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23.02.: "Nichts anderes als ..." | 02.02. Intelligent Design weiter auf dem Vormarsch
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09.02.: Vom Hirn zum Geist
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Neues von der Neurowissenschaft im Wochenrückblick
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Immer differenzierter wird in der Presse der letzten Wochen von den Möglichkeiten, vor allem aber auch von den methodischen Grenzen der Hirnforschung berichtet. Mit der Rücknahme überzogener Ansprüche der Neurowissenschaften scheint die Wertschätzung der Geisteswissenschaften wieder zu steigen.
(1) Petra Gehring, Was vom Mythos des weiblichen Gehirns übrigbleibt, sind ein paar Anekdötchen, F.A.Z. vom 05.02.2007, S. 35 (2) Georg Rüschemeyer, Geistesadel verpflichtet, F.A.Z. vom 04.02.2007, S. 65 (3) Ulrich Kraft, Gedanken auf stetiger Wanderschaft, Handelsblatt vom 01.02.2007, S. 9 (4) Für eine Schule ohne Angst, Fuldaer Zeitung vom 01.02.2007 (5) Beide wollen Kinder lebenstüchtig machen, Chrismon Plus vom 01.02.2007, S. 44 (6) Philipp Holstein, Natur braucht Geist, Rheinische Post vom 31.01.2007 (7) Ebba Hagenberg-Miliu, Die Wissenschaft blickt ins Hirn des Menschen, General-Anzeiger vom 30.01.2007, S. 13 (8) Susanne Schäfer, Tief im Ich, Süddeutsche Zeitung vom 16.12.2006, S. 50
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Die neurowissenschaftliche Suche nach dem Selbstbewusstsein geht in eine neue Runde. Ulrich Kraft (3) berichtet von neuen Untersuchungen, wonach gelangweilte Hirne in einen Default-Modus verfallen, in dem sämtliche Testpersonen tagträumen. Je aktiver der Default-Modus, desto intensiver die Tagträume. Nun mutmaßt der Kölner Hirnforscher Kai Vogeley: "Der Default-Modus könnte das neuronale Korrelat des Selbstbewusstseins sein", schließlich ginge es bei Tagträumen ja meist auch um die eigene Person. Liegt aber hier nicht wieder der typische pars-pro-toto-Fehlschluss von einem Teil auf das Ganze vor? Anders gefragt: Ist "Selbstbewusstsein" mit "Tagträumen" nicht hoffnungslos unterbestimmt? Es mag überzogen sein, einen so kurzen Absatz derart zu pressen; vielleicht ist der Artikel dennoch ein Indikator dafür, wie schwierig es ist, die neurowissenschaftliche Perspektive der 3. Person (Default-Modus) mit der Perspektive der 1. Person (Selbstbewusstsein) zusammen zu bringen.
So plädiert auch der Neurobiologe Martin Heisenberg in einem Artikel von Georg Rüschemeyer (2) dafür, „die Deutungshoheit von Biologie und Naturwissenschaft nicht zu überschätzen“. Rüschemeyer erinnert an das 2004 publizierte Manifest prominenter Neurowissenschaftler, in dem diese eine künftige lückenlose Erklärbarkeit von Bewusstsein und freiem Willen prognostizierten. Solchen weitreichenden Erklärungsansprüchen steht Heisenberg skeptisch gegenüber. Für ihn können auch solche Phänomene real sein, die sich der naturwissenschaftlichen Beschreibung entziehen. So ist für ihn die Willensfreiheit unmittelbar über die Introspektion (1. Person Perspektive) evident. Begriffe wie Freiheit oder Liebe ließen sich zwar bis zu einem gewissen Grad naturwissenschaftlich beschreiben, damit sei aber das Wesen von Freiheit und Liebe durchaus nicht erklärt. Außerdem liefert das quantenphysikalische Erbe seines Vaters Werner Heisenberg argumentative Schützenhilfe: Man müsse nicht das Kausalprinzip verletzen, um Freiheit zu retten, da „die Fäden von Ursache und Wirkung“ wegen der Quantenunbestimmtheit ohnehin irgendwann abreißen.
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Zu der methodischen Selbstbescheidung der Neurowissenschaft tritt zuweilen die Einsicht, dass gerade in der Hirnforschung ein „enormer Bedarf an geisteswissenschaftlicher Begleitung“ (6) besteht. Wenn man wie im Forschungszentrum Jülich etwa an Hirnschrittmachern gegen Parkinson arbeitet, wird gefragt, wie weit man hier gehen darf und was die Selbstbestimmung und den freien Willen des Menschen ausmacht. Nach Achim Bachem, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums, sollten „Neurowissenschaftler solche Fragen mit Philosophen klären“. Um hier eine gemeinsame Sprache zu finden, seien die Geisteswissenschaften herausgefordert, andere Denk- und Sprachweisen zu erlernen, woran es im Moment noch mangele.
