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Kardinal Lehmann
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"Fragen und Probleme gibt es noch genug" Lehmann zur Debatte über Schöpfungsgeschichte im Bio-Unterricht
(Artikel vom 17.08.07 mit freundlicher Genehmigung der KNA)
Mit ihrem Vorstoß, die christliche Schöpfungsgeschichte zum Bestandteil des Biologieunterrichts zu machen, hat die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) eine Debatte über die Grenzen zwischen Religion und Wissenschaft ausgelöst. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag in Bonn vertritt Kardinal Karl Lehmann die Position, dass der Biologieunterricht nicht ausführlicher auf die biblische Deutung eingehen muss.
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KNA: Herr Kardinal, sind Sie überrascht, dass die Kontroverse um Kreationismus über Amerika hinaus nach Deutschland übergreift?
Lehmann: Ja und Nein. Nein, weil über kurz oder lang doch vieles, was in den USA diskutiert wird, über den großen Teich zu uns kommt. Ja, weil wir eine völlig andere Situation haben im Vergleich zu fundamentalistischen Strömungen vor allem in einigen Bundesstaaten der USA.
KNA: Die hessische Kultusministerin Wolff will die Schöpfungslehre zum Gegenstand des Biologieunterrichts machen. Und Bischof Mixa hat gesagt, es habe "etwas Totalitäres", wenn Biologielehrer nur die von Charles Darwin begründete Evolutionslehre unterrichteten. Was halten Sie davon?
Lehmann: Ich will keine Stellungnahme abgeben zu beiden Positionen, weil diese bei näherem Zusehen differenzierter sind. Es geht mir um die Sache. Gewiss muss der Biologieunterricht nicht ausführlicher den Sinn der biblischen Schöpfungserzählung entfalten. Der Religionsunterricht seinerseits kann nicht darauf verzichten, zur Klärung des Verhältnisses von Evolutionslehre und biblischer Schöpfungserzählung die verlässlichen Ergebnisse der biologischen Abstammungslehre in Erinnerung zu rufen und in Bezug zueinander zu setzen.
KNA: In welchem Verhältnis sehen Sie moderne Naturwissenschaften und Schöpfungslehre? Schließen sich beide aus?
Lehmann: Die Naturwissenschaften und die theologische Deutung der Weltentstehung gehen zunächst einmal völlig verschiedene Wege und dürfen nicht miteinander vermischt werden. Im Grunde will dies heute auch bei uns niemand ernsthaft. Aber die Beziehungslosigkeit zwischen beidem kann mindestens für den Christen nicht einfach das letzte Wort sein. Er will schließlich in seinem heutigen Bewusstsein verstehen, ob beides bei aller Verschiedenheit gedanklich vereinbar ist. Der Biologe kann, aber er muss diese Frage nicht stellen und beantworten. Ein heutiger Religionsunterricht kommt auf keinen Fall daran vorbei.
KNA: Wo sehen Sie Grenzen der modernen Evolutionslehre?
Lehmann: Die moderne Evolutionslehre hat manche Wandlungen durchgemacht. Es ist ganz unbestreitbar, dass der Kerngehalt des Darwinismus - Selektion als ein mächtiges Motiv bei der Entwicklung der Artenvielfalt - die tauglichste Hypothese zur Erklärung der biologischen Geschichte ist. Aber sie war lange Zeit auch mit ungeprüften weltanschaulichen Voraussetzungen belastet, die den Konflikt mit dem christlichen Glauben verstärkten. So wurde die Grundüberzeugung auch in andere Wissenschaften und Kulturgebiete übertragen, nicht zuletzt auch auf die Ethik, dass nämlich die Evolution die Best-Angepassten mit dem Sich-Durchsetzen belohnt. Dieses "Recht des Stärkeren" wurde dominant. Eine vergröbernde und gezielte Popularisierung, etwa durch Ernst Haeckel ("Welträtsel"), brachte erst voll den Konflikt.
KNA: Und die moderne Evolutionslehre?
Lehmann: Die heutige Evolutionslehre ist bei fast allen Vertretern weit darüber hinausgekommen und hat auch über das Überleben des Stärksten hinaus mit den sprunghaften Mutationen und der kontinuierlichen Vererbung noch andere grundlegende Faktoren zur Entfaltung des Lebens zu berücksichtigen. Es ist also gut, wenn sich der "Evolutionismus" bescheidet, sich nicht überschätzt und, ohne zu einer Weltanschauung zu werden, bei seinen nachprüfbaren Einsichten bleibt. Er muss sich zum Beispiel auch mit der Tatsache und dem Verständnis des "Zufalls" in der Evolution beschäftigen.
KNA: Aus der katholischen Kirche kommen - bis hin zum Papst - sehr unterschiedliche Stimmen zu diesem Konflikt. Ist die Haltung der Kirche zu Darwin nicht sehr widersprüchlich?
Lehmann: Diese Klärung ist längst erfolgt. Man kann sich nur wundern, wie wenig in dieser Diskussion des Sommers 2007 Kenntnisse über die intensive Auseinandersetzung der Theologie mit einem evolutiven Weltverständnis wirksam sind. Hat man wirklich vergessen, was zum Beispiel Teilhard de Chardin und Karl Rahner, Stefan Bosshard und Alexandre Ganoczy und viele andere über Jahrzehnte geleistet haben?
Im Übrigen hat bereits Papst Pius XII. in einer Rede aus dem Jahr 1941 und später in der Enzyklika "Humani generis" (1950) eindeutig erklärt: "Das Lehramt der Kirche verbietet nicht, dass die Evolutionslehre (insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie erforscht) ... gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, dass die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden."
KNA: ....also eine große Freiheit?
Lehmann: Der Papst spricht ausdrücklich von "dieser Freiheit der Erörterung", warnt aber zugleich vor Grenzüberschreitungen. So hält zum Beispiel der Glaube daran fest, dass die menschliche Seele bei aller leiblichen Evolution auch des Menschen unmittelbar von Gott geschaffen ist. Im Übrigen gibt es seit 1948 auch Erklärungen der Kirche zum Verständnis und zur Auslegung der biblischen Urgeschichte. Die Theologie hat intensiv daran weitergearbeitet.
KNA: Und worum geht die Debatte heute?
Lehmann: Heute geht es überhaupt um die Diskussion des Verhältnisses von Geist und Materie, Selbstorganisationen und Schöpfungsverständnis. Es ist gespenstisch, dass man diese und viele andere theologische Gedankengänge darüber hinaus entweder vergessen hat oder nie kannte. Seit Jahrzehnten lehren die katholischen Theologen in der Schöpfungslehre nichts anderes. Dabei darf man die philosophische Reflexion über die Evolution nicht vergessen, von Robert Spaemann und Reinhard Löw zu Christian Kummer und Christian Illies, Biologen und Wissenschaftstheoretiker wie Franz Wuketits eingeschlossen.
Für diese Themen gibt es auch religionspädagogische Hilfsmittel, nicht zu übersehen die Ausführungen im "Katechismus der Katholischen Kirche" und noch deutlicher im "Katholischen Erwachsenenkatechismus". Keine Spur von grundsätzlicher Unklarheit oder echter Widersprüchlichkeit. Fragen und Probleme gibt es freilich noch genug - für alle.
Interview: Christoph Arens (KNA)
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