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17.03.10: Video-Blog eingerichtet | 09.02.: Vom Hirn zum Geist  

23.02.: "Nichts anderes als ..."

Reduktionismus im Jahr der Geisteswissenschaften

"Mit der Rücknahme überzogener Ansprüche der Neurowissenschaften scheint die Wertschätzung der Geisteswissenschaften wieder zu steigen" – so leitete ich am 9.2. den Wochenrückblick auf ausgesuchte Presseartikel ein. Der Rückblick in dieser Woche scheint das Gegenteil aufzuweisen. Es gibt sie nämlich durchaus noch: die überzogenen Ansprüche mancher Naturwissenschaftler. Aber sie bleiben nicht unwidersprochen.

(1) Ferdinand Knauss, Das maßlose Weltreich der Biologie, Handelsblatt vom 22.02.2007, S. 9
(2) "Gott wirkt in der Welt" - Professor Ruben Zimmermann über Religion, Wissenschaft und Bibel-Metaphern, Neue Westfälische vom 22.02.2007
(3) "Den Allmächtigen gibt es nicht" - Professor Klaus Hofer über moderne Physik, Religion - und was nach dem Tod kommt, Neue Westfälische vom 20.02.2007
(4) Peter C. Aichelburg, Ein Kreuzworträtsel ohne Anleitung, Die Presse vom 17.02.2007
(5) "Ich bin gar nicht religiös" - Der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer glaubt, dass Spiritualität in unseren Genen liegt, NZZ am Sonntag vom 11.02.2007, S. 75




Prof. Klaus Hofer, Elektro- und Informationstechniker der FH Bielefeld, unternimmt den nicht gerade neuen Versuch, mit naturwissenschaftlichen Mitteln Gott zu widerlegen (3). Der biblische Gott entspreche naivem Kinderglauben. Überhaupt führe Glaube nicht zur Wahrheit; diese gewinne man "nur über den Verstand", und da sei die Wissenschaft schon sehr weit. Zu solchen Wahrheiten gehören dann die vermeintlichen Kränkungen der Menschheit, die diese aus dem Mittelpunkt des Universums rücken, das Weltgeschehen vom Zufall bestimmt sein lassen, den genetischen Unterschied zur Tierwelt auf schlappe 1% reduzieren und die Hirne als bloße Rechner entlarven. Die Frage nach der Entstehung des Bewusstseins findet eine klare Antwort: "Alles entsteht aus der Materie." So finde auch die Entstehung des Universums in der String-Theorie ihre ganz natürliche Erklärung. Die Schöpfung sei nichts anderes als "die Summe aller Strings". Auf die Frage, wer denn die Strings programmiert habe, muss Hofer jedoch passen: "Diese Frage kann ich auch nicht beantworten." Um aber nur ja keinem anthropischen Prinzip theologische Chancen einzuräumen, fügt er rasch hinzu: "Es ist aber so, dass es keinen Allmächtigen gibt". Dies jedoch ist nicht mehr als ein glattes (wenn nicht plattes) Bekenntnis, das auch durch die suggestive Kraft angefügter Bildvergleiche nicht plausibler wird. So sei Gott allenfalls als Autofabrikant zu verstehen, der zwar Autos baut, aber nicht in den Verkehr eingreift. Ist dieser von außen und am Anfang eingreifende Handwerker aber der biblische Gott?




Zu Recht kritisiert darauf der evangelische Theologe Ruben Zimmermann dieses "völlig überholte Gottesbild" (2). Gott wirke nicht auf der Ebene innerweltlicher Ursachen, und die Bibel sei keine naturwissenschaftlich-kausale Welterklärung. Und umgekehrt sei auch die Naturwissenschaft methodisch beschränkt: Bereits das Alltagserleben (Liebe, Leid etc.) sei reicher als das, was man experimentell nachweisen kann. Erst recht sprenge die Gottesfrage die Reichweite experimenteller Naturwissenschaft. Auch der Versuch, die Weltentstehung auf Physik zurückzuführen, wird ausgebremst. Die String-Theorie selbst weise auf die Grenzen der Naturwissenschaft hin, insofern sie experimentell nicht bewiesen werden könne.

