realismus, der eine 1:1 Relation zwischen Zeichen und Bezeichnetem unterstellt - eine "altbackene Haltung", die die Sprachwissenschaft längst hinter sich gelassen habe. Demgegenüber seien Hirnscans nicht ein genaues Abbild des menschlichen Geistes, sondern ein Konstrukt, in das zahlreiche subjektive (wenn nicht willkürliche) Vorannahmen einfließen; ein Konstrukt, das dann auch noch interpretiert werden muss. Diese "Gemachtheit" der Bilder werde allzu häufig verschleiert. Frei nach Kant ("Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit") schließt deshalb der Autor: "Hirnforschung ist die Rückführung des Menschen in seine selbst verschuldete Unmündigkeit". hhp
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 | 2012/07/27: Stringtheorie - Der Schwingung der Welt auf der Spur - Wissen - sueddeutsche.de |
| Der Artikel berichtet von der aktuellen Münchener Jahrestagung der Stringtheorie und den Schwierigkeiten, empirische Bestätigungen dieser Theorie und der Multiversenspekulation zu bekommen. Nach Jahren der Euphorie sei man inzwischen aber bescheidener geworden: statt zur Welterklärung diene die Stringtheorie vorerst nur als praktisches Werkzeug. hhp
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 | 2012/07/23: Das Higgs im Kopf - faz online |
| Der Artikel problematisiert den Wirklichkeitsbezug physikalischer Beschreibungen, die sich weit von der mesokosmischen Alltagswirklichkeit entfernen. Auf die Frage, ob "Quarks und Higgs-Bosonen tatsächlich so real wie Kaffeetassen und Erdbeerkuchen" sind, gebe es realistische, konstruktivistische bis anti-realistische Antworten. Der fehlenden Anschaulichkeit des Higgs-Teilchens zum Trotz trägt der Artikel zusammen, wie sich führende Forscher das Teilchen vorstellen - in anschaulichen Zeichnungen. hhp
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 | 2012/05/16 Lobbyisten gegen esoterische Umtriebe - ZEIT Nr. 21 |
| Das Interview berichtet vom Skeptiker-Weltkongress in Berlin. Brauchen kritische Denker eine Kampforganisation gegen Abstruses? Die "Skeptiker" betrachten sich als Aufklärer und Verbraucherschützer, die mit mehr oder weniger deutlichen Worten auf Missstände hinweisen. Ihre Zielgruppe sind aber nicht die Esoterik-Gläubigen, sondern eher die uninformierten Leute, die noch kritischen Argumenten zugänglich sind. Kritisches Denken bedingt nach Ansicht des Interviewpartners außerdem eine philosophische Analyse, die nach der Konsistenz und der Überzeugungskraft von religiösen Aussagen fragt, ist also eher religionskritisch. - Kann man daher nicht skeptisch genug sein? Nach Ansicht des Wissenschaftlers und Wissenschaftstheoretikers Michael Polanyi ist Glauben jedoch auch für die Wissenschaft ein grundlegendes Konzept. Vermutlich muss man beides vereinen: begründeten Glauben und berechtigten Zweifel. -al
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 | 2012/01/23: Die Weltmaschine kommt auf Touren - Bild der Wissenschaft online |
| Anders als der jüngst besprochene Zeit-Artikel über "Susy" wertet Rüdiger Vaas die Experimente am Large Hadron Collider (LHC) des CERN als "exzellente Leistungen", auch wenn Sensationen zunächst ausbleiben. 2012 allerdings könne allerdings als "Higgs-Jahr" in die Geschichte eingehen, sofern in diesem Jahr in einem "Experimentum crucis" seine Existenz erwiesen oder auch widerlegt werden dürfte. Existiert es, bestätigte es das sog. Standardmodell der Elementarteilchen, an dem seit 40 Jahren theoretisch und nach und nach auch experimentell bestätigend gearbeitet wird. Existiert es nicht, "käme das Standardmodell in ernste Schwierigkeiten". Vaas' steile These: Ein Scheitern wäre "sogar die spannendere Alternative", denn dann hätte man "endlich wieder etwas Unerwartetes entdeckt". hhp
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 | 2010/12/16 Vernunft und Glaube - Spektrum der Wissenschaft Jan. 2012 |
| In dem kostenlos verfügbaren Titelthema der Januarausgabe von Spektrum der Wissenschaft diskutiert der Bochumer katholische Theologe Christian Tapp Theologie als Wissenschaft. Er bringt es so auf den Punkt: Eine Religion, deren Gott vom Wesen her vernünftig ist, werde von ihrer höchsten Instanz her auf ein positives Verhältnis zur Vernunft festgelegt. Dieses sei freilich kein gemütliches Ruhekissen, sondern dauernder Anspruch, Widersprüche zu beseitigen und Verstehen zu ermöglichen. Tapp hält nur einen ontologischen Naturalismus für unvereinbar mit dem Glauben. Mit dem methodischen Naturalismus, der nur fordere, sich in der Naturwissenschaft auf das empirisch Fassbare zu beschränken, solle kein Gläubiger ein Problem haben. Wohl wahr! -al
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 | 2011/09/29 Wenn Einstein irrt - ZEIT Nr. 40 |
| Die ZEIT titelt sogar mit dem Experiment, nach dem Neutrinos scheinbar die Lichtgeschwindigkeit überschreiten. Das "scheinbar" wird hier allerdings fast zur Gewißheit und die Wissenschaft zum Turm aus Bauklötzchen, der immer wieder gerne zusammengeschmissen wird. Von Freuds drei narzistischen Kränkungen der Menschheit ist die Rede, ohne zu wissen, dass die erste - kopernikanische - zu ihrer Zeit völlig anders problematisiert wurde als Freud es gesehen hat (das Problem war nicht die Versetzung der Erde aus dem Zentrum des aristotelischen Weltbildes, sondern die Setzung der himmlischen Sonne an diesen "niederen Ort"). Alles in allem gut aufgemacht, aber wenig dahinter. -al
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 | 2011/09/04: What Is Naturalism? - New York Times |
| Der Philosoph Timothy Williams kommt zu dem Schluss, dass der Naturalismus als Dogma der Feind einer wissenschaftlichen Geisteshaltung ist. Er benennt die Abgrenzungsschwierigkeiten, in die der Naturalismus kommen kann - sowohl in seinen exklusiven wie inklusiven Formen. Daher will sich der Philosoph, der sich selbst als Atheist bezeichnet, nicht gern als Naturalist etikettiert finden. Wohl aber plädiert er für eine wissenschaftliche Geisteshaltung, die aber auch außerhalb der Naturwissenschaften zu finden seien. hhp
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 | 2011/05/02: Großhirn-Voodoo - Spiegel online |
| Mit großer Euphorie wurde die Kernspintomografie (fMRT) auch auf die großen menschlichen Fragen angesetzt: Von der Willensfreiheit bis zum Gottesglauben erwartete man Auskunft durch Hirnscans. Nun nötigen neuere Forschungen zu größerer Bescheidenheit bei der Interpretation der Daten. Allzu leicht wurde ein Hirnscan als Abbild der Wirklichkeit missverstanden. Dabei habe das fMRT-Bild nur sehr mittelbar mit Hirnaktivität zu tun und die Festsetzung der Grenze, jenseits derer sich die Signale signifikant vom Ruhezustand unterscheiden, sei ein "hoch subjektiver Vorgang". Die Forscher wollen dabei die Methode nicht abschaffen, sondern verbessern und vor allzu vollmundigen Deutungen warnen. Ein gutes Beispiel für das Verhältnis von harten naturwissenschaftlichen Facts und daraus abgeleiteten Interpretationen. hhp
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 | 2011/04/28: Marc Hauser: Fehlender Zweifel - Zeit online |
| Ein Forscher, starke Thesen, viele Affen und endlich ein Beweis [Text automatisch generiert]. Der Artikel geht vordergründig über die mögliche Empathie von Primaten, hintergründig aber um Wissenschaftsethos. Auch wenn sich die Thesen des Evolutionspsychologen Marc Hauser als richtig herausstellen sollten, so habe dieser offenbar Experimente und Daten manipuliert, um einer denkbaren Falsifikation zu entgehen. Der gebotene methodische Zweifel sei ignoriert worden - daher der Titel des Artikels. hhp
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 | 2011/02/25 Kritik der reinen Physik (1): Der Geist der Revolution - faz.net |
| Anlässlich der arabischen Revolutionen wird auch die Lage der Kosmologie im Anschluss an Thomas Kuhn als revolutionär gedeutet. Die sogenannte ?Dark matter crisis" bedeutet die Krise des etablierten, kosmologischen Standardmodels. Eine kritische Diskussion der durchaus nicht umumstrittenen Kuhnschen Thesen erfolgt allerdings nicht. - al
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 | 2010/11/23: Stephen Hawking?s Radical Philosophy of Science - Big Questions Online |
| Michael Shermer, Herausgeber des Magazins "Skeptic", hält endlich die Lösung bereit, wie wir aus der "epistemologischen Falle" herauskommen, dass das Gehirn Realität nicht einfach abbildet, sondern durch Modelle überhaupt erst konstituiert. Er nennt dies "glaubensabhängigen Realismus" und vergleicht dies mit dem "modellabhängigen Realismus" Hawkings. Wir könnten uns also trefflich über unsere Modelle unterhalten, nicht aber über die Realität; schließlich hätten wir ja keinen archimedischen Punkt außerhalb unseres Hirns, von dem aus man Modell mit Realität vergleichen könnte. Soweit d'accord. Nun aber die Überraschung, mit der uns Shermer aus dieser epistemologischen Falle erlöst: die Naturwissenschaft. Schließlich befreie sie uns als intersubjektives Unternehmen von subjektiven Voreingenommenheiten und führe uns dadurch zu größerer "Korrespondenz mit der Realität". Als ob ausgerechnet die methodische Beschränkung auf Objektivität den Schranken der Modelle nicht unterliegt. hhp
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 | 2010/10/28: Address of his Holiness Benedict XVI to participants in the plenary session of the pontivical academy of sciences - Vatikan Website |
| In seiner Rede vor der päpstlichen Akademie der Wissenschaften bringt der Papst die "Wertschätzung der Kirche für die andauernde wissenschaftliche Forschung" zum Ausdruck. Die wissenschaftlichen Entwicklungen seien sowohl erhebend, sofern die Komplexität der Natur über alle Erwartungen hinaus entdeckt wurden, als auch bescheiden, sofern einige Theorien nur teilweise bewiesen werden konnten. Die Erfahrung des Wissenschaftlers als Mensch führe zur Anerkennung einer grundlegenden Vernunft, welche die Welt erhalte. Dies sei der Treffpunkt von Wissenschaft und Religion, und Wissenschaft werde so zum Ort des Dialogs zwischen Mensch und Natur und - potenziell - sogar zwischen Mensch und seinem Schöpfer.
