|
|
 |
 |
 |
 |
|
08.12.: Deep Fritz und die Ehre der Menschheit | 26.07.: Ernst Mayr und sein Jahrhundertwerk
|
12.05. Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften
|
 |
Wer sagt, was Leben ist? Die Provokation der Biowissenschaften und die Aufgabe der Kulturwissenschaften, (DIE ZEIT v. 30.11.2000, 41–42) Hartmut Böhme [zum Volltext]
|
 |
Es ist die Kultur, ihr Trottel! Um den Menschen zu verstehen, reichen die Naturwissenschaften längst nicht aus (DIE ZEIT v. 22.04.2004, 46) Greiner, Ulrich
|
 |
Selige Apathie. Welchen Nutzen haben Germanistik, Philosophie oder Kunstgeschichte? Die Geschichte einer falsch gestellten Frage (DIE ZEIT v. 22.04.2004, 47) Achatz von Müller
|
 |
Weltverstrickt. Das Verstehen verstehen. Über den Sinn der Geisteswissenschaften (DIE ZEIT v. 22.04.2004, 48) Martin Seel
|
 |
Den Germanisten, Historikern und Philosophen weht der Wind ins Gesicht. Vielen Instituten droht die Schließung – ihre Etats werden den Biowissenschaften zugeschlagen. Sind die Geisteswissenschaften an ihrer Misere selbst Schuld? (DIE ZEIT v. 22.04.2004, 45) Martin Spiewak
|
|
|
|
Vom Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften
|
„Die Geisteswissenschaften sind nutzlos. Und sie schämen sich dafür“, so die einleitend formulierte These Achatz von Müllers in seinem Feuilleton-Beitrag zum Schwerpunkt „Geisteswissenschaften“ in der ZEIT vom 22.04.2004. Da die Nutzlosigkeit der geisteswissenschaftlichen Disziplinen bis vor nicht allzu langer Zeit „als Schild wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit gegen die ‚unwissenschaftliche’ Zumutung“ gesellschaftlich relevant zu sein, gepriesen wurde – geradezu ihren Charme ausmachte – geht Müller in seinem Artikel der Frage nach, wie und warum sich dieser Wandel vollzog. Bereits im Mittelalter vollzog sich die Trennung in „Zwei Kulturen“, in Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik) und Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik), welche für die weitere wissenschaftsgeschichtliche und soziale Entwicklung weitreichende Folgen hatte. Die Propagierung eines außerordentlichen Nutzens der Geisteswissenschaften stand im Vordergrund, wurde den Geisteswissenschaften doch unterstellt, die Friedensfähigkeit einer Gesellschaft zu erhöhen, zur Lösung von bislang blutträchtigen Konflikten beizutragen. Ausgehend von Thomas von Aquin und dessen Betonung der Bedeutung des Triviums für das ‚bonum commune‘, dem Gemeinwohl einer Gesellschaft über Hume, Smith und Hegel bis hin zu Nietzsche und dessen radikaler Kritik, streift Müller wichtige Punkte in der Geschichte der Geisteswissenschaften und zeichnet so die Entwicklung ihrer Krise nach. Für Müller findet die Krise schlussendlich innerhalb der eigenen Disziplin statt und gipfelt in einem „neurotischen Mangel an Selbstbewusstsein“. Die Frage nach Sinn und Nutzen geisteswissenschaftlicher Disziplinen „erweist“ [sich für ihn] als sinnlos oder so sinnvoll wie die Frage nach dem Nutzen des Menschen“. Dies sei zugegebener Maßen ein grober Keil, aber das Ganze sei auch ein grober Klotz. Einen etwas anderen Zugang zum Thema wählt Martin Seel, indem er in seinem Artikel „Weltverstrickt. Das Verstehen verstehen“ über die Funktionsweisen geisteswissenschaftlichen Verstehens und den Sinn der Geisteswissenschaften reflektiert. „Verstehen ist etwas ganz Gewöhnliches“ jedoch, „wer überhaupt versteht, versteht damit auch, dass sich nicht alles Verstehen von selbst versteht“. Das Verstehen zu erforschen gehört zu einer der Grundaufgaben geisteswissenschaftlichen Forschens und zwar nicht nur für den Alltag, sondern auch in den Bereichen, die unseren Alltag übersteigen. Seel zu Folge ist ihr Anliegen „eine Bereicherung des orientierenden Verstehens durch die Erkundung der Wirklichkeiten und Möglichkeiten menschlichen Verstehens“. Er wehrt sich gegen eine Verkürzung der Geisteswissenschaften auf die reine Textwissenschaft, denn seiner Meinung nach sind Textwissenschaften immer auch Handlungswissenschaften. Indem Historiker, Philosophen, Theologen, Soziologen u.a. interpretativ arbeiten, machen sie sich die Welt als Forschungsgegenstand zu eigen, nehmen nach Seel eine „Perspektive des verstehenden Involviertseins“ ein und leisten damit innerhalb des Kanons der Wissenschaften ihren spezifischen Beitrag, indem sie „über vergangene, gegenwärtige und künftige Bedingungen der Teilnahme an der menschlichen Welt“ aufklären.
