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01.07.09: Die Mehrheit der Amerikaner für ID?
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Mit Freude hat das Discovery Institute, der Think Tank der Intelligent Design (ID) Bewegung, am 30. Juni 2009 die Ergebnisse einer Umfrage präsentiert, die offen zu legen scheint, dass die Mehrheit der US-Amerikaner auf der Seite des ID stehen und den Darwinismus eher skeptisch einschätzen. Was ist davon zu halten? Die Studie wurde vom renommierten Meinungsforschungsinstitut Zogby International mit über 1000 Befragten durchgeführt. Die Zahlen dürften also verlässlicher sein als manipulierbare Online-Umfragen, die in der Vergangenheit für blankes Entsetzen gesorgt haben: So votierten 2007 in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung 89% für einen göttlichen Designer und nur 9% für die Evolutionstheorie. Dass die 13322 abgegebenen Stimmen auf normalem Wege zustande gekommen sind, darf mit gutem Grund bezweifelt werden, wenn sehr viel populärere Abstimmungen - wie z. B. nach dem künftigen Fußballmeister - gerade einmal auf 800 Stimmen kommen. Nun aber liegen mit der Zogby Umfrage für den US-amerikanischen Raum glaubwürdigere Zahlen vor: Nicht 90%, aber immerhin die Hälfte der Amerikaner entscheidet sich für Intelligent Desing, nur ein Drittel für die Evolultionstheorie. Bilden diese Zahlen die kulturelle Realität tatsächlich ab, oder resultieren sie eher aus dem Forschungsdesign des Auftraggebers der Studie - des Discovery Institutes?
[Ihr Kommentar zur Zogby-Umfrage] [Umfragen in der Presse]
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Intelligent Design vs. Darwinismus
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Die Hauptfrage. Die Interviewten mussten sich entscheiden, welche Alternative ihnen am nächsten liegt:
A: Die Entwicklung des Lebens ereignete sich durch einen ungelenkten Prozess zufälliger Mutationen und natürlicher Selektion B: Die Entwicklung des Lebens wurde durch ein Intelligent Design gelenkt.
Das Ergebnis: 33% stimmten für A, für den ungelenkten Prozess durch die evolutiven Mechanismen Mutation und Selektion; 52% stimmten für B, die Lenkung durch ein intelligentes Design. 15% waren sich nicht sicher oder hätten eine andere Option gewollt.
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Mein Eindruck: Die Zahlen sind auf den ersten Blick ernüchternd. Aber an der Antwortrichtung ist - wie so oft - die Frageweise nicht unschuldig. Die Interviewten haben nur die Wahl zwischen "ungelenkt, zufällig", d. h. sinnlos, und "gelenkt", d. h. sinnvoll, da letztlich durch Gott geführt. Erst kürzlich hat Eugenie Scott vor dieser exklusiven Alternative gewarnt (in: Science vom 05.06.09, S. 1251): Wer als Wissenschaftler seine Studenten zwinge, zwischen Religion und Wissenschaft zu entscheiden, fände für die Evolutionstheorie nur taube Ohren. Wie Recht Scott hat, zeigt die vorliegende Umfrage, die sich genau dieser Strategie der exklusiven Alternative bedient. Dass dabei die Evolutionstheorie das von Scott prognostizierte Nachsehen hat, kann den Auftraggebern ja nur Recht sein. Aus der Sicht einer aufgeklärten Theologie gibt es mehr als die zwei angegebenen Optionen, und die hohe Prozentzahl der Unentschlossenen (15% im Vergleich zu 4-7% bei den anderen Fragen) signalisiert genau dieses Ungenügen. Schlagwortartig auf den Punkt gebracht, wäre eine zusätzliche Wahlmöglichkeit wie "Schöpfung durch Evolution" für viele sicher attraktiv gewesen. In eine solche Richtung ließ sich bereits eine 2007 von Gallup durchgeführte Befragung interpretieren. Laut Geoffrey Layman, Politik- und Religionsexperte der Universität Maryland, zeigt die Untersuchung, dass die Menschen versuchen, Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen. Sie glauben an ein "Sowohl-als-auch" von Schöpfung und Evolution, indem "Gott eine gewisse Rolle in der Ausrichtung des evolutionären Prozessen spielt" (USATODAY vom 07.06.2007). Auch die jüngste, am 30. Juni 2009 vorgestellte internationale Umfrage des British Council stellte fest, dass die "Sowohl-als-auch-Frage" mehrheitliche Zustimmung erfuhr. Der Formulierung "Ist es möglich an einen Gott zu glauben und dennoch an der Sichtweise festzuhalten, dass das Leben auf der Erde, einschließlich des menschlichen Lebens, über die Zeit als Ergebnis der natürlichen Selektion evolviert ist?" stimmten in Indien 85%, in Mexiko 65%, in Großbrittannien 54%, in Russland 54% und in den USA 53% zu. Aber solche "Sowohl-als-auch-Harmonisierungen" taugen freilich im polarisierenden Kulturkampf kaum.