Für die Zukunft erwartet der Papst Interdisziplinarität verbunden mit philosophischer, synthetisierender Reflexion und die Informierung wissenschaftlicher Errungenschaften mit Brüderlichkeit und Frieden. hhp
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 | 2010/10/28: Pope praises science, but insists God created world - cnn blogs |
| Der Papst habe bei seiner Rede (s.o.) gesagt, Stephen Hawking liege falsch (womit er so Unrecht nicht hätte; hhp), behauptet der CNN-Blog. Fährt aber kleinlaut fort: Nun, tatsächlich habe er den Wissenschaftler nicht erwähnt, aber ...
Teilweise sei es Aufgabe der Wissenschaft, Gott im Universum zu enthüllen, heißt es weiter. Kein Wort davon im Original, das den Übergang von den Wissenschaften zur Religion sehr viel vorsichtiger in den Blick nimmt (s. o.).
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 | 2010/10/20 Glaube und Wissenschaft passen durchaus zusammen - evangelisch.de |
| Der Artikel von Ulrich Pontes protraitiert zwei Persönlichkeiten, für die Glaube und Wissenschaft gut zusammenpassen, die Physikerin Barbara Drossel und die Mathematikerin Elke Eisenschmidt. Während diese die klassische Unabhängigkeitsposition vertritt (die Naturwissenschaft antwortet auf das "Wie", der Glaube auf das "Warum" der Welt), hat Drossel in ihrem freikirchlichen Kontext verstärkt mit solchen zu kämpfen, die die Bibel wörtlich nehmen und von daher z.B. die Evolutionstheorie ablehnen. Ihre These, so ausgewiesene Experten wie in England gebe es zum Thema in Deutschland nicht, müsste allerdings relativiert werden. Das Gespräch ist hier anders gelagert, eben stärker an einer Unabhängigkeit der Positionen orientiert und deswegen vielleicht auch nicht so intensiv. -al
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 | 2010/10/19: Die gottlose Welt des Stephen Hawking - bild der wissenschaft |
| Die 15-seitige Titelstory der Novemberausgabe der "bild der wissenschaft" schrieb Hawking-Kenner Rüdiger Vaas: Vielversprechende Lektüre. Vaas rezensiert den neuen Hawking wohlwollend, aber nicht unkritisch. So heißt es: Die Todeserklärung der Philosophie "ist keine Feststellung, sondern Provokation" (49); Hawkings Gottesbild sei einseitig (52); das Universum könne nicht aus dem absoluten Nichts entstehen (53) und: "Sicherlich können Hawking und Mlodinow die Existenz Gottes nicht ausschließen" (52). Fair von Vaas, dem als Beiratsmitglied der Giordano Bruno Stiftung nicht unbedingt theologische Apologetik unterstellt werden kann. Interessante Beigaben: Co-Autor Mlodinow wird aus dem Schatten Hawkings geholt und gewürdigt, gleichzeitig der Verdacht zerstreut, er sei Hawkings Ghostwriter. Markus Pössel wird als Fachlektor der deutschen Ausgabe vorgestellt - auch er sieht Hawking nicht unkritisch. hhp
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 | 2010/09/27: Martin Rees: 'We shouldn't attach any weight to what Hawking says about god' - Profiles - Independent.co.uk |
| Der Artikel stellt Sir Martin Rees vor, Königlicher Astronom und Präsident der Royal Society. Seine Selbstbezeichnung als "technologischer Optimist aber politischer Pessimist" zeigt sich in seinen kürzlichen Äußerungen zu Außerirdischen, Klimawandel, Überbevölkerung, Wissenschaft als 'organisierter Skeptizismus' und zum britischen Schulsystem. Von seinem Freund Hawking, den er seit 40 Jahren kennt, unterscheidet sich Rees zum einen im Blick auf Umweltfragen. Zum anderen kritisiert er scharf dessen Kommentare zur Überflüssigkeit Gottes. "Hawking hat sehr wenig Philosophie und noch weniger Theologie gelesen" und "ich glaube nicht, dass wir seiner Sicht dieser Dinge irgend ein Gewicht beimessen sollten". Anders als viele seiner Kollegen der Royal Society ist Rees kein militanter Atheist. Rees - von Dawkins herablassend als "gefälliger Kollaborateur" bezeichnet - unterstützt eine "friedliche Co-Existenz von Religion und Naturwissenschaft, da beide unterschiedliche Domänen betreffen". hhp
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 | 2010/09/15: Science, belief and the question of proof - ABC Religion & Ethics - Opinion |
| Alister McGrath, ehemaliger Atheist, jetzt Theologe und bekannter Kritiker Richard Dawkins', hinterfragt die Beweiskraft der modernen Wissenschaft, die von militanten Atheisten wie Dawkins gern gegen den Glauben und dessen vermeintlich "totale Abwesenheit unterstützender Evidenzen" ins Feld geführt wird. Wie stark sind denn demgegenüber die "wissenschaftlichen Beweise"? Streng genommen könne man von Beweisen nur in der Logik und Mathematik sprechen. Sicher gebe es Sachverhalte, die bewiesen sind, wie die Formel für Wasser etc. Aber auf die großen wissenschaftlichen Fragen wie die nach dem Ursprung des Universums oder einer Großen vereinigten Theorie mag es gute, aber keine letzten Antworten geben. So gibt es bei der Entscheidung für ein Universum oder Multiversum durchaus keine zwingende Evidenz, und Hawking mag an seine Theorie glauben, aber das sei "Lichtjahre von dem simplistischen Slogan 'Wissenschaft hat Gott widerlegt' entfernt". Darwin war da wissenschaftstheoretisch weiter. hhp
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 | 2010/09/15: Warum Stephen Hawking Gott für überflüssig hält - Der Tagesspiegel |
| Das Spezifische dieses Beitrags von Th. de Padova ist der Vergleich Hawking / Penrose, die beide über schwarze Löcher geforscht die heutige Deutung der Relativitätstheorie geprägt haben. Unterschiede zwischen beiden gehen von der Deutung der Quantenphysik aus und zeigen sich auch in der Bewertung der sog. M-Theorie, Hawkings Kanditat für die 'Weltformel' und die Überflüssigkeit Gottes. Penrose kann diesem Anspruch jedoch nicht folgen: "Für die M-Theorie gibt es bisher überhaupt keine Stütze durch Beobachtung", so zitiert de Padova Penrose. Darüber hinaus zweifelt de Padova daran, dass die M-Theorie selbst den Hawking-eigenen Kriterien für ein gutes Modell genügen kann. hhp
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 | 2010/09/14: Logik im schwarzen Loch - Die Tagespost - Kommentar im Kulturteil S. 10 |
| Hawkings Behauptung der Selbsterschaffung des Universums (z.B. S.177) ist in den Worten von G. Brüntrup "eine kognitive Katastrophe". Brüntrups Hauptargumentation: "Wie kann etwas sich selbst aus nichts erschaffen? Um wirken zu können, muss dieses 'etwas' ... existieren, denn etwas, was nicht existiert, kann auch nichts bewirken. Andererseits soll dieses 'etwas' ja gerade nicht existieren, sondern aus nichts hervorgehen ... Hawking behauptet also, dass das Universum gleichzeitig und unter der selben Rücksicht existiert und nicht existiert. Das ist ein glatter logischer Widerspruch. ... Aus einem Widerspruch folgt in der Logik bekanntlich alles. Aus seiner widersprüchlichen These kann Hawking folgern, dass Gott nicht existiert, er kann aber auch das Gegenteil daraus folgern, dass Gott existiert. Er kann sogar daraus folgern, dass Angela Merkel eine Primzahl ist. Aus einem Widerspruch folgt eben alles - und daher letztlich nichts." (Originalzitate mit freundl. Genehmigung des Autors) hhp
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 | 2010/09/10: Stephen Hawking Asks, What Is Reality? - Time |
| In einem exklusiven Exzerpt seines neuen Buches (v.a. Kap. 3, Was ist Wirklichkeit?), reflektiert Stephen Hawking höchstselbst die Grenzen der Modelle zur Erklärung des Universums. Für Hawking gibt es verschiedene Bilder der Wirklichkeit, die sich weniger durch Wahrheit voneinander unterscheiden als vielmehr z. B. durch Einfachheit. So ist die Mathematik des Kopenikanischen Weltbildes einfacher als die des Ptolemäus. Zentrale Schlussfolgerung: "Es gibt keinen abbild- oder theorieunabhängigen Realitätsbegriff" (vgl. Buch S. 42), weshalb Hawking einen "modellabhängigen Realismus" vertritt. Danach besteht eine physikalische Theorie oder ein physikalisches Weltbild aus einem i.a. mathematischen Modell und Regeln, die Modellelemente mit Beobachtungen verbinden. Im Blick auf die Gesetze, die unser Universums regieren, vermutet Hawking, dass ein einzelnes mathematisches Modell zur Beschreibung aller Aspekte des Universums nicht ausreicht, sondern nur ein ganzes Netzwerk von Theorien. hhp
