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08.03.10: Neuer Angriff auf den Darwinismus III
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Nein, diesmal sind es nicht die Kreationisten, die gegen Darwin ins Feld ziehen. Der Angriff gegen die glühend verfochtene Vormachtstellung der "Selektion" als Hauptfaktor der Evolution wird von zwei atheistischen Autoren geführt. Ein Strohfeuer oder eine Wende in dem Disput um die Evolutionstheorie?
Die Kognitionswissenschaftler Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini haben ihr darwinismuskritisches Buch "What Darwin Got Wrong" auf Internetseiten des New Scientist zusammen gefasst und bereits eine anfanghafte Diskussion ausgelöst. Inzwischen dürfte das Buch bei Gegnern wie Befürwortern angekommen sein und eine spannende inhaltliche Debatte auslösen. Auf dieser Seite möchte ich die Entwicklung der Diskussion sukzessive in Schlaglichtern einfangen.
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Haupteinwand gegen den Neodarwinismus
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Nach Fodors und Piattelli-Palmarinis Meinung ist die meiste neodarwinistische Literatur "erschreckend unkritisch", und ein wissenschaftlich üblicher methodologischer Skeptizismus fehle erstaunlicherweise. Der Haupteinwand der Autoren gegen den derzeitigen Neodarwinismus bezieht sich auf die Dominanz der "natürlichen Selektion" und damit der äußeren Faktoren. Für Darwin bestehe der einzige Beitrag der Organismen zur Änderung der Phänotypen der Folgegeneration in der zufälligen Variation des Erbguts. Alle nichtzufälligen Variablen kommen aus der Umwelt. Die Autoren setzen Darwin in Analogie zu Skinner, dessen Behaviourismus ebenfalls auf innere (hier: innerpsychische) Faktoren zur Erklärung verzichtete. So wie Skinners Theorie heute als unzureichend erkannt wurde, so bedürfe auch die natürliche Auslese notwendig der Ergänzung durch interne Faktoren. Als Beispiel führen die Autoren phänotypische Merkmale an, die endogen gekoppelt sind: Hat ein Organismus Merkmal 1, dann hat er auch Merkmal 2. Wenn nun 1 einen positiven Selektionswert besitzt, 2 dagegen nicht, so wird 1 durch die natürliche Selektion begünstigt, 2 als Trittbrettfahrer mitgenommen. Ein solches Trittbrettfahren ist allerdings nicht die Ausnahme, sondern allgegenwärtig. "Trittbrettfahren zeigt, dass die generelle Behauptung, phänotypische Merkmale würden aufgrund ihres Einflusses auf die Fitness selektiert, nicht wahr ist".
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Einwand nichts Neues?
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Hebelt das Trittbrettfahrer-Argument tatsächlich die Selektionstheorie aus? In einem Interview vom 22.02.10 führt Fodor ein Züchtungsexperiment an, das Füchse durch Auswahl domestizieren konnte. Dabei veränderten sich unerwarteter Weise eine Reihe anderer Merkmale, die offenbar intern korreliert waren. Dumm für Fodors Argumentation ist nur, dass sich dasselbe Beispiel bei Richard Dawkins in dessen "Greatest Show on Earth" zwanglos in die Selektionstheorie integrieren lässt. Vergleichen Sie die (frei von mir übersetzte) Argumentation selbst:
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Es gibt da ein berühmtes Fuchs-zu-Hund-Experiment, in dem viele Generationen von Füchsen auf Domestizierbarkeit hin selektiert wurden. Wie zu erwarten, wenn man auf Domestizierbarkeit hin selektiert, bekam man Tiere, die sich zunehmend anders als ihre wilden Gegenstücke verhielten - aber man erhielt auch wellige Ohren, gebogene Schwänze und ein verändertes Fortpflanzungssystem. Keiner hatte das erwartet, aber die Struktur des Organismus gruppiert all diese Merkmale zusammen. Warum haben diese Tiere gebogene Schwänze? Sie sind nun einmal zufällig strukturell korreliert. Die Frage ist nun, wie viel der evolutionären Variation von Faktoren der Umwelt determiniert wird und wie viel durch die Organisation des Organismus kontrolliert wird. Die Antwort: Keiner weiß es. |
