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Dennett: Darwins gefährliches Erbe

DARWINS GEFÄHRLICHES ERBE: die Evolution und der Sinn des Lebens
Daniel C. Dennett
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. - Hamburg: Hoffmann & Campe, 1997. – 783 S., ISBN 3-455-08545-8, DM 78.00

Der Wissenschaftstheoretiker Daniel C. Dennett beschreibt zunächst anschaulich und ausführlich Darwins Evolutionstheorie. Dann befaßt er sich mit den heftigen Kontroversen, die sie ausgelöst hat, schildert die "philosophischen und religiösen Sehnsüchte", die seit jeher eine Rolle im Streit um Darwin gespielt haben, und setzt sich kritisch mit jenen Wissenschaftlern auseinander, die Darwins Theorie in die Grenzen der Biologie verweisen wollen. (amazon.de)




Rezension von Gottfried Kleinschmidt

Die „gefährliche große Idee" Darwins ist nicht die Idee von der Evolution, sondern die „Idee von der Evolution durch natürliche Selektion". Diese natürliche Selektion kann mit Hilfe von Algorithmen dargestellt werden. Diese haben drei wichtige Merkmale: die Substratneutralität, die grundlegende Einfachheit und garantierte Ergebnisse. Nach Darwin ist Evolution ein algorithmischer Prozess. Zur Entstehung neuer Arten kommt es durch „Abstammung mit Abwandlungen". Die natürliche Selektion ist ein geistloser, mechanischer, algorithmischer Prozess. Dieser Gedanke, dass man alle Früchte der Evolution als Produkte eines algorithmischen Prozesses erklären kann, ist „Darwins gefährliche Idee". Die Idee von der Evolution durch natürliche Selektion vereinigt mit einem Schlag das Gebiet von Leben, Sinn und Zweck mit den Bereichen von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, Mechanismus und physikalischem Gesetz.

Mit diesen Kernsätzen kann die zentrale Aussage des vorliegenden neuen Werkes des bekannten amerikanischen Philosophen und Wissenschaftstheoretikers gekennzeichnet werden. Sein Buch weist drei Hauptteile auf, in denen er sich mit der Genese der neuen und gefährlichen Idee Ch. Darwins beschäftigt, das Darwinistische Denken in der Biologie untersucht und nach der Evolution von Bedeutungen, Geist, Sinn, Mathematik und Moral fragt. Schwer nachzuvollziehen ist die Aussage, dass „unser Geist Darwins Beute" wird und dadurch verschiedene Geschöpfe entstehen, die Dennett wie folgt etikettiert: Die „Skinnerschen Geschöpfe", die „Popperschen Geschöpfe", die „Gregorianischen Geschöpfe", die alle in Verbindung mit dem reichhaltigen geistigen Werkzeugkasten der Wissenschaft produziert werden. In Verbindung mit der Auseinandersetzung zwischen Soziobiologie und Evolutionstheorie beschäftigt sich Dennett mit der Frage: Hat auch die Ethik eine Evolution durchgemacht und gilt hier die natürliche Selektion? In den Antworten wird nicht klar zwischen wissenschaftlicher Aussage und ideologischer Meinung unterschieden. Falsch ist beispielsweise der „gefräßige Reduktionismus von Tatsachen zu Werten". Wenn wir ethische Entscheidungsprozesse aus der Sicht von Darwins gefährlicher Idee betrachten, so gibt es kaum eine Hoffnung, jemals eine Formel oder einen Algorithmus für richtiges Handeln zu finden.

Abschließend weist der Autor noch nachdrücklich darauf hin, dass der wirklich gefährliche Aspekt an Darwins Idee ihre Verführungskraft ist. Es gibt unterschiedliche Versionen der grundlegenden Darwinschen Gedanken und deshalb ist Wachsamkeit erforderlich. D. C. Dennett meint: „Es gibt nur einen Weg, um Fehler zu vermeiden: Wir müssen aus den Fehlern lernen, die wir bereits begangen haben".


Rezensionen der NZZ und Spektrum der Wissenschaft





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