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 | 2010/09/06: Ein Universum, das sich selbst erschafft - Stuttgarter Zeitung online |
| Bei der Zusammenfassung der Hauptthesen des neuen Hawking-Buches legt der Artikel von Rainer Klüting einen Schwerpunkt auf Hawkings erkenntnistheoretische Ausgangsbasis, den "Modellabhängigen Realismus". Gegen einen naiven Realismus, der meint, die Wirklichkeit als solche abbilden zu können, solle man sich mit Hawking damit abfinden, "nur ein Modell der Welt im Kopf zu haben". Als erkenntnistheoretische Bescheidenheit (dahin tendiert Klüting) ist das Hawkingsche Projekt jedoch falsch etikettiert. Leicht hätte man in dem Modelldenken auch andere als naturwissenschaftliche Modelle respektieren können. Nicht so bei Hawking, der die Philosophie als tot erklärt (womit Klüting ja einsteigt) und den Naturwissenschaften nun die letzten Fragen des Menschen zur Lösung überlässt - ganz so, als ob das naturwissenschaftliche Modell doch das ganze der Wirklichkeit abbildet. hhp
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 | 2010/09/08: Wunderbare Welt - Stephen Hawking spielt Schöpfer - NZZ |
| Wenn der Autor Uwe Justus Wenzel schreibt, dass "der Physiker und Mathematiker mit Gott persönlich in Konkurrenz" tritt, widmet er sich einer theoretischen Konsequenz, die man in anderen Beiträgen nicht findet. Gemeint ist, dass Hawkings Theorie nicht nur ohne Schöpfer auskommt, sondern dass sie dem Menschen Schöpfungskräfte zuschreibt: "Ein gutes Modell ... schaffe seine eigene Realität", paraphrasiert Wenzel. Dies betrifft nicht nur die Zukunft, sondern - kontraintuitiv - auch die Vergangenheit. Im O-Ton Hawking liest sich dies so: "Nicht die Geschichte macht uns, sondern wir machen Geschichte durch unsere Beobachtung" (140). Um das wirklich zu verstehen, reicht Wenzels Artikel nicht aus. Vielleicht nicht einmal "Der große Entwurf" Hawkings. hhp
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 | 2010/09/06: "Wir haben keine experimentellen Beweise" - Stuttgarter Zeitung online |
| Die Behauptungen Hawkings sind nicht nur philosophisch-theologisch fragwürdig, sondern auch naturwissenschaftlich hoch spekulativ, wie das vorliegende Gespräch mit Stefan Fredenhagen vom MPI für Gravitationsphysik zeigt. Zwar sei die Stringtheorie in der community verbreiteter und die M-Theorie, Hawkings Stein der Weisen, integriere in der Tat die bisherigen Stringtheorien, aber es gebe auch durchaus Alternativtheorien. Allen sei jedoch gemeinsam, dass es "keinerlei experimentelle Hinweise" darauf gebe, inwieweit mit den Theorien (M-Theorie inklusive) tatsächlich die Welt richtig beschrieben werde. hhp
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 | 2010/09/05: Kein Platz für Gott im Universum? - Welt online |
| Auch wenn der Untertitel vom "genialen Physiker Stephen Hawking" spricht, sieht der Autor Norbert Lossau die provozierenden Zitate kurz vor Erscheinen des Buches eher kritsch und als Marketing-Strategie. Sie verletzten den wissenschaftstheoretisch gebotenen Respekt vor Andersdenkenden, indem sie besserwisserisch zu beweisen versuchen, was nicht zu beweisen ist. Da Hawking selbst früher einmal anders gedacht und "Anzeichen für das Wirken eines Gottes" gesehen habe, sei eine religiöse Position doch wohl gleichermaßen denkbar. Gegen diese Argumentation Lossaus spricht allerdings, dass das religiöse Zugeständnis seinerzeit offensichtlich nicht ernst gemeint war, sondern ebenfalls ein Marketing-Trick (siehe die Besprechungen der Artikel der Badischen Zeitung und des Spiegels; s. unten). hhp
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 | 2010/09/06: Hawking: "Wir werden zu den Herren der Schöpfung" - DiePresse.com |
| Den "großen Entwurf" Hawkings versteht der Autor Thomas Kramar eher als "verwegene Lösung" und der gigantischen Vermehrung der Multiversen sollte man mit Ockhams Rasiermesser, das nur notwendige Theorien gelten lässt, zu Leibe rücken. Hawking habe die Naturwissenschaft bei der Suche nach dem großen Entwurf längst verlassen und betätige sich "in Wahrheit längst als Theologe". Mit dieser Beurteilung dürften sich weder Theologen anfreunden, noch - aus anderen Gründen - Hawking, der die großen Fragen "ausschließlich in den Grenzen der Naturwissenschaft und ohne Rekurs auf göttliche Wesen" für beantwortbar hält. hhp
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 | 2010/09/06: Hawking book explains creation of universe minus God - USATODAY |
| Interessant: Neben Einblicken in das neue Hawking-Buch (Intelligent Design ist schlecht, Stringtheorie gut, Philosophie tot), kommt auch der Co-Autor Leonard Mlodinow zu Wort: "Wir sagen nicht, es gäbe keinen Gott; wir sagen, dass wir Gott zur Erklärung des Universums nicht benötigen ... Die Perspektive des Buches ist eine naturwissenschaftliche". Die vermeintliche perspektivische Beschränkung und Selbstbescheidenheit steht allerdings in krassem Gegensatz zu dem vollmundigen Anspruch der im ersten Buchkapitel erhoben wird: Hier will die Naturwissenschaft (als Nachfolgerin der verstorbenen Philosophie; S. 11) nicht weniger als "Antworten auf die Schöpfungsfrage geben" und "die letztgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" beantworten - inklusive der Frage: "Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?" (S. 15) Von perspektivischer Beschränkung und Selbstbescheidenheit keine Spur! hhp
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 | 2010/08/11: On Dawkins's Atheism: A Response - Opinionator Blog - NYTimes.com |
| Der Philosoph Gary Gutting ist der Überzeugung, dass die atheistischen Argumente Dawkins' "nachweislich fehlerhaft" sind. Gläubige werfen Atheisten oft vor, ihr Rationalismus fordere eine logische und beweiskräftige Strenge, die dem Glauben unangemessen sei. Guttings behauptet nun das Gegenteil: Dawkins erreiche gar nicht die Rationalitätsstandards, die ein so wichtiger Gegenstand wie Religion erfordere. Er kritisiere (zu Recht) religiös motivierte Evolutionskritik, die wissenschaftlich uninformiert ist; dieselbe Kritik treffe aber auch seinen eigenen Umgang mit philosophischen Themen. Gutting hinterfragt zentrale Argumente Dawkins', wie die Behauptung, Gott müsse hochkomplex sein, wenn er die komplexe Welt geschaffen habe, er bedürfe einer Erklärung, seine Existenz sei unwahrscheinlich etc. Die Behauptungen erweisen sich z. T. als Fehlschluss und belegen die Unkenntnis der einschlägigen philosophischen Debatten - seien also zur Begründung seiner Behauptungen "völlig unzureichend". hhp
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 | 2010/08/06: The Religious Uses of Science - Big Questions Online |
| Die "neuen Metaphysiker" sind eine US-amerikanische Strömung, die sich als "spirituell, aber nicht religiös" bezeichnet. Abgrenzend von traditionellen religiösen Strömungen verbinden sie eine Hochschätzung der Naturwissenschaften (oder das, was sie ihren eigenen Neigungen entsprechend dazu umdefinieren) mit religiösen und philosophischen Ideen und sind sich dieser unorthodoxen Kombination durchaus bewusst. Da die spirituellen Gesetze unveränderlich seien, werde diese Weltsicht irgendwann die Beachtung der Mainstream Physiker und Neurowissenschaftler finden. Die neuen Metaphysiker könnten als Untergruppe der "Nones" verstanden werden, die den neuen Atheisten wie Dennett und Dawkins auf ihrem geraden Weg von der Naturwissenschaft zum Atheismus genauso wenig folgen wie Goulds NOMA-Prinzip, das Wissenschaft und Religion sauber trennt. Akzeptanz finde eine romantisierte Wissenschaft, die denjenigen Glauben rechtfertigt, den sie sich wünschen. hhp
