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26.07.: Ernst Mayr und sein Jahrhundertwerk | 22.02.: Der Klon: Durchbruch oder Dammbruch?  

13.02.: Provokation Hirnforschung

Der Streit um die menschliche Freiheit - im Spiegel der Presse der letzten Wochen. Gelesen und aufbereitet von Vera Niedermaier.




Keiner kann anders, als er ist (F.A.Z. v. 08.01.2004, S. 33) Wolf Singer
Der Zorn des Gehirns - Was denkt denn da statt meiner? (F.A.Z. v. 19.01.2004, S. 27) Thomas Buchheim
Grübeln an den Grenzen des Ichs - Die neuen Erkenntnisse der Neurobiologie zwingen die Philosophen zur Inventur. Sie rütteln an den Grundfesten unseres Menschenbilds (Focus v. 09.02.04, S. 80) Christian Weber
Hirnforschung: Kartierung eines unbekannten Kontinents (Deutsches Ärzteblatt v. 05.01.2004, S. A-26) Heike E. Krüger-Brand
Neurodämmerung - Wer den Geist schützen will, sollte seine Moleküle kennen (F.A.Z. v. 23.01.04, S. 31) Christian Schwägerl
Mach dir ein Bild vom Hirn - Wie Denken aussieht (F.A.Z. v. 31.01.04, S. 31) Karl Clausberg und Cornelius Weiller



Geist oder Gehirn Wie frei ist der Mensch?

Siehe auch die Rezensionen zu:

Detlef B. Linke




Keiner kann anders, als er ist

Keiner kann anders, als er ist
(F.A.Z. v. 08.01.2004, S. 33)
Wolf Singer

Warum beurteilen wir die eine Art von Entscheidung als bedingt und die andere als frei, obgleich beide auf gleichermaßen deterministischen Prozessen beruhen?
Wolf Singer propagiert in seinem in der FAZ veröffentlichten Artikel „Keiner kann anders, als er ist“ eine neue Form des Naturalismus, der jegliches Denken und Handeln des Menschen auf das Zusammenspiel komplexer neuronaler Prozesse reduziert.
Kern seiner Argumentation bildet die These, dass Gehirne aufgrund evolutionärer Anpassung daraufhin ausgelegt sind, nach den jeweils optimalen Verhaltensoptionen zu suchen. In den verschiedenen Hirnarealen werden hierzu Erregungsmuster verglichen und in einer Art Wettbewerb das Erregungsmuster ermittelt, welches den verschiedenen Attraktoren am besten entspricht.
Ziel einer sich anschließenden Analyse neuronaler Vorgänge ist es, mit der verbreiteten Meinung der Annahme einer von neuronalen Prozessen unabhängigen Instanz, die den neuronalen Abläufen vorgängig ist, aufzuräumen.
Nach Singer ist unter Berücksichtigung neuronaler Prozesse und deren Funktionen die in der Praxis menschlichen Miteinanders gängige Unterscheidung zwischen unfreien, teilweise freien und gänzlich freien Entscheidungen problematisch, wenn nicht sogar obsolet.Was bedeuten nun Singers Ergebnisse in bezug auf ihre humane Relevanz? Keiner kann anders, als er ist. Seiner Ansicht nach führt die Berücksichtigung neuronaler Entscheidungsstrukturen zu neuen Beurteilungsmöglichkeiten von Fehlverhalten, „zu einer humaneren, weniger diskriminierenden Beurteilung von Mitmenschen [...], die das Pech hatten, mit einem Organ volljährig geworden zu sein, dessen funktionelle Architektur ihnen kein angepasstes Verhalten erlaubt“. Dies scheint jedoch auch für Singer kein Freibrief für Rückzugsmöglichkeiten auf unsere genetische Dispositionen zu sein. Die Gesellschaft dürfe nach Singer nicht davon ablassen, Verhalten zu bewerten, ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden. Auf der Argumentationsschiene hirnphysiologischer Erkenntnisse bestünde nach Singer jedoch die Möglichkeit einer vorurteilsfreieren Bewertung von normerfüllendem und normabweichendem Verhalten.




Der Zorn des Gehirns

Der Zorn des Gehirns - Was denkt denn da statt meiner?
(F.A.Z. v. 19.01.2004, S. 27)
Thomas Buchheim