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Die "Stärken und Schwächen" der Evolutionstheorie
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Auf einer Skala von starker Zustimmung bis starker Ablehnung sollten die Befragten Stellung beziehen:
Stimmen Sie zu oder lehnen Sie ab, dass Lehrer wie Schüler die akademische Freiheit haben sollten, Stärken und Schwächen der Evolutionstheorie zu diskutieren?
Zusammengenommen stimmten 80% zu, 17% lehnten ab, 4% waren sich nicht sicher.
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Mein Eindruck: 80% ist wahrlich erdrückend! Und wer könnte schon etwas dagegen haben, "Stärken und Schwächen" einer Theorie zu diskutieren? Was unverdächtig klingt, was geradezu aus wissenschaftlicher Redlichkeit heraus geboten scheint, ist im amerikanischen Kontext ein trojanisches Pferd. Am 04.06.09 berichtet die New York Times, dass die Phrase "Stärken und Schwächen" inzwischen zum rhetorischen Arsenal der Kreationisten gehört, die das Unterrichten der Evolutionstheorie damit unterminieren wollen. In Lehrplänen und Richtlinien für Lehrbücher steht die genannte Phrase vielerorts im Zentrum gerichtlicher Auseinandersetzungen. Man macht sich damit strategisch zu Nutze, "dass Kritik ... zum zentralen Kern der Wissenschaft gehört", wie Martin Neukamm übrigens im Blick auf ein deutsches evolutionskritisches Lehrbuch zu bedenken gibt (Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus, Göttingen 2009, 367; erscheint demnächst). Nur wird diese Kritik weitgehend überzogen, indem sie als gleichgewichtig den Stärken gegenüber gestellt wird und auch Befunde erhält, die richtigerweise als "offene Fragen" denn als vermeintliche "Schwächen" bezeichnet werden sollten. Die suggestive Kraft der Frage wird verstärkt, wenn die Diskussion von Stärken und Schwächen mit "akademischer Freiheit" ineins gesetzt wird. Auch hier muss man fragen: Wer will sich ernsthaft gegen "akademische Freiheit" aussprechen?
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Evidence against Evolution?
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Die folgende Frage schließt inhaltlich an. Die Befragten sollten entscheiden, welche Option ihrer Perspektive am nächsten kommt:
A: Biologielehrer sollten nur Darwins Evolutionstheorie und die wissenschaftlichen Belege für sie lehren. B: Biologielehrer sollten Darwins Evolutionstheorie lehren, aber auch die wissenschaftlichen Belege gegen sie.
Erwartungsgemäß (!) stimmen wenige für A, nämlich 14%. 78% wollen B, die vermeintlich ausgewogene Diskussion von pros und cons.
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Mein Eindruck: Inhaltlich geht es hier in die gleiche Richtung wie bei der vorherigen Frage. Aber die Argumentation erweist sich erneut als steigerungsfähig: Aus den "offenen Fragen" der Evolutionstheoretiker wurden "Schwächen", von denen soeben die Rede war. Aus denen werden nun geradezu wissenschaftliche Beweisstücke gegen die Evolution ("scientific evidence against it"). Die Frage unterstellt einfach, es gäbe solche Beweisstücke. Wenn es die denn gäbe, wäre es in der Tat unwissenschaftlich, sie zu verschweigen. Das ist trivial und die Antworttendenz im vorhinein klar. Die 14%, die dennoch für A votiert haben, gehören entweder dem anderen Lager des Kulturkampes an, sind wissenschaftstheoretisch naiv, oder aber: Sie haben die Strategie durchschaut, eine wissenschaftsethische Trivialität als bildungspolitischen Hebel zu missbrauchen.