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 | 2010/07/26: An Evolutionary Biologist?s Reflections on the Scopes Trial - History News Network (HNN) |
| Die Website des HNN widmet 2 Artikel dem 85. Jahrestag des "Affenprozesses". Im ersten beklagt der Evolutionsbiologe David Reznick, dass die Renaissance des Evolutionsdenkens nicht lange vorhielt und wir zu den Bedingungen zurückgekehrt sind, die den Affenprozess umgeben haben. Warum diese permanente Kontroverse um Evolution? Der Hinweis, es handle sich "nur um eine Theorie" (umgangssprachlich = Spekulation), erklärt die Skepsis nicht: Keiner kritisiere die Relativitätstheorie aufgrund ihres Theoriestatus. Offenbar ist es die religiöse Propaganda, deren aktuelle Intelligent-Design-Form nur leicht verkleideter Kreationismus sei. Auch die Argumente seien kaum von William Paleys "Natürlicher Theologie" verschieden, ob man sich auf die Komplexität des Auges oder heute auf die der Bakteriengeißel beziehe. Obwohl widerlegt, sei dies nicht totzukriegen. Schließlich erwartet der Autor in dieser Konfliktsituation auch Schützenhilfe von seinen geisteswissenschaftlichen Kollegen. hhp
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 | 2010/07/26: A Humanist's Reflections on Evolutionary Biology - History News Network (HNN) |
| Im 2. Artikel des HNN zum "Affenprozess" von 1925 antwortet der Geisteswissenschaftler Hamner seinem naturwissenschaftlichen Kollegen Reznick. Dessen historische Analyse, v.a. die Gleichsetzung des heutigen Klimas mit dem von 1925, sei zwar nicht komplex genug, gern engagiere sich Hamner aber als Geisteswissenschaftler in der Kontroverse Wissenschaft und Religion. Er empfiehlt folgendes Vorgehen: 1. Saubere Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Szientismus, der vorschnell in Metaphysik abgleite (z. B. der Neue Atheismus von Dawkins oder Hitchens). 2. Darwin und andere Wissenschaftler sind unideologisch darzustellen, damit ihre Ideen ernst genommen werden. 3. Die Spaltung von religiös und säkular ist zu bedenken. 4. Die Lektüre der heiligen Schriften ist sorgfältig zu betreiben, nicht unter den Tisch zu kehren. Wenn man die Unterschiede zwischen Bibel, Koran und "Ursprung der Arten" verstanden hat, beginnen sich die Haupt-Stopersteine auf dem Weg der Versöhnung aufzulösen. hhp
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 | 2010/07/08: It Got Eaton - Review of Fodor et al. "What Darwin got wrong" |
| Philosoph und Darwin-Kenner Godfrey-Smith hinterfragt den Kern der jüngsten Darwinkritik von Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini. Diese hatten bestritten, dass der äußere Faktor der natürlichen Selektion stark überbewertet werde und keine hinreichende Erklärung darstelle. Vielmehr müsse bei der Selektion ein intentionaler Rest, so etwas wie ein geistiger "Agent" unterstellt werden, damit die Selektion die überlebensträchtigen Merkmale aussuchen könne. Godfrey-Smith räumt zwar ein, dass manche Formulierung (z. B. "Auslese") diesen Schluss nahelegt, man aber jederzeit zu einer präziseren Terminologie wechseln könne, falls sich intentionale Konnotationen einschleichen wollen. Auch der Umweg über das philosphisch notwendige Werkzeug der "kontrafaktischen Implikation", das der Lokalisierung wahrer Ursachen dient und Intentionalität voraussetze, greife nicht, weil es zum Funktionieren der Selektion durchaus nicht notwendig ist. Es lebe die natürliche Selektion! hhp
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 | Michael Ruse: A Darwinian Can Be a Christian, Too |
| Der renommierte Wissenschaftsphilosph und Anti-Kreationist Michael Ruse bekennt sich hier - in einer Linie mit Francisco Ayala - zur Vereinbarkeit von Darwinismus und Christentum. Ursprünglich erblickte Ruse in den Problemen des Wunders und des Bösen die zentralen Stolpersteine im Dialog. Nun erblickt er als Hauptproblem die christliche Annahme, dass die Existenz des Menschen nicht kontingent ist. Wie geht das mit der evolutiven Ungerichtetheit zusammen? Letztlich befriedigt Ruse weder das neue Buch von McShea und Brandon, das eine evolutive Tendenz zur Komplexitätssteigerung behauptet, noch Robert J. Russells göttliche Beeinflussung der Mutationen auf Quantenebene. Die Lösung des Richtungsproblems sei auf theologischer, nicht auf naturwissenschaftlicher Ebene zu lösen - so Ruse. Einleuchtend! Weniger leuchtet mir indes ein, dass Ruse schließlich zur Multiversen-Hypothese neigt, nach dem Motto: Gott muss nur genug Versuche starten, dann klappt's irgendwann schon mit dem Menschen. - hhp
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 | 2010/05/20: Das hat er nicht gewollt - ZEIT Nr.21 S.20 |
| Ein interessanter Artikel über Kopernikus revolutionäre Entwicklung des heliozentrischen Weltbildes, leider was das Verhältnis zur Theologie angeht sehr dem klassischen Konflikt-Paradigma verhaftet. Damit einher geht die unkritische Übernahme eines realistischen wissenschaftstheoretischen Ideals. Da gibt es andere Äußerungen wie z.B. die von Pierre Leich im Skeptiker 3/2009, der selbst den Fall Galilei differenzierter betrachtet. - al
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 | 2010/05/15: N. Matzke: The Evolution of Creationist Movements - SpringerLink |
| Nick Matzke, Experte der Kreationismus-Debatte, stellt die Evolution der Kreationisten-Bewegung in einem ausführlichen, frei erhältlichen Artikel dar. Er stellt die bisherigen Standardwerke von Ron Numbers u.a. in einen weiteren historischen Kontext vor allem des evangelikalen Protestantismus. Zusammenfassend kommt er zu dem Schluss, dass der Kreationismus zwar verschiedene Etiketten und Strategien hervorgebracht hat, seine fundamentale Essenz aber behalten habe. Diese bleibende Essenz macht der Autor an mirakulösen göttlichen Interventionen, Spezialkreationen, fest. Eingekleidet ist diese Essenz in unterschiedlichen Begrifflichkeiten und drei Wellen bis zur Niederlage beim Dover-Prozess. Die vierte Welle versucht nun teilweise ganz auf Begriffe wie "Kreationismus" oder "Intelligent Design" zu verzichten. Die Rhetorik greife jetzt zurück auf "akademische Freiheit", "Theorie, nicht Faktum", die "ganze Breite wissenschaftlicher Sicht" - trojanische Pferde für die bleibende Essenz. hhp
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 | 2010/05/05: Intelligent design is an oxymoron - Is ID bad theology? The Guardian |
| Der für die Debatte um Kreationismus einschlägige und bekannte Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse liefert eine brillante Replik auf Steve Fullers Eintreten für Intelligent Design (s.u.). Im Kern der Fullerschen Argumentation stecke eine falsche Analogie: Wie die Reformatoren sich der etablierten kath. Kirche entgegen stellten, so kämpfe heutzutage ID gegen die etablierte Wissenschaft. Der Vergleich - so Ruse - hinke an entscheidender Stelle. Die Protestanten waren nicht weniger Christen als die Katholiken; wo hingegen ID beabsichtige, Gott in den kausalen Prozess einzuschmuggeln. Genau das aber sei wissenschaftlich schlicht nicht vertretbar. Ein derart in Kausalketten eingreifender Gott tut sich zudem mit der Theodizeefrage mehr als schwer: Warum greift er dann dort nicht ein, wo er Übel verhindern könnte? Ruse kommt zu dem Schluss: ID ist "sehr schlechte Theologie". hhp
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 | 2010/05/03: Science in God's image - Is ID bad theology? The Guardian |
| Der Guardian lässt die Frage "Ist Intelligent Design schlechte Theologie" von verschiedenen Autoren beantworten. Im heutigen Beitrag verteidigt Steve Fuller ID: "ID ist genauso wenig anti-wissenschaftlich wie die ersten Reformatoren atheistisch waren".