Auf die Suche nach Gründen und Schuldigen, die die Krise der Geisteswissenschaften zu verantworten haben, begibt sich Martin Spiewak in seinem einleitenden Artikel zum ZEIT-Schwerpunkt „Geisteswissenschaften“. Langläufig könne man hören, dass einzig und allein das Geld fehle, die Finanzen seien in einer Krise, denn an Studentenzahlen oder Dissertationsprojekten und Privatdozenten mangele es ja nicht. Spiewak zu Folge denken viele Professoren so und graben sich dadurch ihr eigenes Grab: aufgrund komplexer gesellschaftlicher Veränderungen sähen sich heute alle Disziplinen mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen ihres Existierens konfrontiert und das alleinige Hoffen auf erneuten Geldsegen würde an der Krise nichts ändern. Wo liegen dann die Gründe? Nach Spiewak sind die Geisteswissenschaften nicht gerüstet, sie verhalten sich defensiv bis abwehrend, oftmals fehle es an einer genauen Problemanalyse, erkannte Probleme wie z. B. die hohen Abbrecherquoten in Fächern wie Philosophie oder Soziologie würden nicht angegangen. An diesem Missstand trage jedoch auch die Bildungspolitik eine große Mitschuld, bürde sie doch den „billigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern die Hauptlast der Bildungsexpansion auf.“ Ein weiteres Problem sieht Spiewak in dem nicht funktionierenden Austausch zwischen Uni und Gesellschaft; kaum ein Historiker schreibe populäre Bücher für ein breiteres Publikum oder stoße gesellschaftlich bedeutsame Debatten an. Es mangelt nach Spiewak an der Bearbeitung aktueller Themen, auch fehle es an Bewertungskriterien für die Geisteswissenschaften, hingegen werde gegen die „Diktatur der Drittmittel“ polemisiert. Auf der Suche nach den Schuldigen für die Misere verharren seiner Ansicht nach die Universitäten und Fakultäten in einem „Attentismus“ anstatt sich an die Spitze weitreichender Reformbestrebungen zu setzen.
|
Wer sagt, was Leben ist?
|
Der Frage nach der Instanz, die mit Fug und Recht die Frage nach dem, was Leben ist, beantworten kann, geht Hartmut Böhme in seinem Artikel nach. Aufgrund der gewaltigen Erkenntnisfortschritte auf dem Boden der Naturwissenschaften und dem Rückzug der Kulturwissenschaften aus dem öffentlichen Bewusstsein, ist für Böhme nur ein „interdisziplinärer Brückenschlag“ zwischen den Disziplinen der Schlüssel zur Rettung der Humanwissenschaften. Ein Blick in die Historie entlarve nach Böhme die Lebenswissenschaften als ein „monopolistisches Erklärungsmodell“, welches, wie andere zuvor, als „Nachfolger entgrenzender Generalisierungen und euphorischer Heilsversprechen“ fungiere. Dennoch, der offensiv vertretene Anspruch der Biowissenschaften, sog. Lebenswissenschaften zu sein, fordere wissenschaftliche, kulturelle und politische Antworten heraus. Böhme verficht, ausgehend von einer etymologischen Analyse des griechischen bios, einen der griechischen Tradition angehörenden Wissenschaftsbegriff, der einen weit gefassten, ‚ganzheitlichen‘ nicht reduktionistisch veranlagten Lebensbegriff voraussetzt. Für ihn sind die Aufgaben einer Kulturwissenschaft eindeutig: Sie müssen „die kulturelle Vielfalt der Menschheit, die Dimension der Geschichte, die Vermögen der Kommunikation und Verständigung sowie den Horizont des Lebens im Erdkreis nicht etwa nur bewahren, sondern als Bedingung des wissenschaftlichen Fortschritts auch in einer hochtechnischen Gesellschaft stark machen“.
Auch Ulrich Greiner verficht in seinem Beitrag „Es ist die Kultur, ihr Trottel!“ die These, dass es, um dem „Rätselwesen“ Mensch auf die Spur zu kommen, der Geisteswissenschaften bedarf. Vorherrschendes Nützlichkeitsdenken, der andauernde Anerkennungskampf zwischen Anwendungs- und Reflexionswissenschaften, der schwindende traditionelle bildungsbürgerliche Respekt vor den Überlieferungen des Geistes und der Kultur, der Verlust der ‚lingua franca‘ sowie der eklatante Mangel an Selbstbewusstsein unter Vertretern geisteswissenschaftlicher Disziplinen führt er als Gründe für die Misere an. Seiner Ansicht nach könnten die geisteswissenschaftlichen Disziplinen, da sie nichts mehr zu verlieren haben, nur gewinnen, wozu sie sich jedoch wieder ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Vergangenen, widmen müssten.
|
Druckbare Version
|
|