|
|
 |
 |
 |
 |
|
23.12. Überblick über ID in Deutschland | 12.05. Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften
|
08.12.: Deep Fritz und die Ehre der Menschheit
|
Das Schachprogramm Deep Fritz hat gegen Schachweltmeister Wladimir Kramnik gewonnen. Na und? Eine kritische Zusammenstellung der Pressereaktionen.
(1) DIE WELT vom 08.12.2006: Lässt sich der Golem wieder zurückverwandeln? (2) Saarbrücker Zeitung vom 07.12.2006: „Todeskuss“ für den Weltmeister (3) DIE WELT vom 02.12.2006: Um die Ehre des Menschen (4) Deutsches Ärzteblatt vom 01.12.2006: Mensch gegen Maschine: Weltmeister Kramnik und die „brutale Rechenkraft“ (5) DIE ZEIT vom 29.11.2006: Besser denken (6) Badische Zeitung vom 29.11.2006: Die Freiheit des Geistes gegen drei Gigahertz
|
|
|
Nichts Neues
|
Als wäre mit Deep Blue und Kasparows Niederlage nicht alles schon einmal dagewesen: Ein von Menschen zum Rechnen erschaffenes Werkzeug gewinnt in einem Spiel, das grundsätzlich (in Grenzen) berechenbar ist, gegen einen menschlichen Spieler. Sollte das jemanden wundern? Offenbar schon: damals wie heute kennt das Wundern keine Grenzen. Mehr noch: Das Wundern bläht sich auf zur Kränkung der Menschheit.
|
|
|
Im Vorfeld
|
Die Erwartungen wurden schon vor dem Spiel geschürt und weltanschaulich aufgeblasen. So stellte sich für das Deutsche Ärzteblatt am 1.12. seit der Erfindung des Schachcomputers "die Frage nach der Überlegenheit des menschlichen Geistes über die Maschine" (4). Das liest sich, als ob eine (durchaus geniale) Schachkompetenz bereits das Ganze des menschlichen Geistes ausmachte und umgekehrt als ob ein Sieg über diese Schachkompetenz ein Sieg über den Geist darstellte. Welch ärmliche Vorstellung vom menschlichen Geist! Nüchterner schon Christian Kortmann: "Die meisten Zuschauer und Passanten halten zum Weltmeister, weil niemand so recht umzugehen weiß mit der Vorstellung, dass ein Computer den Menschen in seiner ureigensten Domäne, der Intelligenz, übertrumpft. Rasenmähen wollten wir noch nie, und schwere Lasten dürfen gerne die Roboter heben, das Denken aber möchte sich auch der Dümmste nicht nehmen lassen. Doch könnten wir nicht auch stolz sein auf die Leistungen dieser Maschinen, die ja schließlich der Mensch selbst erfunden hat?" (5) Immerhin wird statt von Geist "nur" von Intelligenz und Denken gesprochen, auch wenn diese Gleichsetzungen für einen Computer immer noch anthropologische Schmeicheleien darstellen. Denn Stephan Busemann vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken markiert folgende Grenzen: "Wenn man Intelligenz auf das Spiel bezogen versteht, dann ist das Programm intelligenter als seine Hersteller. Das gilt aber nur für das Schachspiel – das Programm wäre nicht in der Lage, sich im Alltag zurechtzufinden. Wenn ich den Stecker rausziehe, gibt es auch keine Intelligenz mehr" (2). Ontologische oder methodische Zurückhaltungen bleiben aber die Ausnahme: Allzu schnell wird man über lose assoziative Brücken von Intelligenz über Denken zum Geist geführt (besser: verführt), zu einem unzulässigen Schluss vom Teil aufs Ganze! Als wäre das Ganze (der Mensch) überboten, wenn ein bescheidener Teil (eine spezifisch logisch-strategische Intelligenz) überboten wäre.
Und wie richtig ist Kortmanns Hinweis, dass es der Mensch selbst ist, der die Maschine gebaut hat! Haben wir nicht immer schon Werkzeuge gebaut, gerade damit sie uns in bestimmten Teilbereichen (!) überlegen sind? Der Stock als Hebel ist kräftiger als wir, das Auto schneller in der Fortbewegung, der Taschenrechner schneller im Rechnen. Keiner ist darüber gekränkt. Und so ließe sich doch auch im Schach sehen, "was möglich ist, wenn der Mensch sein Denken mit Hilfe der selbst erschaffenen Maschine optimiert" (5). Oder ist beim Schachcomputer doch ein qualitativer Sprung entstanden?
