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Kay: Das Buch des Lebens

DAS BUCH DES LEBENS - Wer schrieb den genetischen Code?
Lily E. KAY
Carl Hanser Verlag München (2001) ISBN 3-446-20231-5 541 Seiten EUR 29.90 Kt

Wenn Molekularbiologen heute über "Leben" schreiben, benutzen sie das Vokabular der Informatiker: Es geht um Codes, Entschlüsselungen oder Programme ... Wie sind diese Redeweisen entstanden? Lily Kays Buch erzählt, wie sich die Genetik seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zusammensetzte. Kay zeigt, warum wir heute das Leben als verschlüsselte Information verstehen - gegründet auf diese mächtige Metapher, die auch die gegenwärtige Idealisierung der Genforschung produziert. (Kurzbeschreibung amazon.de)




Rezension von Gottfreid Kleinschmidt

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und besteht aus sieben Kapiteln. Zunächst erfolgt ein Überblick über die Molekularbiologie und den genetischen Code in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ein Schwerpunkt liegt im kulturellen Projekt der Rockefeller-Stiftung. Die zentrale Frage lautete: Was taten die Gene, bevor sie Information übertrugen?

Anfang der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erfolgte der Informationsdiskurs innerhalb der Biologie. Kybernetik, Information und Leben wurden in einem Beziehungszusammenhang gesehen. Wichtig sind die Arbeiten Norbert Wieners, Claude Shannons und John von Neumanns. In den fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ging es mehr und mehr um die Schnittstellen zwischen Physik. Mathematik, Informationstheorie, Kryptoanalyse, elektronische Computer und Linguistik. Die Entschlüsselung des genetischen Codes erfolgte dann 1961. Kybernetische Modelle und Informationsvorstellungen stellten das begriffliche Grundgerüst zur Verfügung, um weitere experimentelle Ergebnisse zu interpretieren und nachfolgende Experimente zu entwerfen. Die Proteinsynthese wurde in ein programmiertes Kommunikationssystem umgedeutet. Erbmaterial wurde zu Informationsmaterial, und die Informationsrepräsentationen des genetischen Codes wurden buchstäblich materialisiert. Die Überschrift des 7. Kapitels "Am Anfang war das Wort?" betont und kritisiert die Schlüsselphasen in der "Vertextung des Genoms" und zwar von den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Ein besonderes Augenmerk gilt hier den Arbeiten Roman Jakobsons. Er hat die neu konfigurierte Linguistik (Strukturalismus) auf den genetischen Code angewendet. Er betrachtete den Code als natürliche Sprache. Die letzten Konsequenzen dieses Denkansatzes sind: Information als Ursprung des Lebens, als Einheit von Evolution und natürlicher Selektion. Jakobson sprach (1969) über die "Sprache des Lebens und das Leben der Sprache" und schlug vor, die Sprache selbst als Bindeglied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu betrachten. Die Biologie bildete die Brücke im "Kampf der zwei Kulturen" (C.P. Snow). Jakobson erkundete die Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken, die biologischen Mechanismen bei der menschlichen Sprache und beschäftigte sich mit der Frage, inwiefern man den genetischen Code als eine Sprache betrachten konnte. Es ging künftig um die isomorphen Eigenschaften der beiden Informationssysteme: Verbaler Code einerseits, Genetischer Code andererseits!Sprache und Leben wurden in den siebziger Jahren (1973) gleichzeitig entmaterialisiert. Dadurch wurden die Bedingungen der Möglichkeit geschaffen, um das Wort (Information der DNA-Sequenz) als Ursprung der Selbstorganisation, als ontologische Einheit von Leben und Evolution ins Auge zu fassen.