Schauen wir uns ein faszinierendes, modernes Experiment an, die Domestizierung des russischen Silberfuches zum Zwecke des Pelzhandels. Es lehrt uns über Darwins Wissen hinaus etwas über die "Nebeneffekte" selektiver Züchtung. ... Nach 30 bis 35 Generationen zähmender Züchtung gehörten zwischen 70 und 80 Prozent zur "domestizierten Elite". Solche Ergebnisse sind gewiss nicht allzu überraschend, außer im Blick auf das erstaunliche Ausmaß und die Geschwindigkeit des Effekts. Viel interessanter hingegen waren die unerwarteten Nebeneffekte der selektiven Zucht auf Zahmheit. Diese waren wahrhaft faszinierend und wirklich unerwartet. Der Hundefreund Darwin wäre entzückt gewesen. Die gezähmten Füchse benahmen sich nicht nur wie domestizierte Hunde, sie sahen auch wie sie aus. ... Diese hundeähnlichen Merkmale waren Nebeneffekte. Belyaev und sein Team züchteten nicht absichtlich daraufhin, sondern nur auf Zahmheit. Diese anderen hundeartigen Charakteristiken hingen anscheinend am evolutiven Schlepptau der Gene für Zahmheit. Für Genetiker ist dies nicht überraschend. Sie kennen das verbreitete Phänomen der "Pleiotropie", bei der Gene mehrere scheinbar unverbundene Effekte haben. Die Betonung liegt auf "scheinbar". ... Sobald wir mehr Details kennen, verwandelt sich das "scheinbar unverbunden" in ein "verbunden durch eine Route, die wir nun kennen, zuvor aber nicht". Vermutlich sind Gene für Schlappohren und scheckiges Fell pleiotropisch verbunden mit Genen für Zahmheit - bei Füchsen und Hunden gleichermaßen. Dies illustriert ganz allgemein einen zentralen Punkt der Evolultion. Wenn man nach dem darwinischen Überlebensvorteil eines charakteristischen tierischen Merkmals fragt, hat man möglicherweise die falsche Frage gestellt. ... Es kann von einigen anderen Merkmalen mitgeschleppt worden sein, mit denen es pleiotropisch verbunden ist. |
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Gegen den Imperialismus der Selektionstheorie
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In letzter Konsequenz wollen die Autoren auch den "schleichenden imperialistischen Tendenzen" der Selektionstheorie entgegensteuern. Denn längst habe sich der selektionstheoretische Erklärungsansatz von der Evolutionstheorie "auf eine Menge anderer traditioneller Disziplinen ausgeweitet: Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Soziologie, ja sogar auf Ästhetik und Theologie". Wenn also "die natürliche Selektion aus der Biologie verschwindet, wird sie es wahrscheinlich auch bei den Ausläufern tun".
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Wasser auf die Mühlen der Kreationisten
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Fodors und Piatelli-Palmarinis Darwinismuskritik gießt freilich Wasser auf die Mühlen des Intelligent Desing. Spät seien die Autoren zur "Darwin-Zweifler-Party" dazugestoßen, dennoch aber willkommene Teilnehmer, heißt es beim Discovery Institute (DI). Noch willkommener sind die Partygäste, weil sie "durch und durch materialistische Wissenschaftler" sind. Das kommt den frommen Intelligent Designern insofern wie gerufen, als die "typischen Materialisten" eigentlich zu den "glühendsten Verfechtern" der natürlichen Selektion gehören. Das könne sich nun mit diesem Buch Fodors ändern, hofft das DI. David Berlinski, Fellow am Discovery Institute, findet es ermutigend, dass Fodor und co den Schneid zur Darwinismuskritik haben, auch wenn diese etwas spät komme. Kein Argument indes sei neu, andere hätten sie bereits vorgebracht - nicht zuletzt er selbst, der auch die Analogie Darwin - Skinner seit mehr als 15 Jahren angemahnt habe. Bestürzend findet Berlinski die Reaktion auf Fodor und Piatelli-Palmarini. Die Kommentare unter deren Artikel demonstrierten "mit unfehlbarem Eifer die charakteristische Gesinnung der darwinischen Community gegenüber Kritik", sprich: deren Immunisierungsstrategien.