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 | 2010/04/19: ''Dreifaltigkeit im Genom'' - Benedikt und die Wissenschaft - sueddeutsche.de |
| Wieder einmal soll untergeschoben werden, dass im Blick auf die Evolution Papst und katholische Kirche "von der naturwissenschaftlichen Theorie weit entfernt" sind. Diese Unterstelltung bekommt ihre (Schein-)Plausibilität jedoch nur dadurch, dass der Autor, Markus C. Schulte von Drach, permanent die Diskurse verwechselt. Wenn der Mensch Benedikt zufolge "nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution" ist, so ist dies eine Aussage im Diskurs der Theologie. Der echte Zufall, wie er sich naturwissenschaftlich zeigt, ist längst (2004) von der Internationalen Theologenkommission anerkannt - unter Vorsitz und genehmigt von Ratzinger. Der Autor versteht auch nicht, wie der Papst der Materie angesichts des Zerstörerischen "Rationalität" zuerkennen kann. Die Differenziertheit des Papstes in diesem Punkt (?Natürlich gibt es die Rationalität in der Natur, aber ... es bleiben also die Kontingenz und das Rätsel des Schrecklichen in der Natur?, 2007) ist dem Autor fremd. hhp
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 | 2010/04/07: Raum und Zeit: Sind Zeitreisen möglich? - Wissen - FAZ.NET |
| Sie wussten wahrscheinlich längst, dass Zeitreisen möglich sind - theoretisch zumindest. Denn das auf Einsteins Relativitätstheorie zurückgehende Zwillings-Paradoxon ist bekannt: Ein Raumfahrer, der nach Reisen mit fast Lichtgeschwindigkeit zurückkehrt, ist Jahre jünger als sein Zwillingsbruder. Aber: Wissen Sie auch, dass Reisen in die Vergangenheit möglich sind, in der Sie Ihren eigenen Großvater töten könnten? Freilich ist auch dieses Großvater-Paradoxon in gleicher Weise Theorie wie die Vorstellung einer Gegenwart mit mehr als einer Vergangenheit. Man hofft auf die Auflösung derartiger Paradoxien, wenn erst einmal die Vereinigung von Relativitätstheorie und Quantengravitation erreicht ist. Bis jetzt jedenfalls gilt: "Jeder einzelne Augenblick vergeht unwiederbringlich", schließt Ulf von Rauchhaupt seinen Artikel. hhp
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 | 2010/03/25: Francisco Ayala wins the Templeton Prize - beliefnet |
| Rod Dreher, Öffentlichkeitsarbeiter bei Templeton, berichtet ausführlich über die Preiszusage an F. Ayala, dessen Rede in Auszügen wiedergegeben wird. Ayalas Grundeinstellung wird dabei deutlich: Wissenschaft und Glaube sind keine Gegensätze, sondern zwei unterschiedliche Zugangsweisen zur Welt. Zu Konflikten komme es nur bei illegitimen Grenzüberschreitungen. In seiner Publikation "Darwin's Gift" wirft Ayala Dawkins einen Kategorienfehler vor, wenn dieser alles Wissen außerhalb der Grenzen der Wissenschaft als minderwertig oder verdächtig ansehe. Eine wissenschaftliche Weltsicht sei "hoffnungslos unvollständig", da sie Wert- und Sinnfragen gar nicht umfassen könne. Das Buch attackiert gleichermaßen Intelligent Design (ID), in wissenschaftlicher, aber auch theologischer Hinsicht. Dreher vermutet, dass die Dawkins- und ID-Vertreter mit der Preisvergabe nicht glücklich sein werden; Reaktionen von dort will er in seinen Blog aufnehmen. Also: Erneut vorbeischauen. hhp
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 | 2010/03/25: US Geneticist Wins $1.5 Million Religion Prize - New York Times |
| Steve Coleman weist eigens darauf hin, dass der Geldwert des Templeton Preises regelmäßig angehoben werde, um den Nobelpreis zu toppen. Der diesjährige Empfänger, Francisco Ayala, sagte der Zeitung: "Ich sehe Religion und Wissenschaft als zwei der Pfeiler, auf denen die amerikanische Gesellschaft ruht". Coleman hält die Wahl Ayalas für bemerkenswert, weil sich dieser gegen die Vermischung von Wissenschaft und Religion wehrt: "Die Bibel ist kein wissenschaftliches Lehrbuch", so Ayala. Dagegen gebe Religion den Menschen Hoffnung und Sinn, was wiederum jenseits der Wissenschaft liege. hhp
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 | 2010/03/25: Biologist Wins Templeton Prize - New York Times |
| Der kurze Beitrag stellt als Kern-These Ayalas heraus, dass sich die Reiche von Religion und Wissenschaft nicht vermischen dürfen. Beispiele für solche Vermischungen seien gegeben, wenn Wissenschaftler folgern, es gäbe keinen Gott, oder wenn Kreationisten übernatürliche Interventionen zur Erklärung evolutionären Wandels einführten. Ayalas "Darwin's Gift" beschreibe die Evolutionstheorie als Hilfe, die Koexistenz von Übeln und einem guten und allmächtigen Gott zu erklären. hhp
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 | 2010/03/22: Epigenetics, a confused muddle in the media - Sciblogs |
| Der Bioinformatiker Grant Jacobs pflegt seit mehr als 6 Jahren "Epigenetik" als Schwerpunkt und kann so glaubwürdig die im Guardian veröffentlichte Darwinismuskiritk von O. Burkeman (s.u.) entkräften. Burkemans Hauptfehler sei es, ohne hinreichende Sachkenntnis die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen statt die Sichtweisen einschlägiger Experten wiederzugeben. Dabei suggeriere er, die neuen epigenetischen Erkenntnisse seien vor der Allgemeinheit verborgen worden. Jacobs stellt dagegen, dass die Epigenetik DAS Trendthema der letzen 5-6 Jahre ist, auch wenn es aufgrund der Vorläufigkeit noch nicht in Lehrbüchern Eingang gefunden hat. Jacobs stellt den Unterschied zwischen den Genen selbst und ihrer Regulation durch Epigenetik in den Vordergrund und weist damit Burkemans Formulierung, die Umwelt spiele eine Rolle in der SCHAFFUNG von Merkmalen, zurück. Nach Jacobs schaffen epigenetische Effekte keine neuen Eigenschaften, sondern sie verändern nur den Gebrauch bestehender Gene. hhp
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 | 2010/03/19: Worst science journalism of the year: Darwin completely wrong (again) - Blog: Why evolution is true! |
| Wer sich traut, als Nicht-Biologe die Evolutionstheorie zu hinterfragen, fängt sich leicht Prügel ein. So dauerte es nur ein paar Stunden, bis der Guardian-Artikel von Burkeman (s.u.) als "schlechtester Wissenschaftsjournalismus des Jahres" etikettiert wurde. Der Blogger, Jerry A. Coyne, kennt als Professor für Umwelt und Evolution freilich die epigenetische Kritik. Aber "diese dünnen Befunde sollen anscheinend die moderne Evolutionstheorie als falsch erweisen". Dagegen wendet Coyne ein, dass "in nahezu all diesen Beispielen die Veränderungen in ein oder zwei Generationen verschwunden sind und so den evolutionären Wandel nicht dauerhaft beeinträchtigen können". Gegen die Warnung (Burkemans und Fodors), die Selektionstheorie eben doch nicht als so einfach hinzustellen, schärft Coyne ein: "Sie IST einfach - das ist eine ihrer Schönheit". hhp
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 | 2010/03/19: Why everything you've been told about evolution is wrong - The Guardian |
| Die Angriffe auf die Selektionstheorie scheinen zuzunehmen. Oliver Burkeman führt einige selektionskritische Befunde an. Vor allem die Durchbrüche im jungen Feld der Epigenetik ließen die vermeintliche Einfachheit der beiden elementaren Säulen der Selektionstheorie, zufällige Mutation und filternde Selektion, fragwürdig erscheinen lassen. Wenn erworbenes Verhalten und Umwelt genetischen Einfluss auf die Nachkommen hat (durch An- und Abschalten von Genen), sei sogar Lamarck ein Stück weit rehabilitiert. So sieht sich der Autor in einem Boot mit Fodors Darwinkritik, die er zwar nicht ganz nachvollziehen kann, die er aber versteht als "wichtige Warnung an alle von uns, die die natürliche Selektion zu verstehen glauben". hhp
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 | 2010/03/03: Die treibende Kraft der Evolution - wissenrockt.de |
| Wieder ein Angriff auf die Selektionstheorie? Forscher von der Uni Liverpool glauben jedenfalls nachweisen zu können, dass die Evolution stärker durch zwischenartliche Interaktion als durch Anpassung an die Umwelt vorangetrieben wird. Evolvieren Bakterien und Viren in gegenseitigem Wettrüsten gemeinsam, ist die Evolutionsgeschwindigkeit größer als ohne solches Wettrüsten. Die Forscher sehen dies als experimentelle Bestätigung der sog. Red-Queen-Hypothese an, die das Wettrüsten konkurrierender Organismen beschreibt. hhp
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 | 2010/02/22: "What Darwin Got Wrong": Taking down the father of evolution |
| Ein Interview mit Jerry Fodor über dessen Buch "What Darwin Got Wrong" stellt noch einmal die Radikalität seiner Darwinismuskritik heraus: "Man sieht - auch ohne Gott - wie sich die Darwinische Geschichte als radikal falsch herausstellen könnte ... da falsche Voraussetzungen gemacht wurden", so Fodor. Als ein Argument taucht die bereits mehrfach erwähnte interne Koppelung unterschiedlicher Merkmale auf, die es unmöglich macht, zu entscheiden, ob das Merkmal von der Selektion begünstigt wurde oder nur ein Trittbrettfahrer ist. Zur Illustration führt Fodor das Züchtungsexperiment an, das Füchse durch Auswahl domestizieren konnte. Dabei veränderten sich unerwarteter Weise eine Reihe anderer Merkmale, die offenbar intern korreliert waren. Dumm für Fodors Argumentation ist nur, dass sich dasselbe Beispiel bei Richard Dawkins in dessen "Greatest Show on Earth" zwanglos in die Selektionstheorie integrieren lässt. hhp
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 | 2010/02/14: New critique intends to rebut Darwin's ideas - The Boston Globe |
| Der bekannte Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse hält Fodors und Piattelli-Palmarinis "What Darwin Got Wrong" für ein "äußerst ärgerliches Buch". Statt aktuelle Diskussionen der Evolutionstheoretiker zu rezipieren, führten die Autoren richtungslose Rundumschläge gegen den Darwinismus durch. Als Hauptattacken gegen die natürliche Selektion führten die Autoren ins Feld, dass erstens die Lebensentwicklung den selbstorganisierenden physikalischen und chemischen Zwängen unterliege und dass zweitens selektionsnegative Merkmale überleben, die selbst gar nicht überlebensförderlich sind, sondern lediglich an überlebensförderliche Merkmale gekoppelt sind (Trittbrettfahrer). Beide Argumente - so Ruse - seien evolutionstheoretisch längst bekannt und mit dem Darwinismus durchaus verträglich. Ruses Verdacht ist, dass die Autoren - obwohl stolz bekennende Atheisten - die Relativierung des Menschen genauso wenig ertragen können wie die verachteten Christen, dieses aber nicht offenlegen. hhp
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 | 2010/02/05: What Darwin Got Wrong and What Fodor and Piattelli-Palmarini Finally Get Right - David Berlinski |
| David Berlinski, Fellow am Discovery Institute, findet es ermutigend, dass Fodor und co den Schneid zur Darwinismuskritik haben, auch wenn diese etwas spät komme. Kein Argument indes sei neu, andere hätten sie bereits vorgebracht - nicht zuletzt Berlinski selbst, der auch die Analogie Darwin - Skinner seit mehr als 15 Jahren angemahnt habe.