Die vor anthropologischen Fehlzuweisungen nur so strotzenden Artikel tragen nicht gerade zur Klärung dieser Frage und zur Nüchternheit bei: Die vier parallel geschalteten Prozessoren von Deep Fritz "schuften schwer" und seine "gefräßige Intelligenz" wird offenbar (6); Deep Fritz ist ein "Wissenskoloss", ja ein "Monster" (6): "Passt du nicht auf, reißt er dich in Stücke" (5). Der Computer wird vermenschlicht, der Mensch entmenschlicht: Mathias Feist, der die Computerzüge auf dem Schachbrett visualisiert, ist der "Handlanger des Computers" (3), und wenn er auf dem Bildschirm die rasenden Zahlen- und Buchstabenkolonnen sieht, "blickt er gewissermaßen ins Hirn von Deep Fritz" und sieht seine "Gedanken" (3). Und "Es klingt paradox, aber die Schachmaschine spielt immer humaner, der Mensch immer computerhafter, man gleicht sich an" (3). Schon bei Deep Blue waren sich die Entwickler einig: "Das war kein Computerschach. Das war menschliches Schach." (4) Und der gekränkte Kasparow: "Nach der Partie war ich schrecklich müde, während der Computer nicht einmal wusste, ob er nun gewonnen, verloren oder remis gespielt hatte! Zum ersten Mal habe ich gegen einen Kontrahenten gespielt, der unter meinem Druck nicht zusammengebrochen ist!" (4) Aber was Kasparow hier kränkt, ist doch die Lösung. Deep Blue war und ist ohne Emotionen und ohne Bewusstsein. Solange ein Computer siegt, aber nicht weiß, dass er siegt, solange hat er nichts mit dem Wesen des menschlichen Geistes gemein.
|
|
Das Spiel
|
Das Spiel? Nein, die Überschrift ist falsch. Es ist ja kein Spiel, es ist Krieg, es ist ein "unbarmherziger Krieg" (3). Ein Krieg, in dem es - fast hätte ich oben den qualitativen Sprung wegerklärt - "um die Ehre des Menschen" (3) geht. Kristian Frigelj versteigt sich gar zu der Aussage: "Auf dem 31-jährigen Russen Kramnik, den amtierenden genialischen Schachweltmeister, ruhen die letzten Hoffnungen der Menschheit". Aber halt, ganz so pathetisch will er es dann doch nicht stehen lassen, aber die Sorge, ob die Menschen "all der Maschinen noch Herr sind" (3) bleibt.
|
Die Entscheidung
|
Und dann ist es passiert! Die Sorge hat sich als allzu berechtigt heraus gestellt. Deep Fritz hat dem Menschen - so der Geschichtsprofessor und studierte Philosoph Michael Stürmer - eine "historische Niederlage" beigebracht: "... als der Mensch von der Maschine bezwungen wurde" (1). Jetzt ist es auf einmal nicht mehr nur die Intelligenz, nicht mehr nur das Denken, nicht mehr nur der Geist des Menschen, es ist der Mensch selbst als ganzer, ja als Menschheit, der bezwungen wurde. Wie weit lassen sich die losen Assoziationsketten eigentlich noch weiterspinnen, um vom bezwungenen Teil zum immer entfernteren Ganzen (fehl) zu schließen. Ja es muss wohl, wenn nicht Gott, so doch ein Übermensch sein, wenn er den Menschen bezwingen kann. In der Tat, Deep Fritz wird mit Golem verglichen, der "nach einer Phase der Nützlichkeit außer Rand und Band geriet und seinen Schöpfern unheimlich wurde" (1). Stürmer fragt: "Lässt sich der Golem wieder zurückverwandeln?" (1) Er zweifelt: "Die Tragik der Moderne liegt darin, dass die technischen Fähigkeiten des Menschen seine moralischen Kräfte ewig überfordern. Schach ist Metapher geworden: Wenn dem Menschen alles gelungen ist, bleibt nur noch das Werk der eigenen Zerstörung." (1) Was man aus einem Computerschach so alles extrapolieren kann!
|
Fazit
|
Vielleicht meinen die das ja alles gar nicht so. Hoffentlich. "Für das Schach ist diese Dramatisierung durchaus hilfreich, denn das jahrhundertealte Spiel leidet unter einem altertümlichen Image" (3). D'accord!
Heinz-Hermann Peitz
|
Fotos mit freundlicher Genehmigung der RAG Aktiengesellschaft, Essen
|
Druckbare Version
|
|