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Darwin gegen den Darwinismus?
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Bei dieser Frage kommt der Namensgeber des Darwinismus mit einem Zitat aus der Einleitung der "Entstehung der Arten" selbst zu Wort:
Als Charles Darwin über die Beweise für seine Evolutionstheorie nachdachte, schrieb er: "Ein richtiges Ergebnis lässt sich aber nur dadurch erlangen, dass man alle Tatsachen und Gründe, welche für und gegen jede einzelne Frage sprechen, zusammenstellt und sorgfältig gegeneinander abwägt".
Die Befragten wurden wieder um abgestufte Zustimmung oder Ablehung gebeten. 76% stimmten insgesamt zu, 18% lehnten ab, 5% waren sich nicht sicher.
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Mein Eindruck: Dass man Darwin gegen den Darwinismus ins Feld führt, ist das rhetorische Sahnehäubchen der Umfrage. Auch hier kann man kaum anders, als dem isolierten Darwin-Zitat zuzustimmen - die Antworttendenz war auch bei dieser Frage vorauszusehen. Gern macht man übrigens in der ID-Szene von diesem Darwin-Zitat Gebrauch (siehe z. B. Dembski) und vereinnahmt Darwin als frühen Anwalt der ID-Politik ("Diskussion der Stärken und Schwächen"). Zu Recht? Zu den Tatsachen und Gründen, die Darwin gegeneinander abgewogen haben will, dürfte kaum das "Intelligent Design" zählen. Die Darwin-Biografin Eve-Marie Engels macht unmissverständlich klar: "Darwins Zielsetzung ist es, die Entstehung von Arten ... auf eine naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen, d. h., Zweitursachen oder auch Naturgesetze (secondary laws) hierfür zu finden". Damit ist gemeint, "dass er zur Erklärung von Phänomenen des Lebendigen, die bisher aus metaphysischer Perspektive behandelt wurden, einen naturalistischen Zugang wählt". Darwin ist bemüht, "Prozesse des Lebendigen durch Naturgesetze zu erklären, statt sie auf den direkten Eingriff Gottes zurückzuführen" (Engels, Charles Darwin, München 2007, 58). Deutlich setzt sich Darwin von den damaligen Naturtheologen, sozusagen den Vorläufern des Intelligent Design, ab: Darwins Interesse galt - so Engels - nicht der transzendenten Erstursache, sondern ganz den innerweltlichen Zweitursachen: "Deren gründliche Erforschung ist bei ihm in Unterschied zu zahlreichen naturtheologischen Zeitgenossen nicht mit der Absicht verbunden, damit die göttliche Erstursache zu beweisen" (ebd. 59). Ferner wendet Darwin seine "hypothetisch-deduktive Methode auch auf den Kreationismus an und zeigt, dass die aus ihm abzuleitenden Erwartungen nicht mit der Erfahrung übereinstimmen" (ebd. 85). Als Kronzeuge für Intelligent Design ist Darwin also denkbar ungeeignet.
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Mein Fazit
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Die Fragen waren allesamt so manipulativ gestellt, dass das Ergebnis voraussagbar war. Das Geld für Zogby International hätte man sich also sparen können - oder nicht? Aber: Offenbar geht es nicht um Erkenntnis, sondern um politischen Einfluss und um kulturelle Deutungshoheit. Mit der Zogby-Umfrage hat man nun - die juristischen Blamagen von Dover noch im Hinterkopf - von einem weltanschaulich unabhängigen Institut den Beleg, dass die Mehrheit der US-Amerikaner hinter den Argumenten des Discovery Institutes steht! Denn die Fragen der Meinungsforschung griffen auf nichts anderes zu als auf zentrale Argumentationsmuster des Intelligent Design Movement (wenn man einmal von dem in Telefoninterviews schwer vermittelbaren Argument der irreduziblen Komplexität absieht). Scheinbar paradox: Man kann den geschickt gestellten Fragen eigentlich nur im Sinne des Discovery Institutes zustimmen, gleichzeitig aber mit guten Gründen dem "Intelligent Design" naturwissenschaftlich, weltanschaulich, theologisch und politisch eine klare Absage erteilen. In diesem Sinne bin ich sehr auf die Wirkung der Umfrage gespannt.