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Einen ähnlichen interdisziplinären Weg startet das von der Evangelischen Akademie im Rheinland und von der Uniklinik Bonn initiierte "Forum Neuroethik" (7). Bei der Eröffnungstagung fordert der Philosoph Ludger Honnefelder zu "äußerster Vorsicht" bei der Bewertung neurowissenschaftlicher Ergebnisse auf. Wer das Gehirn erkunde, "habe damit nur begrenzt Einblick in Gedanken und Seele". Auf der Tagung anwesende Journalisten gaben jedoch zu, dass die Verführung groß sei, zunächst einmal Extremstimmen zu Wort kommen zu lassen: "Wenn die Wissenschaft ankündige, Gedanken im Gehirn lesen zu wollen, publizierten Medien selbstverständlich gerne Erfolgsstorys".
Der Artikel veranschaulicht exemplarisch die Analyse von Michael Blume: Zuerst sensibilisieren überzogene Sensationsmeldungen die Öffentlichkeit, bereiten damit aber den Boden für spätere seriöse Darstellungen. (Hirn und Religion, S. 10). Möge er Recht behalten, und möge das "Forum Neuroethik" zu einer "differenzierten Berichterstattung" beitragen, die sich der Akademiedirektor wünscht (7).
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Apropos differenzierte Berichterstattung: Dass sich Journalisten von neurowissenschaftlich unterfütterten Klischees nicht (mehr) blenden lassen, zeigt die kritische Rezension (1) des amerikanischen Bestsellers „Das weibliche Gehirn“ von Louann Brizendine. Brizendine möchte die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung nutzen, um die Geschlechterdifferenz zu untermauern. Die Autorin der Rezension, Petra Gehring, kontert mit der Gegenthese: Der Neuropsychologe Lutz Jäncke sei „zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen“ gekommen. Trotz bester Bemühungen sei für ihn der „kategoriale Unterschied“ zwischen Mann und Frau nicht zu finden. Und selbst wenn es ihn neurologisch gebe, dürfe man keinem biologistischem Fehlschluss aufsitzen: Gegenüber kulturellen Überformungen verhalte sich das Gehirn nicht statisch-deterministisch, sondern eher wie eine plastische Knetmasse. Solche kulturellen Prägungen scheint das besprochene Buch eher auszublenden und passe deshalb gut in den naturalistischen Zeitgeist, urteilt Gehring.
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Weniger spekulativ als die großen Geist-Gehirn- und Geschlechter-Debatten sind die konkreten Anwendungsbereiche der Hirnforschung. So erfahren z. B. Märchen eine neurowissenschaftliche Aufwertung (4). Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther stellte den großen Einfluss der Erziehenden auf die neuronale Entwicklung ihrer Kinder heraus. Optimale Bedingung sei das Zusammenspiel von immer neuen Herausforderungen einerseits und Geborgenheit und Liebe andererseits: "Deshalb sind Märchen, in denen stets größte Probleme bewältigt und zum Happy End gewendet werden, so wertvoll". Demgegenüber sind laut Hüther der hohe Leistungsdruck und neue Förderprogramme kontraproduktiv.
Die gleiche Meinung vertritt der Kinderarzt Remo Largo (5), der eine bedeutende Langzeitstudie über kindliche Entwicklung geleitet hat. Auch für Largo zerstört die grassierende Förderwut lediglich die Neugierde und Lernfreude der Kinder. Die stattdessen notwendige individuelle Betreuung falle den Sparmaßnahmen zum Opfer. Überhaupt sieht Largo in der mangelnden Betreuung (ob in Schule oder Elternhaus) einen entscheidenden Schlüsselfaktor für kognitive Defizite. Dieses und nicht der von Largos Gesprächspartner, dem Hirnforscher Manfred Spitzer attackierte Medienkonsum an sich sei das Fatale. Spitzer setzte gegen die verbreitete Auffassung, Fernsehen stimuliere und schaffe „Synapsen im Gehirn“, das genaue Gegenteil: Fernsehen mache dumm, aggressiv und verursache Leseschwächen. Spitzer stützt sich auf eine Studie aus Neuseeland, die Largo jedoch für unzureichend hält. Man müsse fernsehende Kinder mit einer Kontrollgruppe vergleichen können, die anstelle von Fernsehen klügere Dinge tun. Eine solche Studie gebe es aber nicht. Außerdem gerieten bei der isolierten Betrachtung des Fernsehens andere Ursachen aus dem Blick (gesellschaftliche Erwartungen, Konkurrenzdruck etc.). Gegen eine Verteufelung der Medien setzt Largo Medienkompetenz und Lernen durch Vorbilder.
Vom Fernsehen zur Meditation. Susanne Schäfer (8) sieht die Auffassung, dass Meditation auf Körper und Psyche heilend wirkt durch die moderne Hirnforschung (Richard Davidson, Andrew Newberg) bestätigt. Um auch skeptischen Schulmedizinern die Meditation schmackhaft zu machen bemühe man sich um "neutrale Formen der Meditation" – frei von Spiritualität und Ideologie. Eine solche säkulare 'light'-Variante stellt Schäfer mit der Achtsamkeitsmeditation vor, deren heilende Wirkung gut belegt sei. Heinz-Hermann Peitz
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