Sind wir nur Funktionäre unseres neuronalen Erregungsmusters? In Auseinandersetzung mit Wolf Singer diskutiert Thomas Buchheim in diesem Artikel gängige Thesen der Hirnforschung. Singers Überschrift in der F.A.Z. vom 08.01.2004 „Keiner kann anders, als er ist“ modifiziert Buchheim dahin gehend, dass jedem Können ein irreales Moment anhaftet: Eine Tätigkeit ist noch nicht ausgeführt, man könnte sie tun oder auch nicht. In der Frage nach dem Zustandekommen menschlicher Entscheidungen, schließt er sich Singer an, der hierfür „unterschiedliche Variablen“ sowie deren spezifisches Zusammenspiel verantwortlich zeichnet, die schlussendlich das Ergebnis „determinieren“.
Strittige Punkte tauchen in dem Moment auf, wo die Frage nach dem aufgrund wovon und dem wer oder was gestellt wird, der oder das zu Entscheidungen führt. Für Singer ist dies ganz eindeutig das Gehirn: Es entscheidet, setzt Prioritäten und belegt verschiedene Faktoren mit Aufmerksamkeit und andere dafür nicht. Dagegen Buchheim: „Dadurch, dass ich mit dem Gehirn denke, denkt doch noch nicht das Gehirn statt meiner“ (Herv. VN). Buchheim betont mit Singer, dass unsere Tätigkeiten durch irgendwelche Faktoren festgelegt werden müssen, ansonsten wären sie Zufallsprodukte und keine personalen Entscheidungen. Korrektur übt er jedoch an der Fortsetzung des Gedankengangs Singers, indem er erstens an der Unterscheidung zwischen unbewussten und bewussten Motiven festhält, zweitens die Position Singers, dass immer die „Nervennetze“ entscheiden, ablehnt, und drittens anmerkt, dass „nicht jede Festlegung einer sich aus den Motiven ergebenden Tätigkeit des Organismus überhaupt eine »Entscheidung«“ sei. Buchheim betont in Abgrenzung zu Singer, dass „eine Entscheidung [...] nicht deshalb frei genannt [werden kann, VN], weil sie nicht durch gewisse Faktoren so und nicht anders zustande kam, sondern weil die Art der beteiligten Faktoren von besonderer (nämlich genuin intellektueller) Qualität ist.“




Grübeln an den Grenzen des Ichs

Grübeln an den Grenzen des Ichs - Die neuen Erkenntnisse der Neurobiologie zwingen die Philosophen zur Inventur. Sie rütteln an den Grundfesten unseres Menschenbilds
(Focus v. 09.02.04, S. 80)
Christian Weber

Gibt es einen freien Willen, was ist Bewusstsein, wer bin ich? Christian Weber rekurriert in seinem Beitrag auf das Experiment des Neurophysiologen Benjamin Libet, der Versuchspersonen gebeten hatte, einen Finger zu einem zufälligen Zeitpunkt zu krümmen, währenddessen er mit Elektroden die Hirnströme der Probanden beobachtete. Interessanterweise hatten die motorischen Areale des Gehirns die Aktion bereits eine halbe Sekunde, bevor die Probanden sich zu ihr entschlossen hatten, eingeleitet. Neurobiologen und Hirnforscher wie Wolf Singer folgern aus jenem und anderen Experimenten, dass die Idee eines freiheitlichen Willens bare Illusion sei – immer ausgehend von der Annahme, dass alles Hirngeschehen auf neuronalen Prozessen basiere.
Weber verweist in seinem Artikel auf Henrik Walter, Philosoph, Psychiater und Neurobiologe, Leitender Oberarzt der Psychiatrischen Uniklinik Ulm, welcher mit anderen die Annahme verabschiedet, „ein Mensch könne allein mit der Kraft seiner Vernunft bei identischen Umständen unterschiedliche Entscheidungen frei fällen“. Dem Menschen bleibe jedoch eine „natürliche Autonomie“, welche verantwortetes Handeln ermögliche, wenngleich die Fähigkeit Freiheit zu aktualisieren, von Fall zu Fall divergiere. Dementsprechend führen nach Weber die Erkenntnisse der Neurobiologie zu einer sachlicheren Einstellung gegenüber dem Menschen gemäß der Maxime „Das absolut Böse oder absolut Gute gibt es nicht mehr.“
Noch einen Schritt weiter geht der Lehrstuhlinhaber für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz, Thomas Metzinger, dessen jüngst in USA veröffentlichtes Hauptwerk „Being No One“ das Ich konsequent verabschiedet, indem er behauptet, wir seien niemand. Ausgehend von Menschen mit Phantomschmerzen, Schizophrenie- oder Neglect-Patienten, die eine Seite ihres Körpers als nicht mehr zu ihrem Selbst zugehörig betrachten, fragt Metzinger nach den philosophischen Implikationen dieser Krankheiten und leitet aus oben angeführten Störungen Beweise für die „Konstruiertheit unseres Ich-Modells“ ab.Das Ich – nicht mehr als eine Illusion? Bereits dies geht Metzinger zu weit, gemäß seiner Ausgangsthese, dass wir niemand seien, und nur ein Jemand eine Illusion haben könne. Die Verabschiedung der Seele erscheint im neuen Reigen der Neurowissenschaften nur als metaphysische Konsequenz.