Hier muss Hofer nicht nur theologische, sondern auch innerwissenschaftliche Kritik einstecken. Zwar ohne direkten Bezug auf Hofer, aber deshalb nicht weniger aussagekräftig, bestätigt der Physiker Peter C. Aichelburg (4) die Kritik Zimmermanns: Wegen mangelnder experimenteller Überprüfbarkeit sei die Stringtheorie unter massiven fachwissenschaftlichen Beschuss geraten. Gesichertes naturwissenschaftliches Wissen dürfe nicht mit Spekulationen über die Entstehung der Welt verwechselt werden. Wer religiösen Glauben durch Wissenschaftsgläubigkeit ersetzen wolle, müsse sich bewusst machen, "dass es mit den wissenschaftlichen Grundlagen für solche Aussagen schlecht bestellt ist". Anders als Hofer es glauben machen will, stellt Aichelburg klar, dass es bis heute keine Theorie gibt, die den Urknall erfasst.

So ist der Aussage Zimmermanns zuzustimmen, dass Hofer ein reduktionistisches Wahrheitsverständnis (nur der Verstand …) und einen materialistischen Ansatz vertritt (2).




Ein solcher Reduktionismus tarnt sich zuweilen als "Integration", als das Streben nach der "Einheit des Wissens", das Ferdinand Knauss als naturwissenschaftliche Anmaßung beschreibt (1). Die Integration verschiedener Sprachspiele hört sich auf den ersten Blick als hehres interdisziplinäres Erkenntnisziel an, erweist sich aber auf den zweiten Blick nicht selten als Unterwerfungsprogramm, wie dies die Einverleibung von Sozial- und Geisteswissenschaften durch die Soziobiologie eines Edward Wilson oder die territoriale Ausweitung der Naturwissenschaften bei Ernst Haeckel zeige. Ein solches Allerkenntnisversprechen – von Karl Jaspers als "Wissenschaftsaberglaube" entlarvt – erblickt Knauss auch in aktuelle Publikationen von Hirnforschern und Soziobiologen. Die Anmaßung bestehe in dem verwischenden Übergang von "es gibt"-Aussagen zu "alle sind"-Aussagen (z. B. "es gibt" neuronale Phänomene zu "alles sind" neuronale Phänomene). Dann werde aus Integration totalitäre Vereinnahmung. Darum gehe die Tendenz, den Geist wegzuerklären, immer einher mit dem Streben nach wissenschaftlicher Vereinheitlichung. "Es ist der Wahn, erkenntnistheoretisch alles unter einen Hut bringen zu können".

Hirnforscher und Soziobiologen begingen dabei den Kategorienfehler, Unräumliches und Unzeitliches wie den Geist in der Raumzeit zu suchen. Des Weiteren weist Knauss auf die Selbstbezüglichkeit von Aussagen über die Illusion des Geistes hin. Wenn der Geist eine Illusion des Hirns ist, warum dann nicht auch die Theorie der Hirnforscher? Der Mensch ist also unreduzierbar und bleibt ein biologisch-geistiges Doppelwesen.







Die Argumentation lässt sich zwanglos übertragen auf ein Interview mit dem Molekularbiologen Dean Hamer (5), bekannt geworden durch das Buch "Das Gottes-Gen". Hamer bekennt sich freimütig zum Materialismus und glaubt, dass sich alle geistigen Vorgänge auf Physik zurückführen lassen: "Gedanken sind nichts anderes als chemische Reaktionen im Hirn". Weiter oben wurde hinlänglich gegen diesen Allerklärungsanspruch argumentiert.
Interessant ist eine Differenzierung, die Hamer einführt, wenn er sich als spirituell, aber nicht religiös bezeichnet. Während Spiritualität durch Gene vererbt werde, werde Religion durch kulturelle Tradition übertragen. Indem Religion an die Spiritualität anknüpft, erhält sie die - in Hamers Bewertung destruktive - Machtfülle. Mit dem streitbaren Evolutionsbiologen Richard Dawkins kämpt Hamer deshalb gegen die Religionen. Nicht jedoch stimmt er mit Dawikins überein, wenn dieser die Nichtexistenz Gottes beweisen will. Das Gotteskonzept sei nicht wissenschaftlich: "Gott ist Glaubenssache - und entzieht sich einer wissenschaftlichen Beweisführung". In diesem Punkt wird er sogar theologische Zustimmung erfahren.

Text: Heinz-Hermann Peitz
Cartoons: Dietmar Schmid





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