Heinz-Hermann Peitz, 02.07.09
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Was halten Sie von der Zogby-Umfrage?
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2 Kommentare
08.07.2009
Martin Neukamm
Web
Lieber Herr Peitz,
Was Ihre Meinung zu der Umfrage anbelangt, kann ich mich Ihnen nur anschließen. Wenn man die Befragten zwingt, sich zwischen einem evolutionären und einem christlichen Weltbild zu entscheiden, zwingt man den
Christen eher dazu, gegen Evolution zu votieren. Eine vernünftige Umfrage kann nur so aussehen, dass man zwischen Kreationismus, Intelligent Design, Schöpfung durch Evolution und Evolution ohne Schöpfung auswählen lässt.
Viele Grüße
Martin Neukamm
05.07.2009
Reinhold Leinfelder
Herrn Peitz ist mit seiner kritischen Einschätzung zur Zogby-Umfrage überaus Recht zu geben. Unstrittig ist, dass Kreationismus, incl. der sog. Intelligent Design-Theorie in USA nach wie vor einen ernstzunehmenden Einfluss ausübt. Sicherlich ist auch richtig, dass einige der Ziele der US-Kreationisten, nämlich Verunsicherung zu streuen und viele gesellschaftliche Bereiche zu infiltrieren, auch teilweise erreicht worden sind. Dennoch will das Discovery Institute gerade mit dieser Umfrage offensichtlich den Erfolg der eigenen Bemühungen überbetonen und damit auch verzerrt darstellen.
Vollkommen offensichtlich wurden, wie Herr Peitz sehr genau erkannt hat, die meisten Fragen sehr tendenziös gestellt. Die Antworten darauf können nicht als Unterstreichen des Erfolgs des (Neo-)Kreationismus gewertet werden. Herr Peitz hat Recht mit seiner Einschätzung, dass die Art der Fragestellung im Prinzip von vorne herein die Beantwortungsverteilung eindeutig präjudizierte. Wesentliche Fragen, wie die, ob man Evolutionstheorie als Interpretation der biologischen Mechanismen der Evolution und Religion(en) oder Philosophie als Hilfsmittel zur Beantwortung von Sinnfragen sieht und ob sich diese zwingend widersprechen müssen, wurden nicht gestellt.
Insbesondere zeigt sich wieder einmal, dass der Begriff Design von modernen Theologen, Kreationisten und Biologen ganz unterschiedlich gebraucht wird, was von den Kreationisten, aber teilweise auch von manchen (missionarischen) Atheisten gerne missbraucht wird.
Die Zogby-Umfragen gerieten übrigens trotz ihres guten Rufs letztens in den Verdacht, sich auch an tendenziösen Push-Poll-Umfragen beteiligt zu haben.
Eine ähnlich tendenziöse Umfrage gibt es auch in Deutschland, allerdings von anderer Seite, nämlich von Seiten der Giordano-Bruno-Stiftung. Diese ließ vom mit der Stiftung assoziierten FOWID-Institut eine Umfrage zum Kreationismus durchführen. Für diese Ende 2005 veröffentlichte Studie sehe ich durch entsprechende Fragestellung im Prinzip ebenfalls insinuiert, dass theistische Vorstellungen automatisch einem ID-Kreationismus entsprächen, wodurch z.B. bei Kirchgängern der Anteil derjenigen, welche die Evolutionstheorie ablehnen angeblich gar auf 80% steigt!
Sehr viel zuverlässiger erscheint mir hier eine 2006 im Science-Magazin erschienene Umfrage, nach der etwa 25% der deutschen Bevölkerung der Evolution eher ablehnend gegenüber stehen.
(nähere Diskussion hierzu siehe http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/07/sind-wir-denn-jetzt-alle-kreationisten.html )
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