Bestürzend findet Berlinski die Reaktion auf Fodor und Piatelli-Palmarini. Die Kommentare auf ihren Artikel demonstrierten "mit unfehlbarem Eifer die charakteristische Gesinnung der darwinischen Community gegenüber Kritik", sprich: deren Immunisierungsstrategien. hhp
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 | 2010/02/08: What Darwin Got Wrong: Intelligent Design Proponents Welcome Fodor and Piattelli-Palmarini - Discovery Institute |
| Fodors und Piatelli-Palmarinis Darwinismuskritik gießt erwartungsgemäß auch Wasser auf die Mühlen des Intelligent Desing. Spät seien die Autoren zur "Darwin-Zweifler-Party" dazugestoßen, dennoch aber willkommene Teilnehmer, heißt es beim Discovery Institute (DI). Noch willkommener sind die Partygäste, weil sie "durch und durch materialistische Wissenschaftler" sind. Das kommt den frommen Intelligent Designern insofern wie gerufen, als die "typischen Materialisten" eigentlich zu den "glühendsten Verfechtern" der natürlichen Selektion gehören. Das könne sich nun mit diesem Buch Fodors ändern, hofft das DI. hhp
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 | 2010/02/07: Kritik (an Fodor u.a.) aufgeschoben, nicht aufgehoben - Criticism deferred, but building - pharyngula |
| Wenn Kritik am Neodarwinismus laut wird, findet man ganz sicher bei P. Z. Myers, Biologieprofessor und vehementer Kritiker von ID, Kreationismus und co, die gepfefferte Gegenkritik. Klar, dass ihm Buch und unten besprochener Artikel von Fodor u.a. nicht entgangen sind. Deren Versuch, die natürliche Selektion als totgeweiht hinzustellen, sei eine "haarsträubende Behauptung". Dies noch mit evolutionärer Entwicklungsbiologie (Evo-Devo, Myers eigenes Arbeitsgebiet) untermauern zu wollen, bringt Myers Geduldsfass zum überlaufen. Er hat "die Schnauze voll" (noch milde übersetzt) von Leuten, die "Evo-Devo als Ersatz statt Ergänzung zur modernen Evolutionstheorie missbrauchen". Dem Ärger ist erst einmal Luft gemacht, aber auch die inhaltliche Richtung angedeutet, die Myers demnächst breiter entfalten will. Man darf gespannt sein! hhp
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 | 2010/02/03: Survival of the fittest theory: Darwinism's limits - opinion - New Scientist |
| Die Kognitionswissenschaftler Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini fassen in diesem Artikel ihr darwinkritisches (aber dezidiert nicht kreationistisches) Buch "What Darwin Got Wrong" zusammen. Ihrer Meinung nach ist die meiste neodarwinistische Literatur "erschreckend unkritisch", und ein wissenschaftlich üblicher methodologischer Skeptizismus fehle erstaunlicherweise.
Der Haupteinwand der Autoren gegen den derzeitigen Neodarwinismus bezieht sich auf die Dominanz der "natürlichen Selektion" und damit der äußeren Faktoren. Die Autoren setzen Darwin in Analogie zu Skinner, dessen Behaviourismus ebenfalls auf innere (hier: innerpsychische) Faktoren zur Erklärung verzichtete. So wie Skinners Theorie heute als unzureichend erkannt wurde, so bedürfe auch die natürliche Auslese notwendig der Ergänzung durch interne Faktoren. Damit wollen die Autoren auch den "schleichenden imperialistischen Tendenzen" der Selektionstheorie, denen selbst die Theologie nicht entgehe, gegensteuern. hhp
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 | 2009/12/09: Hans Kessler: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht: Die Kirche der Gottlosen röstet Kartoffeln mit Kohlendioxid - Sachbuch - Feuilleton - FAZ.NET |
| Meine positive Besprechung des neuen Buches von Hans Kessler (siehe "Rezensionen") findet ihre Bestätigung durch Eckhard Nordhofen in der FAZ. Das Buch sei "die Ernte einer zwanzigjährigen kompetenten Befassung mit den Naturwissenschaften", die Stärke bestehe in der wissenschaftstheoretisch sauberen Unterscheidung der jeweiligen Diskurse und der Verurteilung unsauberer Vermischungen. Bei allem Lob für Kessler merkt man dem Rezensenten dennoch den Ärger darüber an, dass ein solches Buch im Jahr 2009 überhaupt nötig ist, wo doch die Alternative Bibel oder Wissenschaft seit mindestens 50 Jahren erledigt ist, angefangen mit dem Einsatz der modernen Bibelhermeneutik vor 200 Jahren. Man mag dies bedauern, aber auch zum Anlass nehmen, eine moderne Schöpfungstheologie wie Kesslers "enttemporalisiertes Konzept" gegen zahlreiche naive Zerrbilder eines Schöpfergottes zur Geltung zu bringen, die nicht nur an den fundamentalistischen Rändern der großen Kirchen zu finden sind. hhp
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 | 2009/11/23: Interview: Happy birthday, Evolutionstheorie - Medienmagazin pro: Gesellschaft |
| Siegfried Scherer, Professor für Mikrobielle Ökologie und Mitautor des umstrittenen "evolutionskritischen Lehrbuchs", räumt in einem Interview ein, dass Darwin auch aufgrund seiner wissenschaftlichen Einsichten zum Agnostiker wurde. Scherer hält aber dagegen, dass Carl von Linné ähnliche biologische Gegebenheiten nicht vom Glauben abgebracht hätten - für Scherer ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich biologische Daten weltanschaulich gedeutet werden können. Wissenschaftlich gesehen hält Scherer daran fest, dass die ungelösten Probleme im Bereich der Makroevolution keine Randfragen darstellen. Unmissverständlich stellt er aber klar, dass diese Probleme keinen Beweis für Schöpfung bilden, sondern zunächst nur Wissenslücken sind. Scherer: "Es ist unbekannt, ob sie durch zukünftige Forschung geschlossen werden können oder nicht". Insofern sind sie theologisch unbrauchbar: "Der ewige Gott wohnt nicht in den Wissenslücken zeitgebundener menschlicher Theorien". hhp
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 | 2009/11/04: Scientist Genie Scott's Last Word to Creationist Ray Comfort: There You Go Again - God and Country |
| Scott ist aufgefallen, dass der vermeintlich ungekürzten Darwin-Ausgabe Comforts immer noch ein entscheidendes Diagramm und die Epigraphe von Bacon und Whewell fehlen. Scott hätte dabei ruhig erwähnen können, dass das Whewell-Zitat wohl nicht zufällig unterdrückt wird: Whewell nimmt an, "dass Ereignisse nicht durch isolierte Eingriffe einer göttlichen Macht verursacht werden, in jedem Einzelfall angewandt, sondern durch die Einrichtung allgemeiner Gesetze" - was so gar nicht in die kreationistische Denke passt. Den Einwand Comforts, die ständigen Revisionen der Wissenschaft mache diese unglaubwürdig, lässt Scott nicht gelten: "Die Fähigkeit, Erklärungen im Lichte neuer Informationen zu revidieren, ist eine Stärke, keine Schwäche der Wissenschaft". So auch im Falle Ardipithecus, dessen Fund zwar Details revidiere, aber einen gemeinsamen Vorfahre von Mensch und Schimpanse nicht bestreite. Auch als Kreationist könne man die Stärke der Evolutionstheorie anerkennen - siehe Todd Wood. - hhp
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 | 2009/10/25: Die relativen Dinosaurierhasser - Telepolis |
| Christian Gapp versucht, die Argumentationsstrukturen der Gegner der Evolutionstheorie mit denen der Gegner der Speziellen Relativitätstheorie zu parallelisieren, um zu dem gemeinsamen Schluss zu kommen: "Es ist verschwendete Zeit, ihre Argumente rational entkräften zu wollen." Der Vergleich ist faszinierend - auf den ersten Blick. Aber der Abschnitt der "Kernargumente von Evolutionskritikern" wirkt seltsam künstlich; nirgends taucht das Standardargument der 'irreduziblen Komplexität' auf. Erst später erfährt der Leser, dass der Abschnitt durch leichte Änderungen aus einer Argumentation gegen die Spezielle Relativitätstheorie generiert wurde. Das erklärt die Künstlichkeit, aber auch die unzureichende Übertragbarkeit. Auf diese Weise wird man Evolutionskritiker sicher auch mit Argumenten der - leider ausgestorbenen - Vertreter der 'flachen-Erde-Theorie' vergleichen können. Das wird dem Niveau der Evolutionskritiker hierzulande nicht gerecht - sowenig ich deren Position teile! hhp
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 | 2009/10/21: Darwin, Laplace, and "God of the Gaps" Reasoning - Science and the Sacred |
| Darwins Theory ist weniger eine Anfrage an die Existenz Gottes als vielmehr eine Herausforderung für die Argumentation mit dem Lückenbüßergott. Darwin habe für die Biologie diegleiche Bedeutung wie Laplace für die Physik. Laplace bestritt nicht die Existenz Gottes, wohl aber schloss er die Lücken, die Newton noch als Gottesbeweis zuließ. So verhalte es sich auch mit Darwin: Evolution ist kein Argument gegen Gott, sie schließt aber die Erklärungslücke des komplexen Designs, eine Lücke, die viele als Gottesbeweis missbraucht haben. hhp
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 | 2009/10/13: Did Monogamy Begin 4.4 Million Years Ago? - Psychology today |