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Erste Reaktion der Darwinisten
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Wenn Kritik am Neodarwinismus laut wird, findet man ganz sicher bei P. Z. Myers, Biologieprofessor und vehementer Kritiker von ID, Kreationismus und co, die gepfefferte Gegenkritik. Klar, dass ihm Buch und Artikel von Fodor u.a. nicht entgangen sind. Deren Versuch, die natürliche Selektion als totgeweiht hinzustellen, sei eine "haarsträubende Behauptung". Dies noch mit evolutionärer Entwicklungsbiologie (Evo-Devo, Myers eigenes Arbeitsgebiet) untermauern zu wollen, bringt Myers Geduldsfass zum überlaufen. Er hat "die Schnauze voll" (noch milde übersetzt) von Leuten, die "Evo-Devo als Ersatz statt Ergänzung zur modernen Evolutionstheorie missbrauchen". Dem Ärger ist erst einmal Luft gemacht, aber auch die inhaltliche Richtung angedeutet, die Myers demnächst breiter entfalten will. Die Fodor-kritischen Kommentare unterhalb des New-Scientist-Artikels beurteilt Jerry Coyne etwas anders als Berlinski: "Dies ist erst der Beginn der Tracht Prügel, die Fodor und Piatelli-Palmarini erwarten sollten, wenn ihr Buch von Wissenschaftlern und Philosophen beurteilt wird"
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Die wahren Ursachen der Darwinismuskritik?
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Nachdem sich die ersten emotionalen Rauchwolken verzogen haben, beginnt eine sachliche(re) Diskussion. Etwas ausführlicher als am 14. Februar ("ein äußerst ärgerliches Buch"; siehe Presselinks) bespricht der bekannte Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse am 07. März die Darwinismuskritik von Fodor und Piattelli-Palmarini. Diese seien leider kein Einzelfall, es gebe ein "zunehmend lautstarkes Kader bedeutender Philosophen, die Zweifel an Darwin hegen". Exemplarisch greift Ruse drei dieser Vertreter heraus. Bei Alvin Plantinga (Christ und Intelligent Design Enthusiast) versteht Ruse dessen Opposition. Schließlich sie die evolutionsbiologische Szene äußerst säkular und neoatheistisch geprägt. Aber auch der bekannte Thomas Nagel schließt sich der Opposition an, ohne an eine Gottheit zu glauben. Ausführlich geht Ruse schließlich auf Jerry Fodor ein, der als Atheist die Erklärungskraft der natürlichen Selektion kritisiert. Laut Fodor führe die Metapher der natürlichen Selektion - im Vergleich zur künstlichen - in die Irre: Während bei der künstlichen Selektion geistbegabte Züchter ein Zuchtziel vorgeben, operiere die natürliche Selektion geistlos. Dieser Unterschied strapaziere die Analogie bis zum Bersten. Bei allen drei Kritikern bedauert Ruse die wissenschaftliche Ignoranz: "Fodor, Nagel und Plantiga müssen sich nicht in Biochemiker verwandeln, aber eine gewisse Kenntnisnahme der Sachverhalte und ihrer Fortschritte wäre nicht gänzlich unangebracht". Diese "totale wissenschaftliche Interesselosigkeit" hält Ruse für viel sagend. Die Kritiker würden offenbar von anderen, tiefer liegenden Sorgen umgetrieben. Der Blick in die Vergangenheit zeige die Initialzündung ihrer Opposition: Die Bedeutung unserer Art, die Bedeutung von Homo sapiens. Was macht uns unverwechselbar und unüberbietbar zu Menschen? Diese Sorge der Relativierung des Menschen ist seit 150 Jahren in der philosophischen community lebendig. Bei allen drei Kritikern kann Ruse diese Wurzel der Kritik ausmachen, und für Fodor hält er fest: "Wenn es um Homo sapiens geht, will er von einer naturalistischen Erklärung, die design auf das Wirken blinder Gesetze reduziert, nichts wissen." Für Foder werde es "wohl keinen Gott geben, aber sicher sind wir als sein Abbild gemacht".