Kartierung eines unbekannten Kontinents

Hirnforschung: Kartierung eines unbekannten Kontinents
(Deutsches Ärzteblatt v. 05.01.2004, S. A-26)
Heike E. Krüger-Brand

Dieser Artikel umreißt in einigen Schlaglichtern die momentanen und in Zukunft anvisierten Möglichkeiten der modernen interdisziplinären Hirnforschung, welche auf dem Jahreskongress des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen zum Thema “Neuro-Visionen: Hirnforschung im 21. Jahrhundert“ ausgelotet wurden.
Die Hirnforschung als Thema wird auch für die Öffentlichkeit immer wichtiger: Alzheimer oder Hirnerkrankungen wie Morbus Parkinson, die endogene Depression oder Schizophrenie sind tagtägliche Erscheinungen einer immer älter werdenden Gesellschaft, die das Gesundheitssystem enorm belasten. Große Erwartungen an Forschungsprojekte hinsichtlich neuer Behandlungsmöglichkeiten koppeln sich mit der Angst vor einer falschen Anwendung der Ergebnisse.
Der Artikel beschreibt die Möglichkeiten, mittels bildgebender Verfahren wie MRT, Mikroskopie und molekularem Imaging, Modelle des Gehirns zu erzeugen und auf diese Weise die Erforschung der Grundlagen des Bewusstseins voranzutreiben.
Gefordert sei nach Meinung der Autorin auch hier ein interdisziplinäres Gespräch, welches unterschiedliche Methodik, Sprachspiele und Prämissen der einzelnen Disziplinen achtet und die neuen Ergebnisse der Hirnforschung für die Anthropologie fruchtbar werden lässt.




Neurodämmerung

Neurodämmerung - Wer den Geist schützen will, sollte seine Moleküle kennen (F.A.Z. v. 23.01.04, S. 31)
Christian Schwägerl

Warum das Gehirn? Vor welche Herausforderungen stellt die Hirnforschung das Selbstverständnis des Menschen, seinen Freiheits- und Rechtsbegriff?
Einen Beitrag zu einer angemessenen Form von Streitkultur im Dialog von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften bezüglich der momentan heiß diskutierten neurobiologischen Fragestellungen liefert Schwägerl in seinem Artikel „Neurodämmerung“ in der F.A.Z. Er ermutigt beide Seiten zu einem konstruktiven Dialog, fordert Neurobiologie und Philosophie auf, die „Schützengräben“ zu verlassen, denn beide, so Schwägerl, erkunden die eine einzige Welt. Grundlegend hierfür sind jedoch Kompetenzen in der je anderen Disziplin, um den Gefahren der „methodischen Selbstüberschätzung“ oder dem „neurotechnologischen Missbrauch des Wissens“ zu entgehen.
Er lässt die positiven Möglichkeiten und Potenziale der Neurobiologie, wie die Erkundung des Menschseins in seinen neuronalen Strukturen, die Aufklärung neuer Heilungsmöglichkeiten z. B. bei Epilepsie, Blindheit oder Parkinsonkranken, als auch die problematischen Ansätze, vor allem technologischer Art, wie Gehirnscanner im Anti-Terror-Kampf oder Konsumlockstoffe im Kaufhaus zu Wort kommen und plädiert für ein vorurteilsfreies Hinschauen und Beurteilen.
Schwägerl sieht in den Neurowissenschaften eine neue, ernstzunehmende Beschreibungsebene und plädiert dafür, diese Forschungen als Chance zu begreifen, sich zu nutzen zu machen, um relevante Erkenntnisse für neue philosophische Fragestellungen zu gewinnen.




Mach dir ein Bild vom Hirn

Mach dir ein Bild vom Hirn - Wie Denken aussieht
(F.A.Z. v. 31.01.04, S. 31)
Karl Clausberg und Cornelius Weiller

Bei der Frage nach den Konsequenzen der Hirnforschung spielen die so genannten bildgebenden Verfahren eine Schlüsselrolle. Dass die Metaphorik dieser Verfahren mit Vorsicht zu deuten ist, zeigt dieser Beitrag von Clausberg (Kunst- und Bildwissenschaftler an der Universität Lüneburg) und Weiller (Direktor der Neurologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf).
Anhand der Methode der „Funktionellen Hirnbildgebung“, mit deren Hilfe es erstmals gelang, Hirnstoffwechselprozesse lebender Menschen direkt darzustellen und den Versuchen, mit diesen neuen Bildgebungsversuchen nach anatomischen Korrelaten mentaler Konstrukte (Bsp. Bewusstsein) zu suchen, verdeutlichen die Autoren, dass „der Aufstieg zu interpretatorischen Metaebenen oder gar zu metaphorischen Deutungen [...] mit neurobiologischen Befunden nicht begründet [ist; VN]“. Auch sei eine „eventuelle Determinierung auch mit neuesten neurowissenschaftlichen Techniken derzeit nicht annähernd begründbar“. Gefordert sei an dieser Stelle eine kritische Bilderwissenschaft, die alle beteiligten Disziplinen mit einbezieht.





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