| Der Psychologe Christopher Ryan, Mitautor einer Publikation über die prähistorischen Wurzeln heutiger Sexualität, kritisiert die soziobiologischen Folgerungen, die Owen Lovejoy aus der Anatomie des Hominidenfundes Ardipithecus ramidus ableitet: dass bereits unsere Urahnen durch Liebe und Paarbindung verbunden waren. Ryan wundert sich, wie eine derart fehlerhafte und inkohärente Analyse Eingang in ein peer-reviewed und weltweit hoch angesehenes Journal wie "Science" finden kann. So sei der Schluss von reduziertem Wettbewerb zwischen den Männchen auf Monogamie nicht zwingend. Das Gegenteil zeigten die heutigen Schimpansen und Bonobos. Vier weitere Fakten zur Unterstützung der Monogamie-Hypothese (Verhältnis von Hoden zum Gesamtkörper; Samenproduktion; Penismorphologie; Extrapolation von heute) werden von Ryan entkräftet. Auch Lovejoys Schluss von reduzierten Reißzähnen auf Monogamie werde von den rezenten monogamen Gibbons widerlegt. hhp
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 | 2009/09/29: Can Evolution Run in Reverse? A Study Says It?s a One-Way Street - New York Times |
| Das Dollo'sche Gesetz der Irreversibilität der evolutionären Entwicklung hat nun auf molekularem Level eine Bestätigung erfahren. Neue Mutationen machten es der Evolution praktisch unmöglich, die Richtung umzukehren. "Sie brennen die Brücke nieder, welche die Evolution gerade überschritten hat", sagt der Autor des entsprechenden Nature-Artikels, die Biologe Joseph Thornton. Reversibilität sei nur bei äußerst einfachen Merkmalen (z. B. bei einer einzigen Mutation) denkbar. Werden neue Merkmale produziert mit verschiedenen wechselseitig sich beeinflussenden Mutationen, versperrt die Komplexität eine rückwärtige Evolution. Dieses sage nun Bedeutendes aus über den Kurs der evolutionären Geschichte. "Die natürliche Selektion kann eine Menge erreichen, aber in eingeschränkter Weise. Selbst harmlose, zufüllige Mutationen können ihren Pfad blockieren". Thornton weiter: "Die Evolution zu uns war nicht unausweichlich, sondern nur ein Wurf des evolutionären Würfels". hhp
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 | 2009/09/20: Schöpfungsglauben mit guten Gründen - Radio Vatikan |
| Bischof Fürst wies darauf hin, dass Evolutionstheorie und Gottesglaube für "unaufgeregte Betrachter" keinen Gegensatz darstellten. Es handele sich um zwei Sichtweisen auf das Schöpfungsgeschehen, "einerseits um die naturwissenschaftliche Erklärung, andererseits um die theologische Deutung der Weltentstehung". In unverantwortlicher Weise würden solche Atheisten ein Zerr-Gottesbild von einem "Riesen-Handwerker" aufbauen, das sie dann umso leichter zerstören könnten. "Nach christlichem Schöpfungsverständnis verlockt Gott als Schöpfer seine Schöpfung geradezu zum Entstehen neuer Möglichkeiten", sagte der Bischof und zitierte Aussagen verschiedener Päpste zur Vereinbarkeit von Evolutionslehre und Gottesglauben. Er erinnerte an den französischen Theologen und Naturwissenschaftler Teilhard de Chardin, der das Handeln des Schöpfers so umschrieb: "Gott macht, dass die Dinge sich selber machen." Pressemitteilung: drs/ Uwe Renz
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 | 2009/08/22: A Grand Bargain Over Evolution - The New York Times |
| Robert Wright will den Kulturkampf zwischen atheistischen Wissenschaftlern und gläubigen Evolutionsgegnern schlichten, indem er auf eine Gemeinsamkeit beider Parteien hinweist: Beide unterschätzten die kreative Kraft der natürlichen Selektion. Nähmen Gläubige dies ernster, könnte auch die darwinistisch so schwer fassbare menschliche Moral plausibel erklärt werden. Wrights Hinweis auf den evolutiv gut erklärbaren "reziprokem Altruismus" greift indes zu kurz, da Moral qualitativ mehr ist als gegenseitiger Nutzen. Moralische Wahrheit sei jedenfalls ähnlich wie mathematische Wahrheit immer schon vorhanden, sie brauche von der natürlichen Selektion nicht erfunden, sondern nur gefunden werden. Diesen "Algorithmus der natürlichen Selektion" könne Gott freigesetzt haben (zur Freude der Gläubigen), aber "seine Rolle in diesem kreativen Prozess endet" damit auch (zur Freude der Naturalisten). Der Preis für die Befriedung indes ist hoch: Es ist der ferne Gott des Deismus! hhp
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 | 2009/06/25: Gedanken über Zufall und Bestimmung - Nürnberger Zeitung |
| Zufällig (!) zeitgleich zu unserer Tagung zum Thema "Zufall" (siehe unter Aktuelles) bietet die Nürnberger Zeitung meditative Gedanken über Zufall und Bestimmung. Die Kernfragen des Artikels waren auch die Hauptdiskussionspunkte der Tagung: Wie hängt Zufall mit naturwissenschaftlicher Kausalität auf der einen, wie mit göttlichem Wirken auf der anderen Seite zusammen? Ein entscheidender Unterschied jedoch: Der Artikel kennt nur den sog. "epistemischen" Zufall, das unbeabsichtigte Kreuzen zweier Kausalreihen, das sich nur "mangels näheren Wissens jeder gesetzmäßigen Beschreibung entzieht". Ein solcher Zufall ist noch mit einem mechanistisch-deterministischen Weltbild vereinbar, ein Weltbild, in dem Freiheit letztlich eine Illusion darstellt. Die Tagung machte sich demgegenüber die Erkenntnisse der modernen Physik über "echten" Zufall zunutze und konnte damit auch "echter" Freiheit Raum eröffnen. hhp
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 | 2009/05/31: NCSE's Eugenie Scott - winner of 2009 Stephen Jay Gould Prize - Science Examiner |
| Eugenie Scott erhält den Stephen Jay Gould Preis 2009. Die Preisvergabe würdigt damit, dass Scott "ihr Leben der Förderung des allgemeinen Verständnisses der Evolution gewidmet hat. Als geschäftsführende Direktorin des National Center for Science Education hat sie an vorderster Front gekämpft, um sicherzustellen, dass die öffentliche Bildung klar zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft unterscheidet und dass die Prinzipien der Evolution in allen Biologiekursen gelehrt werden." Ferner wird ihre Kommunikationsfähigkeit hervorgehoben, mit der sie sich den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen in "starker, aber angenehmer Führung" widmet. hhp
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 | 2009/05/05: Christlicher Humanismus ? Zenit - die Welt von Rom aus gesehen |
| Hans Otto Seitschek stellt in diesem Artikel dem naturalistischen Humanismus einen christlichen Humanismus entgegen. Der naturalistische Humanismus, der alles auf den Menschen selbst zurückführen müsse, münde letztlich in einen Transhumanismus, der die Neuschöpfung des Menschen durch den Menschen selbst vornehmen müsse. Seitschek erscheint dies nicht möglich. Der christliche Humanismus gehe ebenfalls davon aus, dass der Mensch seinem Leben Sinn verleihen muss. Aber dieser Sinn sei klar an Gott orientiert, was den Unterschied ausmache. Zwei Punkte möchte ich kritisieren. 1. Ich halte es für theologisch schief und argumentativ entbehrlich, wenn der Autor in evolutiven "Erklärungslücken ... Metaphern für die Offenheit der menschlichen Natur" erblickt. 2. Wenn der "christliche Humanismus ... in Gott ein klares ... Ziel" anerkennt, was heißt dann "klar"? Das riecht nach theologischen Positivismus, der die Schwierigkeit hermeneutischen Ringens um ein konkretes Ziel verschweigt. hhp
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 | 2009/04/28: Route der Erkenntnis - Von der Weltreise zu Darwins Theorie - sueddeutsche.de |
| Der Artikel beschreibt die Grundlegung des wissenschaftlichen Werdegangs von Charles Darwin. Dass die Weltreise auf der Beagle ein einschneidender Schritt für die spätere Evolutionstheorie bedeutete, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass Darwins Interesse während der Reise weniger der Biologie als vielmehr der Geologie galt. Die geologische Einsicht aber, dass sich über lange Zeiträume kleine Wandlungen zu großen Veränderungen aufaddieren, "sollte zur konzeptionellen Grundvoraussetzung für seine Evolutionstheorie werden, auch wenn sie während der Reise noch nicht einmal angedacht war". Der Artikel beschreibt trefflich das Werden einer Theorie, den "context of discovery": Eine Theorie entsteht nicht einfach durch logische Induktion aus Fakten, sondern basiert auf biografischen, z. T. zufälligen Ereignissen, wie das eindrücklich Erleben eines Erdbebens in Chile, das ein geologisches - später evolutionsbiologisches - Grundkonzept offenbarte. hhp
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 | 2009/04/21: Religion und Evolution: Von Darwin bis Dawkins - IQ - Wissenschaft und Forschung - Bayern 2 - BR |
| Das Feature von Daniel Knopp berichtet von der Wiederentdeckung des Religiösen durch die Evolutionsbiologie - ganz im Gegenzug zu Dawkins' Abwertung von Religion als Wahnvorstellung. Knopp stellt den Nutzwert von Religion und damit ihren Selektionsvorteil heraus: die größere 'reproduktive Fitness' religiöser Menschen (M. Blume). Religion als Überlebensvorteil: Ein nachdenkenswerter Beitrag, auch wenn Religion hier funktionalistisch auf den Nutzwert reduziert wird.