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Presselinks
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 | 2010/07/08: It Got Eaton - Review of Fodor et al. "What Darwin got wrong" | | Philosoph und Darwin-Kenner Godfrey-Smith hinterfragt den Kern der jüngsten Darwinkritik von Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini. Diese hatten bestritten, dass der äußere Faktor der natürlichen Selektion stark überbewertet werde und keine hinreichende Erklärung darstelle. Vielmehr müsse bei der Selektion ein intentionaler Rest, so etwas wie ein geistiger "Agent" unterstellt werden, damit die Selektion die überlebensträchtigen Merkmale aussuchen könne. Godfrey-Smith räumt zwar ein, dass manche Formulierung (z. B. "Auslese") diesen Schluss nahelegt, man aber jederzeit zu einer präziseren Terminologie wechseln könne, falls sich intentionale Konnotationen einschleichen wollen. Auch der Umweg über das philosphisch notwendige Werkzeug der "kontrafaktischen Implikation", das der Lokalisierung wahrer Ursachen dient und Intentionalität voraussetze, greife nicht, weil es zum Funktionieren der Selektion durchaus nicht notwendig ist. Es lebe die natürliche Selektion! hhp
|  | 2010/03/22: Epigenetics, a confused muddle in the media - Sciblogs | | Der Bioinformatiker Grant Jacobs pflegt seit mehr als 6 Jahren "Epigenetik" als Schwerpunkt und kann so glaubwürdig die im Guardian veröffentlichte Darwinismuskiritk von O. Burkeman (s.u.) entkräften. Burkemans Hauptfehler sei es, ohne hinreichende Sachkenntnis die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen statt die Sichtweisen einschlägiger Experten wiederzugeben. Dabei suggeriere er, die neuen epigenetischen Erkenntnisse seien vor der Allgemeinheit verborgen worden. Jacobs stellt dagegen, dass die Epigenetik DAS Trendthema der letzen 5-6 Jahre ist, auch wenn es aufgrund der Vorläufigkeit noch nicht in Lehrbüchern Eingang gefunden hat. Jacobs stellt den Unterschied zwischen den Genen selbst und ihrer Regulation durch Epigenetik in den Vordergrund und weist damit Burkemans Formulierung, die Umwelt spiele eine Rolle in der SCHAFFUNG von Merkmalen, zurück. Nach Jacobs schaffen epigenetische Effekte keine neuen Eigenschaften, sondern sie verändern nur den Gebrauch bestehender Gene. hhp
|  | 2010/03/19: Worst science journalism of the year: Darwin completely wrong (again) - Blog: Why evolution is true! | | Wer sich traut, als Nicht-Biologe die Evolutionstheorie zu hinterfragen, fängt sich leicht Prügel ein. So dauerte es nur ein paar Stunden, bis der Guardian-Artikel von Burkeman (s.u.) als "schlechtester Wissenschaftsjournalismus des Jahres" etikettiert wurde. Der Blogger, Jerry A. Coyne, kennt als Professor für Umwelt und Evolution freilich die epigenetische Kritik. Aber "diese dünnen Befunde sollen anscheinend die moderne Evolutionstheorie als falsch erweisen". Dagegen wendet Coyne ein, dass "in nahezu all diesen Beispielen die Veränderungen in ein oder zwei Generationen verschwunden sind und so den evolutionären Wandel nicht dauerhaft beeinträchtigen können". Gegen die Warnung (Burkemans und Fodors), die Selektionstheorie eben doch nicht als so einfach hinzustellen, schärft Coyne ein: "Sie IST einfach - das ist eine ihrer Schönheit". hhp
|  | 2010/03/19: Why everything you've been told about evolution is wrong - The Guardian | | Die Angriffe auf die Selektionstheorie scheinen zuzunehmen. Oliver Burkeman führt einige selektionskritische Befunde an. Vor allem die Durchbrüche im jungen Feld der Epigenetik ließen die vermeintliche Einfachheit der beiden elementaren Säulen der Selektionstheorie, zufällige Mutation und filternde Selektion, fragwürdig erscheinen lassen. Wenn erworbenes Verhalten und Umwelt genetischen Einfluss auf die Nachkommen hat (durch An- und Abschalten von Genen), sei sogar Lamarck ein Stück weit rehabilitiert. So sieht sich der Autor in einem Boot mit Fodors Darwinkritik, die er zwar nicht ganz nachvollziehen kann, die er aber versteht als "wichtige Warnung an alle von uns, die die natürliche Selektion zu verstehen glauben". hhp
|  | 2010/03/09: Psychologie: Vom Nutzen der Schwermut - Medizin - Wissen - FAZ.NET | | Jonah Lehrer fragt sich, wie sich die weite Verbreitung der Depression mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Da eine Depression kaum die "reproduktive Fitness" steigert, hätte sie sich im Sinne darwinscher Gesetzmäßgikeiten nicht durchsetzen dürfen. Es sei denn, sie dient einem "geheimen Zweck". Dieser evolutionspsychologische Versuch, mentale Eigenschaften selektionstheoretisch zu erklären, führt zu dem Befund, dass Depression offenbar mit Weisheit und analytischer Weltbeschreibungskompetenz einhergeht - nach dem Motto "Trauer macht schlauer". Ist das soziobiologisches "Storytelling" oder genetisches Trittbrettfahren, das die Darwinismuskritiker Fodor und Piatelli-Palmarini stark machen? Die mögliche Koppelung der Depressionsgene an kognitive Vorzüge sollte schon mehr als vage Spekulation sein, wenn daraus handfeste therapeutische Konsequenzen folgen und der evolutionspsychologisch orientierte Psychiater Thomson seltener Antidepressiva verschreibt. hhp