Diese Vision wurde vor allem von dem Nobelpreisträger Manfred Eigen in den siebziger Jahren ausgearbeitet. Sie schuf zugleich die Voraussetzungen für die Simulation und Manipulation von Leben mit computerisierten mathematischen Modellen sowie die theoretische Möglichkeit einer evolutionären Biotechnologie und "postgenomischen Zukunft". Bis 1970 wurde ein Forschungsprogramm über den Ursprung des Lebens als Information entwickelt: Selbstorgani-
sation der Materie, molekulare Evolution und der Anfang einer regelrechten DNA-Linguistik. Eigens Projekt hatte besondere Bedeutung für die ursprüngliche Zufallssequenz (Gamow), für die statistische Kommunikation (Shannon), für die Betrachtung des Individuums als Nachricht (Wiener) und für den Traum von sich selbstreproduzierenden Automaten (von Neumann). In Verbindung mit der "Hyperzyklentheorie" (M. Eigen) entstand die futuristische Vision einer
postgenomischen Bio-Macht. Mit der Dialektik von Sprache und Materie, von Wort und Tat, umging M. Eigen das Faustische Dilemma: Leben ist weder Tat noch Wort, weder Sinn noch Kraft, weder Schöpfung noch Offenbarung, Leben ist immer beides zugleich! Entsprechend der Sicht des entstehenden Lebens als einer Verknüpfung von Hyperzyklen, als einer Kommunikation zwischen Lebensgesetz und Lebenserfüllung, wurde den Proteinen eine eigene Semantik zugeschrieben. Wie in menschlichen Sprachen bildeten zwanzig alphabetische Symbole (Aminosäuren) mit spezifischen Funktionen kooperative Einheiten von
Wörtern und Sätzen. Die Sprache der Nukleinsäuren wurde zur formalen Maschinensprache in Analogie gesetzt, einer rein syntaktischen Informationsverarbeitung. Abschließend stellt L.E. Kay fest: "Die Vorstellungswelt von der Information, die im genomischen Buch des Lebens geschrieben steht und immer noch darauf wartet, gelesen und editiert zu werden, hat sich wissenschaftlich und kulturell als produktiv erwiesen". Das vorliegende Werk über die Geschichte des genetischen Codes ist eine philosophisch-anthropologisch interessante Kulturgeschichte zum "Buch des Lebens". Es ist darüber hinaus ein Wegweiser in der Auseinandersetzung mit den Biowissenschaften im verflossenen 20. Jahrhundert.

Die Gedanken und Analysen L.E. Kays regen nicht nur Philosophen und Theologen zum Nachdenken an, sie geben auch wesentliche Anregungen zum interdisziplinären Zusammenarbeiten. An vielen Stellen wird deutlich gemacht, welche Bedeutung heute dem vernetzten, fächerübergreifenden Denken in der Forschung und Entwicklung zukommt. Die Gedanken, Ideen, Visionen und Modelle haben somit immanente Funktionen für die pädagogische Reflexion. Sowohl Bildungstheoretiker als auch Kognitionsforscher erhalten
wichtige Denkimpulse.




Rezension bei amazon.de

Wer zum Buch des Lebens greift und von der Autorin Lily E. Kay eine konkrete Antwort auf die Frage im Untertitel Wer schrieb den genetischen Code? erwartet, wird enttäuscht werden und doch zugleich eine faszinierende Untersuchung vorfinden. Es ist dies ein wissenschaftshistorisches Werk, in welchem die Entwicklung der modernen Molekularbiologie mit umfassender Sachkenntnis und unter stimmigem Bezug auf eine Fülle von Wissenschaftlern dargelegt wird. Dabei ist es der Schwerpunkt der Autorin herauszuarbeiten, wie es überhaupt zu der Metapher Das Buch des Lebens gekommen ist. Sie erarbeitet in überzeugender Sachkompetenz die materiellen und diskursiven Praktiken, welche überhaupt erst dazu führten, das genomische Leben als Information und Schrift zu sehen.

In insgesamt sieben chronologisch geordneten Kapiteln wird den Lesern gezeigt, wie auf den molekularbiologischen Diskurs vor dem zweiten Weltkrieg, als sich die Biologie bezüglich der Funktionsweise der Gene noch dem Konzept der Spezifität verpflichtet fühlte, eine immer stärkere Beeinflussung der Molekularbiologie durch die modernen Informationswissenschaften erfolgte, bis schließlich in den 1960er-Jahren mit der Entschlüsselung des genetischen Codes die Vorstellung sich durchsetzte, dass das Genom als Text, der genetische Code als Sprache zu sehen sei.

In der klaren Beweisführung, dass das Buch des Lebens eine historisch gewachsene Metapher darstellt und somit die Eingangsfrage des Untertitels eine rein rhetorische ist, liegt die wesentliche Erkenntnis des Werkes von Lily E. Kay. Die Autorin lässt ihre eigenen Bedenken an den Konsequenzen dieses Sachverhaltes immer wieder durchscheinen, wobei sie quasi nebenbei noch vermittelt, wie ein rein materielles Verständnis von Natur und Gesellschaft abgelöst wurde durch unser heutiges informationelles Weltbild.

Das Werk von Lily E. Kay verlangt in der Materie eine sehr kundige Leserschaft; diese allerdings findet hier eine wirklich faszinierende Untersuchung zur Veränderung einer der bedeutendsten Wissenschaften unserer Zeit. -- Britta Petersen





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