Knopp will die Vereinbarkeit von Religion und Evolution schon bei Charles Darwin verorten. Dessen Evolutionstheorie sei "auch eine Weiterentwicklung seiner theologischen Grundausbildung", die er bei seinem Lehrer William Paley erhalten hat. Dies ist allerdings eine allzu harmonisierende Darstellung, da sich Darwin an entscheidender Stelle von Paley, dem Vater des Intelligent-Design-Arguments, absetzt. Darwin konzentriert sich auf die Zweitursachen und will damit nicht die göttliche Erstursache beweisen (E.-M. Engels)!! hhp
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 | 2009/04/20: Der französische Naturforscher Buffon ging Charles Darwin um hundert Jahre voraus - OnlineReports |
| Der Artikel würdigt Buffon als Pionier der beginnenden Naturwissenschaft. Paradigmatisch zeige sich an seinem Werk, wie sich der wissenschaftliche Geist formiert. Buffons "Allgemeine Naturgeschichte" versuchte das gesamte Wissen über die Natur zu systematisieren. Buffons methodisches Vorgehen fasst der Autor mit den Begriffen "Sehen und Verstehen" - ganz in Goehteschem Sinne - zusammen, wobei Buffon das Ähnliche zu verbinden, das Unähnliche zu trennen suchte. Das Ergebnis war eine systematische Ordnung, die auch den Menschen "in die Klasse der Tiere" einordnete. Das Missfallen kirchlicher Kreise hätte dabei auch sein Verständnis der Natur als "Schauplatz der göttlichen Macht" nicht besänftigen können. Diese "Kränkung" des Menschen, die sich bis heute in den Widerständen gegen die Evolutionstheorie zeigt, setzt also bereits bei Buffon als frühen Vertreter des Evolutionsgedankens und "Vorläufer und Wegbereiter von Charles Darwin" an. hhp
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 | 2009/04/08: Gestalten ohne Gestalter - Charles Darwin und die Evolution - sueddeutsche.de |
| Der Artikel rückt dem Kernargument der Intelligent-Design-Protagonisten zu Leibe: der "irreduziblen Komplexität". Das Argument geht davon aus, dass komplexe Organe nur als Ganzheit funktionieren und damit nur als Ganzheit einen Selektionsvorteil haben können ("Was nützt ein halbes Auge"). Ein Auge könne also nicht über lange Zeiträume in kleinen Schritten entstanden sein, wie die Evolutionstheorie annimmt.
Demgegenüber macht der Artikel an den Beispielen Auge, Flügel und Bakterienflagelle (Klassiker der ID-Argumentation) plausibel, dass es funktionsfähige, und damit vorteilhafte Zwischenstufen geben kann. Der Schluss von einem momentanen Unwissen auf eine grundsätzliche Unerklärbarkeit (die dann den Eingriff eines intelligenten Designers erforderlich macht) ist eben ein Fehlschluss, wie die genannten Beispiele empirisch unterfüttern. hhp
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 | 2000/01/08: Der angezweifelte Wahrheitsanspruch - Die Krise des Christentums am Beginn des dritten Jahrtausends - FAZ |
| Der Artikel verdeutlicht die Schlagrichtung, in welche die Kritik Ratzingers zielt. Es geht nicht um (besser: gegen) die moderne Naturwissenschaft, sondern gegen deren weltanschauliche Ausweitung. O-Ton Ratzinger: "Niemand wird die wissenschaftlichen Beweise für die mikroevolutiven Prozesse ernstlich in Zweifel ziehen können. Nicht darauf, ja auch nicht auf die Problematik der Makroevolution bezieht sich daher die Frage, die ein Gläubiger der modernen Vernunft gegenüber stellen wird, sondern auf die Ausdehnung zu einer philosophia universalis, die zur Gesamterklärung des Wirklichen werden will und keine andere Ebene des Denkens mehr übrig lassen möchte." Der Artikel, der die Wiedergabe eines Ratzinger-Vortrags an der Sorbonne sein will, stellt jedoch die dortige Argumentation auf den Kopf: Dort sah Ratzinger sehr wohl ein "Problem ... beim Übergang von der Mikro- zur Makroevolution" ? im (bei der FAZ verschwiegenen) Rückgriff auf die Kreationisten Junker und (seinerzeit) Scherer. hhp
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 | 2005/04/20: Wissenschaftskritik: Forschung als Vernunftpathologie - FAZ.NET |
| Die Papstwahl ist gerade vollzogen, und schon fragt man sich, wie sich Benedikt zu den Naturwissenschaften stellen wird. Dass der Artikel unter der Rubrik "Wissenschaftskritik" geführt wird, verrät bereits die Erwartung des Autors. Christian Schwägerl vermutet "einen sehr intensiven Dialog mit den Naturwissenschaften" und prognostiziert aus den bisherigen Äußerungen Ratzingers, vor allem die Biologen und Biomediziner müssten "auf Attacken gefasst sein". Dabei sei zu erwarten, dass nicht nur der ethische Bereich (z. B. Stammzellforschung) im Zentrum des Interesses stehe, sondern auch die Grundlagen und weltanschaulichen Konsequenzen naturwissenschaftlichen Denkens. Eine Bedrohung sehe der Papst z. B. in einer "universalistisch verstandenen Evolutionslehre". Im Nachhinein wissen wir, wie zutreffend Schwägerls Vermutung war, aber auch ? nach Dawkins' "Gotteswahn" ?, wie berechtigt die Warnung des Papstes.
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 | 2006/09/12: Dokumentation - Die Vorlesung des Papstes in Regensburg - München - sueddeutsche.de |
| Der wegen der Islamäußerungen berühmt gewordenen Regensburger Rede geht es im Wesentlichen um "Glaube, Vernunft und Universität" - so der Titel der Ansprache. Angesichts der vom naturwissenschaftlichen Denken radikalisierten "Selbstbeschränkung der Vernunft", bei der die menschlichen Grundfragen nach dem Woher und Wohin ins Subjektive und Beliebige verdrängt werden, geht es dem Papst um die "Ausweitung unseres Vernunftbegriffs".
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 | 2006/09/12: Papst: "Mensch kein Zufall der Evolution" - DiePresse.com |
| Der Beitrag berichtet von einer Papstpredigt in Regensburg, in der die platonisch anmutende Wertschätzung des mathematisch geordneten Kosmos zum Ausdruck kommt. Der Papst wörtlich: "Wir glauben, dass das ewige Wort, die Vernunft, am Anfang steht und nicht die Unvernunft". Auch der Glaube ist nicht unvernünftig und für den Papst in der modernen Welt unverzichtbar.
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 | 2006/11/04: Papst: Wissenschaft nicht ohne Gottesbezug - Berliner Morgenpost |
| Einer KNA-Meldung zufolge gab Papst Benedikt zu verstehen, dass die Gesellschafts- und Humanwissenschaften nicht auf einen Gottesbezug verzichten können. Der Grund: Der Mensch (Gegenstand der Humanwissenschaften) lasse sich nicht ohne Gottesbezug verstehen. Wie verträgt sich dies mit dem methodischen (!) Atheismus der Naturwissenschaften? hhp
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 | 2009/04/02: Darwins Theorie löst zentrale Probleme der Biologie nicht - idea.de - Nachrichten des Tages - Detailartikel |
| Das evangelikale Nachrichtenmagazin "idea" berichtet von einem Symposium in Regensburg; Titel: ?Atheistischer und jüdisch-christlicher Glaube: Wie wird Naturwissenschaft geprägt??. Bei den Veranstaltern (Professorenforum, Keplerforum) und dem Referenten Siegfried Scherer, Mitautor des bekannten evolutionskritischen Lehrbuchs, lässt sich leicht eine Nähe zur Intelligent-Design-Bewegung vermuten. So wundert es nicht, dass Scherer auf die offenen Fragen der Evolutionsbiologie hinweist. Er wisse aber, dass dies auf manche Naturwissenschaftler provozierend wirkt. Und so fügt er laut idea-Nachricht hinzu: "Allerdings eigneten sich Lücken oder offene Fragen nicht als Gottesbeweis". Mir scheint dies eine ganz neue und wichtige Akzentsetzung zu sein. hhp
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 | 2009/03/30: Der Westen: Darwinismus: Der emporgekommene Affe |
| In einem Interview geht der Essener Biologe und Philosoph Hans Werner Ingensiep auf zentrale Implikate der Evolutionstheorie ein. Im Kontext der Frage, ob die Evolution ein Ziel kenne, erwähnt Ingensiep die neue Forschungsrichtung "Evo Devo", sieht aber weniger einen planenden Ingenieur als einen wilden Bastler am Werk. Dass in diesem Prozess Kultur mit ganz eigenen Gesetzen entstanden ist, macht Ingensiep mit einigen anschaulichen Beispielen klar. Er hält es für "höchst problematisch", das Selektionsprinzip auf die Kultur zu übertragen. Man erinnere sich an den Artikel von Hubert Markl, für den die Entstehung der Kultur einen "Umschlag von Quantität in neue Qualitäten" bedeutete (siehe 12.02.09: 200 Jahre Darwin).
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 | Philosophische Audiothek |
| Auf diesen Seiten finden Sie eine Sammlung von Tondokumenten philosophischen Inhalts - als mp3 download oder podcast. Die Audiothek enthält eine wachsende Anzahl von Vorlesungsmitschnitten, Kongreßbeiträgen, Vorträgen und Tonspuren von philosophischem Interesse, vorwiegend aus dem Raum Wien. Eine echte Fundgrube mit über 900 Downloads.
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 | 2009/03/13: Gott trifft Darwin: Lassen sich Religion und Evolution vereinbaren? | Wissen | Nachrichten auf ZEIT ONLINE |
| Hartmut Wewetzers sehr lesenswerter Artikel hält, was der Titel verspricht: Der Autor benennt alle wesentlichen Positionen, die man einnehmen kann, wenn Gott auf Darwin trifft, exemplarisch mit Namen. Stephen Jay Gould setzte mit seinem Modell der NOMA (Non-Overlapping Magisteria) auf ein schiedlich-friedliches Nebeneinander; Richard Dawkins führe Darwin gegen Gott ins Feld, die Kreationisten Gott gegen Darwin. In der Intelligent-Design-Variante friste Gott noch ein Lückenbüßer-Dasein.
Von diesen Fehlformen setzt Wewetzer den Physiker Karl Gibereson und den Biologen Kenneth Miller ab. Beide verfielen weder auf einen pantheistischen noch auf einen Lückenbüßer-Gott. Bei beiden arbeite Gott "Hand in Hand mit den Naturgesetzen". Ein Indiz für sein Wirken sei das Erscheinen des Menschen, argumentativ unterfüttert mit dem Begriff der Konvergenz und dem anthropischen Prinzip. Wewetzer unterschlägt die Gegenargumente nicht: ein kurzer und dennoch differenzierter Artikel - Lob!
hhp
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