|  | 2010/03/07: Philosophers Rip Darwin - The Chronicle Review | | Der Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse führt hier seine Kritik an Fodor und Piattelli-Palmarini ausführlicher aus (s.u.). Diese seien leider kein Einzelfall, es gebe ein zunehmend lautstarkes Kader bedeutender Philosophen, die Zweifel an Darwin hegen. Exemplarisch greift Ruse drei dieser Vertreter heraus. Bei Alvin Plantinga, Christ und Intelligent Design Enthusiast, versteht Ruse dessen Opposition in einer sehr säkular und neoatheistisch geprägten Szene. Aber auch der bekannte Thomas Nagel schließt sich der Opposition an, ohne an eine Gottheit zu glauben. Ausführlich geht Ruse auf Jerry Fodor ein, der als Atheist die Erklärungskraft der natürlichen Selektion kritisiert. Bei allen drei Opponenten hält Ruse die "totale wissenschaftliche Interesselosigkeit" für viel sagend. Die Kritiker seien offenbar von anderen, tiefer liegenden Sorgen umgetrieben. Der Blick in die Vergangenheit zeige die Initialzündung ihrer Opposition: Die Entstehung von Homo sapiens durch blinde Gesetze. hhp
|  | 2010/02/22: "What Darwin Got Wrong": Taking down the father of evolution | | Ein Interview mit Jerry Fodor über dessen Buch "What Darwin Got Wrong" stellt noch einmal die Radikalität seiner Darwinismuskritik heraus: "Man sieht - auch ohne Gott - wie sich die Darwinische Geschichte als radikal falsch herausstellen könnte ... da falsche Voraussetzungen gemacht wurden", so Fodor. Als ein Argument taucht die bereits mehrfach erwähnte interne Koppelung unterschiedlicher Merkmale auf, die es unmöglich macht, zu entscheiden, ob das Merkmal von der Selektion begünstigt wurde oder nur ein Trittbrettfahrer ist. Zur Illustration führt Fodor das Züchtungsexperiment an, das Füchse durch Auswahl domestizieren konnte. Dabei veränderten sich unerwarteter Weise eine Reihe anderer Merkmale, die offenbar intern korreliert waren. Dumm für Fodors Argumentation ist nur, dass sich dasselbe Beispiel bei Richard Dawkins in dessen "Greatest Show on Earth" zwanglos in die Selektionstheorie integrieren lässt. hhp
|  | 2010/02/14: New critique intends to rebut Darwin's ideas - The Boston Globe | | Der bekannte Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse hält Fodors und Piattelli-Palmarinis "What Darwin Got Wrong" für ein "äußerst ärgerliches Buch". Statt aktuelle Diskussionen der Evolutionstheoretiker zu rezipieren, führten die Autoren richtungslose Rundumschläge gegen den Darwinismus durch. Als Hauptattacken gegen die natürliche Selektion führten die Autoren ins Feld, dass erstens die Lebensentwicklung den selbstorganisierenden physikalischen und chemischen Zwängen unterliege und dass zweitens selektionsnegative Merkmale überleben, die selbst gar nicht überlebensförderlich sind, sondern lediglich an überlebensförderliche Merkmale gekoppelt sind (Trittbrettfahrer). Beide Argumente - so Ruse - seien evolutionstheoretisch längst bekannt und mit dem Darwinismus durchaus verträglich. Ruses Verdacht ist, dass die Autoren - obwohl stolz bekennende Atheisten - die Relativierung des Menschen genauso wenig ertragen können wie die verachteten Christen, dieses aber nicht offenlegen. hhp
|  | 2010/02/06: What Darwin Got Wrong by Jerry Fodor and Massimo Piattelli Palmarini - The Guardian | | "Kein noch so mächtiges Filter kann der Grund für das sein, was durch es hindurchfließt". In diesem Vergleich mit der natürlichen Selektion als Filter bringt Mary Midgley, die der Guardian als "Englands führende Geißel wissenschaftlicher Anmaßung" bezeichnet, die Darwinismuskritik Fodors und Piattelli-Palmarini auf den Punkt. Mit ihnen bestreitet Midgley zwar nicht die Existenz des äußeren Faktors "Selektion", wohl aber dessen privilegierte Stellung innerhalb anderer auch innerer Ursachen. Mit den Autoren spricht die Rezensentin von einer "Masse an internen Einschränkungen, die erfüllt sein müssen, bevor überhaupt ein Phänotyp der äußeren Selektion 'angeboten' werden kann". hhp
|  | 2010/02/05: What Darwin Got Wrong and What Fodor and Piattelli-Palmarini Finally Get Right - David Berlinski | | David Berlinski, Fellow am Discovery Institute, findet es ermutigend, dass Fodor und co den Schneid zur Darwinismuskritik haben, auch wenn diese etwas spät komme. Kein Argument indes sei neu, andere hätten sie bereits vorgebracht - nicht zuletzt Berlinski selbst, der auch die Analogie Darwin - Skinner seit mehr als 15 Jahren angemahnt habe.
Bestürzend findet Berlinski die Reaktion auf Fodor und Piatelli-Palmarini. Die Kommentare auf ihren Artikel demonstrierten "mit unfehlbarem Eifer die charakteristische Gesinnung der darwinischen Community gegenüber Kritik", sprich: deren Immunisierungsstrategien. hhp
|  | 2010/02/08: What Darwin Got Wrong: Intelligent Design Proponents Welcome Fodor and Piattelli-Palmarini - Discovery Institute | | Fodors und Piatelli-Palmarinis Darwinismuskritik gießt erwartungsgemäß auch Wasser auf die Mühlen des Intelligent Desing. Spät seien die Autoren zur "Darwin-Zweifler-Party" dazugestoßen, dennoch aber willkommene Teilnehmer, heißt es beim Discovery Institute (DI). Noch willkommener sind die Partygäste, weil sie "durch und durch materialistische Wissenschaftler" sind. Das kommt den frommen Intelligent Designern insofern wie gerufen, als die "typischen Materialisten" eigentlich zu den "glühendsten Verfechtern" der natürlichen Selektion gehören. Das könne sich nun mit diesem Buch Fodors ändern, hofft das DI. hhp
|  | 2010/02/07: Kritik (an Fodor u.a.) aufgeschoben, nicht aufgehoben - Criticism deferred, but building - pharyngula | | Wenn Kritik am Neodarwinismus laut wird, findet man ganz sicher bei P. Z. Myers, Biologieprofessor und vehementer Kritiker von ID, Kreationismus und co, die gepfefferte Gegenkritik. Klar, dass ihm Buch und unten besprochener Artikel von Fodor u.a. nicht entgangen sind. Deren Versuch, die natürliche Selektion als totgeweiht hinzustellen, sei eine "haarsträubende Behauptung". Dies noch mit evolutionärer Entwicklungsbiologie (Evo-Devo, Myers eigenes Arbeitsgebiet) untermauern zu wollen, bringt Myers Geduldsfass zum überlaufen. Er hat "die Schnauze voll" (noch milde übersetzt) von Leuten, die "Evo-Devo als Ersatz statt Ergänzung zur modernen Evolutionstheorie missbrauchen". Dem Ärger ist erst einmal Luft gemacht, aber auch die inhaltliche Richtung angedeutet, die Myers demnächst breiter entfalten will. Man darf gespannt sein! hhp
|  | 2010/02/03: Survival of the fittest theory: Darwinism's limits - opinion - New Scientist | | Die Kognitionswissenschaftler Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini fassen in diesem Artikel ihr darwinkritisches (aber dezidiert nicht kreationistisches) Buch "What Darwin Got Wrong" zusammen. Ihrer Meinung nach ist die meiste neodarwinistische Literatur "erschreckend unkritisch", und ein wissenschaftlich üblicher methodologischer Skeptizismus fehle erstaunlicherweise.
Der Haupteinwand der Autoren gegen den derzeitigen Neodarwinismus bezieht sich auf die Dominanz der "natürlichen Selektion" und damit der äußeren Faktoren. Die Autoren setzen Darwin in Analogie zu Skinner, dessen Behaviourismus ebenfalls auf innere (hier: innerpsychische) Faktoren zur Erklärung verzichtete. So wie Skinners Theorie heute als unzureichend erkannt wurde, so bedürfe auch die natürliche Auslese notwendig der Ergänzung durch interne Faktoren. Damit wollen die Autoren auch den "schleichenden imperialistischen Tendenzen" der Selektionstheorie, denen selbst die Theologie nicht entgehe, gegensteuern. hhp
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